Parlaments-Feuilleton der Berliner Wespen

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PF

Berliner Wespen, 29. November 1878

Sitzung des Abgeordnetenhauses. Die Tribünen sind überfüllt. Am Ministertisch der Justizminister Leonhardt mit einem langen, aus Cornmissarien gebildeten Schatten.

Aus der Tagesordnung steht die Interpellation des Abg. v. Schorlemer-Alst und Genossen, welche an die Staatsregierung die Frage richten, ob dieselbe gewillt sei, im Bundesrath des deutschen Reichs gesetznehmerische Maßregeln gegen den Wucher zu beantragen.

Der Justizminister erklärt, die Interpellation sofort ausführlich unbeantwortet lassen zu wollen.

Abg. v. Schorlemer-Alst. Meine Herren, gegen — die Halsabschneider muß etwas geschehen, und daher habe ich meine Anfrage an die Regierung gerichtet. Wenn sich Jemand partout den Hals abschneiden lassen will, so kann die Regierung nichts dagegen thun, aber sie kann dafür Sorge tragen, daß der Halsabschneider bei seinem Mord die größtmöglichste Vorsicht anwendet, damit er nicht mit dem Gesetz, in Conflict kommt. Ich weiß ja, meine Herren, daß dies den Hälsen nichts nützen kann, aber Sie glauben gar nicht, welch einen guten Eindruck meine Interpellation in allen Wahlkreisen macht. Jeder, der heute zu sechs Procent kein Geld auftreiben kann, wird nächstens ultramontan wählen, und das Centrum wird wenigstens um so viel Procent Wähler gewinnen, als über sechs Procent genommen zu werden pflegt. (Beifall im Centrum.)

Der Justizminister. Die königliche Staatsregierung ist leider in der Lage, auf Ihre Frage: Wird sie Ja sagen? Nein, und auf die Frage: Wird sie Nein sagen? Ja antworten zu müssen. Sie hält das Halsabschneiden allerdings für ein Verbrechen, aber indem sie diesem Gegenstande solchergestalt stets ihr lebhaftes Interesse widmet, glaubt sie doch, verpflichtet zu sein, zuvörderst sämmtliche abgeschnittene Hälse herbeischaffen zu müssen, bevor sie weiterem Zinsenvergießen Einhalt gebietet. (Bravo der Commissarien.)

Es wird auf Antrag des Abg. Dr. Meyer (Breslau) in die Besprechung des Gegenstandes der Interpellation eingetreten. 14 Redner melden sich zum Wort, von denen 6 gegen, 8 für die Tendenz des Interpellanten sprechen wollen.

Marmor-SaalDa dies nicht besonders amüsant zu werden verspricht, so kommt der gewaltige Schröder (Lippstadt) vor dem Herrn auf die gute Idee, — denn die Jahreszeit eignet sich vortrefflich dazu, — eine kleine Judenhetze zu arrangiren. Im Centrum hat man sich lange aus ein solches Extravergnügen gefreut, das aber immer wieder vertagt worden war, ohne daß irgend ein unvernünftiger Grund dafür angegeben werden konnte. Einige fragten: „Giebt es denn überhaupt eine Schonzeit für die Juden?“ Andere antworteten: „Natürlich, denn die Liberalen und Fortschrittler haben die Lüge verbreitet, die Inquisition hätte zu schändlich unter den Juden gehaust, zu viel abgeschossen und dem jüdischen Wildstand großen Schaden zugefügt.« Da sagte aber Schröder, das sei lange her und nicht mehr wahr, ein klein wenig könne immer schon wieder gehetzt werden, man könne ja sagen, daß die Juden und nur die Juden die Landwirthschaft überwucherten und den Handwerkern und Fabrikanten die Früchte vom Leibe fräßen, man wolle sehr vorsichtig hetzen, also z. B. nur die jüdischen Wucherer auf’s Korn nehmen und, wenn ihnen aus ihrem Waidwerk ein Vorwurf gemacht werde, angeben, Windthorst (Bielefeld) habe an Allem Schuld, der sei der intellectuelle Urheber. Und nun eröffnete er die Hatz, indem er vor das Centrum hintrat und begann:

Was gleicht wohl auf Erden dem Schrödervergnügen?
Wem sprudelt der Römer der Freude so sehr?
Die Juden nun mal vor die Flinte zu kriegen,
Den Hirsch zu verfolgen, den Wolf und den Bär,
Ist Freude des Centrums, ist männlich Vergnügen,
Das stärkt die Mandate und würzt die Session
Und ist mal was Neues, es wächst aus dem Halse
Der ew’ge Culturkampf gar lange uns schon.
Joho! Trallera la la.

Centrumschor. La la la la la &c. &c.

Hundt von Hafften schlägt laut an, und dies jagt den Jägern einen derartigen Schreck ein, daß sie die Flinte in’s Korn werfen und, von allseitiger Heiterkeit begleitet, wieder umkehren.

Damit ist zugleich auch die Interpellation erledigt.

Nächste Sitzung Nr. 49 der Berliner Wespen.

Zum Hintergrund siehe: Sind Sie nun bald mit der Judenhetze fertig?

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