Die finanzielle Krise in Europa

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Neue Freie Presse, Wien, 17. November 1891

Wien, 16. November.

Es ist gerade ein Jahr verstrichen seit jenem denkwürdigen Sonntag, an welchem das englische Volk unter dem Eindrucke der ernsten Nachricht stand, daß die Firma Baring an fremde Hilfe appelliren müsse, um die Insolvenz zu vermeiden. Die Bank von England und die großen Häuser der City haben diese Unterstützung gewährt, um namenloses Unglück zu verhüten und die Wirkungen der Katastrophe einzudämmen. Die von einer großen Auffassung und von weiten Gesichtspunkten geleitete Action hat aber eine traurige Consequenz herbeigeführt. Das Publicum in jenen Staaten, welche von der Krise nicht direct berührt waren, wurde zu dem Glauben verleitet, daß sich durch die Hilfsmittel der finanziellen Technik, welche die äußeren Symptome der wirthschaftlichen Krankheit mildern können, auch die letzten und inneren Ursachen des Uebels heilen ließen. Nur durch diesen Irrthum ist es zu erklären, daß einzelne Märkte im letzten Jahre eine Auffassung bekundet und eine Richtung eingeschlagen haben, die mit den ökonomischen Verhältnissen des größten Theiles der bewohnten Welt im Widerspruche gestanden sind. In erster Reihe ist hier Paris zu nennen. Dort hat die Thatsache, daß die französische Bank angerufen wurde, dem großen und in seiner Geschäftssphäre die ganze Erde umspannenden englischen Noten-Institute eine Unterstützung zu gewähren, einen maßlosen Chauvinismus entflammt Die Franzosen glaubten, es sei nunmehr der Moment gekommen, um die finanzielle Hegemonie Europas wieder an sich zu reißen. Die Pariser Börse betrachtete sich als die Führerin der Märkte; sie glaubte, daß sie an der Schwelle stehe, und sie überschätzte ihre Kraft. Das französische Volk besitzt eine enorme Sparfähigkeit, aber der Reichthum desselben ist doch nicht groß genug, um die Wirkung jener Ursachen aufzuheben, unter welchen ganz Europa leidet.

Das wichtigste Ereigniß, welches durch den Sturz des Hauses Baring und durch den Krach in London herbeigeführt wurde, besteht darin, daß der Credit zahlreicher Staaten aufs tiefste erschüttert wurde. Wir wollen diese Behauptung durch einige Ziffern illustriren. Im Jahre 1888 wurden die fünfpercentigen argentinischen Staatspapiere mit 94 Percent notirt, heute wird die 3 ½percentige argentinische Rente mit 27 Percent bewertet. Vor drei Jahren stellte sich der Preis der Mexicaner auf 96 Percent, heute auf 81 Percent. Der Curs der 4 ½percentigen portugiesischen Rente ist von 96 ½ Percent in dem gleichen Zeitraume auf 31 ½ Percent gesunken. Die vierperzentige spanische Rente fiel von 76 auf 50 Percent. Der Curs der fünfpercentigen griechischen Rente ist von 93 ½ auf 73 ½ Percent gefallen. Die 4 ½percentige brasilianische Rente ist seit dem Beginne dieses Jahres von 92.4 Percent auf runde 53 Percent gesunken. In Spanien besteht heute ein Goldagio von 17 Percent, in Griechenland ist die Note um 35 Percent weniger werth als das Gold, welches sie repräsentirt. Die italienische Rente konnte vor wenigen Jahren noch den Hochkurs von 98 Percent verzeichnen, und heute wird aus Paris ein Curs von 87.87 Percent gemeldet. Die Ursachen dieser Krise des Staatscredits sind nicht in allen Ländern dieselben, aber sie lassen sich doch im Allgemeinen auf eine gemeinsame Wurzel zurückführen Die meisten überseeischen Staaten, aber auch einige Länder in Europa haben die Ueberspeculation in London und Berlin und noch mehr den niedrigen Zinsfuß, welcher so viele Kapitalisten in Europa verlockte, das Moment des Risicos vollständig zu übersehen, dazu benützt, um im größten Maßstabe neue Schulden aufzuhäufen. Eine finanzielle Caricatur sind ja die Finanzen des Staates und der Provinzen in Argentinien, wo sich bei der Summirung aller öffentlichen Verpflichtungen ergibt, daß auf den Kopf der fünf Millionen zählenden Bevölkerung im Durchschnitte etwa tausend Francs an Schulden entfallen. Diese Factoren wurden von dem französischen Publicum und von der Pariser Börse vollständig übersehen. Der Fehler war um so bedeutungsvoller, als mit dem Zusammenbruche des Staatscredits so vieler Länder sich mit Nothwendigkeit ein Rückgang im auswärtigen Handel der wichtigsten Industrievölker verknüpfen mußte. Der Ausweis über den englischen Handeln in den letzten zehn Monaten zeigt im Exporte einen Rückgang von nicht weniger als 13 Millionen Pfund. Da in Folge der schlechten Ernte der Import um vier Millionen Pfund gestiegen ist, so ergibt sich im Ganzen eine wesentliche Verschlechterung der Handelsbilanz. Die gleichen Erscheinungen lassen sich auch in Frankreich constatiren. Dort betrug die Ausfuhr in den ersten neun Monaten dieses Jahres 2.6 Milliarden und ist gegen das Vorfahr um rund 100 Millionen Francs gesunken, während die Einfuhr nicht weniger als 300 Millionen Francs gestiegen ist. Die Verminderung der Ausfuhr ist hauptsächlich bei den Fabricaten eingetreten. Dieser Umstand beweist am besten, daß die abnehmende Consumkraft jener Staaten, deren Credit erschüttert ist, sich in Europa stark fühlbar macht. So complicirt sich die finanzielle Krise mit einer Verschlechterung der industriellen Conjunctur, welche wieder den Kapitalsbedarf in Europa wesentlich verringert. Daraus erklärt sich auch die merkwürdige Erscheinung, daß in einem Momente so großer finanzieller Erregung die Ausweise der Noten-Institute ein günstiges Bild bieten. Das Portefeuille der Bank von England stellt sich gegenwärtig auf 26 Millionen Pfund und ist gegen das Vorjahr nur um eine Million Pfund gestiegen. Das Portefeuille der Bank von Frankreich beträgt nach dem letzten Ausweise rund 726 Millionen Francs gegen 814 Millionen Francs im vorigen Jahre. Das Wechsel-Portefeuille der Deutschen Reichsbank wird mit 518 Millionen Mark gegen 568 Millionen Mark im Vorjahre ausgewiesen. Der günstige Status der Noten-Institute hat eine um so größere Bedeutung, als die meisten Industriestaaten durch die schlechte Ernte gezwungen sind, große Mengen von Lebensmitteln einzuführen, und als durch die Vertheuerung vieler Rohproducte der Geldbedarf sich unter sonst gleichbleibenden Verhältnissen hätte erholen müssen. In Südamerika in den zwei Staaten der iberischen Halbinsel, in Griechenland und Italien ist die Absatzfähigkeit zusammengeschrumpft. Dadurch haben nicht allein die Gründer und Financiers, sondern auch die Kaufleute schmerzliche Verluste erlitten. In den Portefeuilles zahlreicher englischer Firmen befinden sich nothleidende Wechsel; in allen westlichen Staaten, sowie in Deutschland bergen die Portefeuilles unverwerthbare Papiere. Dauernde und vorübergehende Schuldcontracte, die sich auf viele Milliarden belaufen, werfen keine Zinsen ab, repräsentiren ein wesentlich reducirtes Kapital oder sind gewaltthätig zerrissen worden. Die allgemeinen Ursachen der finanziellen Krise sind daher zu suchen im den ökonomischen Schwierigkeiten vieler Staaten, in der Abnahme des auswärtigen Handels, in der ungünstigen Ernte und in der vielfachen Unterschätzung jener Wirkungen, welche der verderbliche Rückschlag der Ueberspeculation in London nnd Berlin herbeiführen mußte.

Die schweren Uebel, mit welchen die europäischen Völker zu kämpfen haben, sind aber noch in bedeutendem Maße verschärft worden durch die Finanzpolitik des Herrn v. Wyschnegradski. Als er zum Finanzminister ernannt wurde, war gerade durch den Kampf gegen die russischen Werthe eine tiefgreifende Verschlechterung des russischen Papiergeldes eingetreten. Die Papier-Rubel erreichten damals in Berlin einen Curs von 161 Mark, während die Parität mit rund 325 Mark berechnet wird. Herr v. Wyschnegradski hatte nun den Plan, diese ökonomische Krankheit durch künstliche Mittel zu heilen. Der natürliche Weg zur Beseitigung eines Agios ist die Sparsamkeit im Budget, die Verbesserung der Verwaltung, die Pflege der Volkswirthschaft und in erster Reihe eine ehrliche, überzeugende aufrichtige Friedenspolitik. Diesen Weg wollte Herr v. Wyschnegradski nicht betreten, weil er fürchten mußte, in Widerspruch mit den herrschenden politischen Strömungens in Rußland zu gerathen. Rußland hat den nationalen Chauvinismus entfesselt, um das Volk von den wahren Gründen der inneren Misere abzulenken, und so ist es gekommen, daß Herr v. Wyschnegradski eine Finanzpolitik der Speculation einleitete und seinem Ressort dadurch zu nützen glaubte, daß er der größte und mächtigste Speculant in Europa geworden ist. Der Rubelcurs wurde bis auf eine Höhe von 265 Mark emporgetrieben, nicht durch eine Verbesserung in der Situation des Landes, sondern durch die Kühnheit, mit welcher der russische Finanzminister sich zu den umfassendsten Käufen von Rubelnoten entschloß. Alle verfügbaren Summen in den Kassen des großen Reiches wurden dazu verwendet, Rubelnoten zu erwerben, und diese Mittel wurden noch vermehrt durch die in raschem Tempo contrahirten Anleihen, die als Conversionen maskirt waren. Herr v. Wyschnegradski konnte so einen Goldschatz ansammeln, und während er auf der einen Seite Papierrubel kaufte, hatte er auf der anderen Seite die Möglichkeit, durch den Bezug von Gold die Zahlungsbilanz scheinbar zu verbessern. Diese rapide Unwälzung hat den russischen Export in bedeutendem Maße geschädigt, und als Herr v. Wyschnegradski merkte, daß sich gegen seine Operationen ein starker Widerstand auch in Rußland erhob, erlebte die Welt das merkwürdige Schauspiel, daß ein Finanzminister bemüht war, durch den Verkauf von Rubelnoten den Geldcredit seines Landes zu verschlechtem. So ist der Preis der Rubelnoten noch in der Periode vor der schlechten Ernte wieder anf 230 Mark gesunken, und Rußland wurde durch die fortwährenden Schwankungen des Geldwerthes auf das härteste getroffen.

Frankreich aber hatte vier Milliarden russischer Werthe aufgenommen. Diese Ueberladung hätte auch ohne die agrarische Katastrophe zu einer Krise des Pariser Marktes führen müssen. Herr v. Wyschnegradski kannte seine eigene Situation so wenig, daß er vor einem halben Jahre die holländische und die englische Anleihe kündigte, ohne sich vorher die Deckung der nothwendigen Mittel für die Bezahlung der Gläubiger gesichert zu haben. Es handelte sich freilich nur um etwa 25 Millionen Rubel, aber der Vorfall ist charakteristisch für den schrankenlosen Optimismus des russischen Finanzministers. Herr v. Wyschnegradski ist jetzt aus allen seinen Himmeln gestürzt, die dreipercentige russische Anleihe hat ein Fiasko erlitten, der russische Credit ist erschüttert, die Rubelnoten sind auf den Preis von 193 Mark gesunken. Die vierpercentige russische Rente ist von ihrem Hochcurse, der 98 Percent betrug, auf nahezu 87 Percent gefallen; die Orient-Anleihe hatte im türkischen Kriege einen Curs von 51 Percent und steht gegenwärtig auf 58 Percent. Die Finanzpolitik des Herrn v. Wyschnegradski kracht in allen Fugen. Er hat bereits den Kampf gegen den Cursfall der Rubel aufgegeben, er weiß, daß er ein großes Deficit zu bedecken haben wird und daß er in ganz Europa kein Geld finden kann. Schon wird aus London gemeldet, daß Herr v. Wyschnegradski eine Anleihe mit fünfpercentiger Verzinsung aufnehmen wolle. Rußland mit seinem Geldbedarfe, mit seinen Verlegenheiten, welche zu neuen Schulden zwingen, ist das Gespenst der Pariser Börse geworden. Daraus erklärt sich, daß die Panique in Paris jeden Tag aufs neue beginnt und daß heute abermals eine scharfe Deroute gemeldet wird. Die finanzielle Krise hat jetzt ihren Gipfelpunkt erreicht durch die Nothwendigkeit, den russischen Credit mit den thatsächlichen Verhältnissen in Einklang zu bringen. Die französischen Banken haben sich einer Frivolität schuldig gemacht, als sie angesichts des schrecklichen Elendes in Rußland dem Publicum eine dreipercentige russische Anleihe mit 79 ¾ Percent anboten. Im Laufe eines Monats ist dieses Papier fünf Percent unter seinen Emissionscurs gesunken. Frankreich verliert viele hundert Millionen durch seinen Besitz an russischen Werthen. Die russische Krise ist der wichtigste Grund, welcher jetzt die Märkte beunruhigt und in Aufregung bringt. Die Erholung wird in dem Augenblicke eintreten, wo Rußland die abenteuerliche Finanzpolitik des Herrn v. Wyschnegradski beseitigt und wo die russischen Werthe jenen Preis erreicht haben werden, welcher in Uebereinstimmung ist mit der ökonomischen Lage dieses so schwer geprüften Reiches.

Wechselkurse

  • 100 Österreichische Gulden = 172,21 Mark
  • 100 Französische Francs = 80,78 Mark
  • 10 Pfund Sterling = 203,77 Mark
  • 100 Papier-Rubel = 193,73 Mark

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