Rothbard als Hütchenspieler

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Vor einer Weile haben wir in einem Kommentar auf unserer Facebookseite unserer Skepsis über die Leistungen der Österreichischen Schule Ausdruck verliehen, die in Deutschland, anders als den angelsächsischen Ländern, geradezu als die einzige Verkörperung libertärer Theorie gilt. Als Reaktion erhielten wir dann, wofür wir uns bedanken möchten, unter anderem einen Hinweis auf eine frühe Schrift von Murray Rothbard aus dem Jahre 1956: „Toward a Reconstruction of Utility and Welfare Economics“ . Wir denken, daß diese gerade in ihrer Knappheit einige der Schwächen der Österreichischen Schule klarlegt, verstanden als die Richtung, die mehr auf Murray Rothbard als auf Ludwig von Mises zurückgeht, und nicht im Sinne der klassischen Österreichischen Schule des 19. Jahrhunderts.

Wir gestehen gerne, daß wir keine erschöpfende Kenntnis der Schriften dieses Genres haben. Hierfür möchten wir zwei Gründe anführen: Zum einen fanden wir das, was wir kennen, nicht überzeugend genug, um uns durch Tausende und Abertausende von Seiten durchzukämpfen, anstatt uns mit Dingen zu befassen, die uns nützlicher erschienen. Zum anderen waren wir weniger als beeindruckt von den Argumentationen derer, die sich dieser Mühe unterzogen hatten. Wenn nach der Lektüre so wenig herauskommt, dann liegt doch die Vermutung nahe, daß sich der Aufwand nicht lohnt.

Wir möchten damit nicht sagen, daß schier alles, was aus dieser Richtung kommt, nach unserer Auffassung wertlos ist. Allerdings handelt es sich hier, soweit wir es sehen können, eher um Nebendinge zum Projekt der Österreichischen Schule. Etwa gefällt uns der selbstbewußte Schwung des Misesschen „Liberalismus“, Liberalismus nicht als eine verschwommene Haltung in der „Mitte“ zu fassen. Auch die historische Zusammenfassung der Vorgeschichte des Nationalsozialismus in „Omnipotent Government“ ist wohl die beste und treffendste Schilderung, die wir kennen. „The Anti-Capitalistic Mentality“ oder „Die Bürokratie“ enthalten viele wertvolle Gedanken. Und die Zusammenfassung und Kritik an den diversen sozialistischen Richtungen in „Die Gemeinwirtschaft“, bzw. „Socialism“, halten wir für eine große Leistung, auch wenn wir das Kostenrechnungsargument für maßlos überschätzt ansehen.

Dies vielleicht auch als kleiner Hinweis für diejenigen, die denken mögen, wir würden aus reiner Ignoranz argumentieren. „Human Action“ haben wir uns, das sei eingestanden, aufgrund der obigen Überlegungen soweit noch nicht angetan. Bevor wir uns an die Kritik an Rothbard begeben, möchten wir ein wesentliches Argument noch nennen, warum wir ein Projekt wie in „Human Action“ für von vornherein zum Scheitern verurteilt halten. Mit langen Ausführungen mag man das vielleicht verdecken können, indem man etwa mit Doppeldeutigkeiten spielt, darum herum kommt man aber nicht.

Die grundsätzliche Behauptung ist die, daß die Österreichische Schule von unbestreitbar wahren Axiomen ausgeht und daraus alles mit logischen Schlüssen folgern kann. Das ist, auch wenn Rothbard sich in der oben genannten Schrift mit dürftigen Argumenten davon absetzen möchte, ein typisch mathematisches Vorgehen. Innerhalb eines solchen Systems, soweit es keinen Widerspruch enthält, kann es nur tautologische Schlüsse geben, die dafür aber auch notwendig wahr sind.

Die Österreichische Schule besteht darauf, daß die Axiome unbestreitbar wahr seien. Das ist eigentlich unerheblich für die Übung, weil Axiome per Definition innerhalb eines solchen Systems als wahr gesetzt werden. Ironischweise vertraut man dabei auf eine der Betrachtung vorhergehende, nicht weiter ausgeführte Argumentation, die diese unbestreitbare Wahrheit etabliert. Soweit wir es verstehen, zieht man sich auf einen Appell an die Intuition zurück, was unseres Erachtens auch durchaus legitim ist. Man muß irgendwo mit einem festen Punkt anfangen, will man nicht in einen unendlichen Regreß geraten. Aber damit macht man eben nichts anderes, als die Axiome innerhalb des Systems als wahr zu setzen. Daß man sie auch aus anderen Gründen für richtig hält, führt dann höchstens dazu, daß man die aus ihnen gezogenen Schlußfolgerungen für relevant hält.

An einer solchen Vorgehensweise haben wir per se nichts auszusetzen, wenn man nicht gleichzeitig andere dafür kritisiert, ebenso vorzugehen. Auch jeder Keynesianer oder Vertreter praktisch jeder anderen Richtung wird ausgehend von grundsätzlichen Aussagen zusehen, was sich aus diesen notwendig alles folgern läßt. Soweit wir sehen können, machen sich Richtungen, die sich einer gewissen Kritik stellen müssen, auch keiner Fehler schuldig, innerhalb ihres Systems Schlußfolgerungen herzuleiten. Im Gegensatz hierzu, wie wir gleich sehen werden, hat Rothbard gewisse Probleme, konsistent zu bleiben.

Innere Konsistenz ist nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung, daß eine Theorie die Wirklichkeit zutreffend wiedergibt. Es lassen sich viele solcher Systeme aufmachen, die in sich stimmig sind, aber ganz unterschiedlich gut zur Wirklichkeit passen.

Nun der Knackpunkt: Viele Aussagen in den Wirtschaftswissenschaften sind nicht notwendig wahr, sondern empirisch, d. h. sie können wahr oder falsch sein. Nehmen wir ein Beispiel: Werden sich Kartelle auf einem bestimmten Markt bilden? — Das ist eine empirische Aussage, die wahr oder falsch sein kann. Egal wie man sich den Markt und die Rahmenbedingungen vorstellt, können die potentiellen Mitglieder eines solchen Kartells sich zusammenschließen oder auch nicht. Es gibt keinen notwendigen Grund, warum sie das eine oder anderen tun müßten.

Gesteht man diesen Punkt zu, dann gerät das Projekt der Österreichischen Schule ins Schlingern. Auf keinem Weg kann man von notwendig wahren Aussagen zu empirischen Aussagen gelangen. An irgendeiner Stelle müßte man dazu nämlich folgende Situation haben: Die Voraussetzungen sind alle notwendig wahr, aber daraus läßt sich mal logisch schließen, daß die Folgerung wahr ist, mal schließen, daß sie falsch ist. Beides geht aber nicht.

Es ist in dem Zusammenhang ganz instruktiv sich anzuschauen, wie Rothbard versucht, um dieses fatale Problem herumzukommen. Wir führen das nicht ganz aus, aber es sei ein Punkt herausgegriffen, vgl. Man, Economy, and the State, Kapitel: Monopoly and Competition. Hier meint Rothbard ganz unlogisch zeigen zu können, so er es nicht schlicht ohne Begründung behauptet, daß Kartelle normalerweise keinen langen Bestand hätten, weil Teilnehmer aus Eigeninteresse ausscheren würden, oder nur selten das Volumen beschränken („such actions will surely occur very seldom“). Doch das ist eine empirische Aussage, die er gar nicht notwendig folgern kann. Eine Aussage „meistens“ oder „selten“ ist eben nicht notwendig so oder so.

Nun zur Kritik am oben zitierten Artikel Rothbards. Wir konzentrieren uns auf den Punkt „Welfare Economics: A Reconstruction“ ab Seite 28, den er für seinen innovativen Beitrag hält und der, soweit wir es kennen, auch reichlich Schule gemacht hat. Der erste Teil enthält hingegen Kritik an anderen Ansätzen, die wir teilweise für zutreffend, oft allerdings für schlecht und falsch argumentiert halten.

Die Vorgehensweise von Rothbard ist fast schon rührend lächerlich. Nachdem er sich lange darüber verbreitet hat, daß offenbarte Präferenzen alles sind, worauf man sich stützen darf — nebenbei der blanke Behaviorismus —, setzt er wie folgt an (Seite 28/29):

Let us now consider exchanges on the free market. Such an exchange is voluntarily undertaken by both parties. Therefore, the very fact that an exchange takes place demonstrates that both parties benefit (or more strictly, expect to benefit) from the exchange. The fact that both parties chose the exchange demonstrates that they both benefit.

Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen. Es soll ja alles notwendig folgen, deshalb auch die Verwendung von starken Worten wie „[t]herefore, the very fact […] demonstrates […]“. Allein die Form der Formulierung liefert nicht die logische Stringenz, sondern suggeriert sie nur.  In Klammern schiebt Rothbard nämlich die wesentliche Qualifikation ein, als wenn es nur um ein technisches Detail ginge: „or more strictly, expect to benefit“.

Doch die Freiwilligkeit des Tausches zeigt nur, daß beide Seiten sich einen Vorteil ex ante erwarten, nicht daß sie ihn ex post bekommen. Im nächsten Satz wird das aber dann einfach behauptet, ohne daß auch nur ein Argument dafür vorgebracht würde. Um so schließen zu können, müßte Rothbard eigentlich zeigen, daß die Erwartung notwendigerweise eintritt. Dazu ist er natürlich zu schlau, weil jeder weiß, daß das genauso unbestreitbar nicht wahr ist, wie seine angeblichen Axiome. Manche Tauschakte erzielen ihre Erwartungen, andere nicht. Man denke etwa an Fälle, wo die eine Seite sich nicht richtig informiert hat oder — noch drastischer — von der anderen Seite betrügerisch in die Irre geführt worden ist.

Natürlich könnte man nun argumentieren, daß meistens die Erwartungen erfüllt werden. Aber ab da ist es mit der notwendigen Folgerung aus, weil man eine empirische Behauptung vor sich hat und zudem auch eine Größe für das „meistens“ angeben müßte: 99%, 90% oder vielleicht auch nur 51%? Und würde das für einen beliebigen Tausch gelten oder nur für gewisse? Könnte es Marktbereiche geben, auf denen Uninformiertheit oder sogar Betrug die Regel sind, andere, auf denen sie kaum je vorkommen, sodaß sich das über alle ausmittelt?

Nachdem Rothbard sein obiges Non-Sequitur mit einem Hütchenspiel etabliert hat, läßt es sich unbekümmert weiterschließen:

The free market is the name for the array of all the voluntary exchanges that take place in the world. Since every exchange demonstrates a unanimity of benefit for both parties concerned, we must conclude that the free market benefits all its participants.

Der erste Satz ist nur eine Umformulierung der zu Beginn gesetzten Definition. Und dann kommt einfach noch einmal die noch gar nicht bewiesene Behauptung. Daß Rothbard genau weiß, was er hier macht, zeigt die sonderbare Formulierung „unanimity of benefits“. Während er braucht, daß die realisierten Ergebnisse ex post stimmen, hält er hier die Behauptung in der Schwebe, ob es sich nicht auch einfach nur um die Erwartungen ex ante handeln könnte.

Nur, wenn es die Erwartungen sind, dann funktioniert sein Argument nicht. Oder das Ergebnis besteht nur in der unbeeindruckenden (und wohl nicht mal richtigen) Aussage, daß freiwillige Täusche nur mit Erwartungen eines Vorteils ex ante eingegangen werden. Die Ergebnisse können ganz anders aussehen. Wenn es wirklich so wäre, wie Sozialisten nicht müde werden zu behaupten, daß an Märkten fast nur Illusionen, Täuschungen und Betrug vorkommen, dann könnten die Ergebnisse eines freien Marktes so schlecht wie auch immer sein, gemessen an jedem möglichen Maßstab, den man sich denken kann.

Nach einem weniger relevanten Einschiebung, stampft Rothbard dann noch einmal mit dem Fuß auf und wiederholt seine Behauptung einfach erneut in anderer Formulierung:

We are led inexorably, then, to the conclusion that the processes of the free market always lead to a gain in social utility. And we can say this with absolute validity as economists, without engaging in ethical judgments.

Allgemein kann man in solchen Fällen feststellen, daß je dürftiger das Argument oder wie hier gleich ganz abwesend ist, desto bestimmtere Ausdrücke gewählt werden: „we are led inexorably“ und  „absolute validity“. Das ist doch etwas stark für einen solchen Trugschluß.

Wir überspringen die nächsten Ausagen über Verteilung, die wieder auf dem fehlenden Fundament aufgebaut werden (Seite 30):

„[…] and since this process benefits all participants in the market and increases social utility, it follows directly that the „distributional“ results of the free market also increase social utility“ ,

wollen aber doch vermerken, daß die Behauptung

„[a] man’s monetary assets have been acquired precisely because his or his ancestors’ services have been purchased by others on the free market“

aus dem Nichts kommt. Das ist entweder eine Annahme per Definition oder eine falsche Aussage: Rothbard geht ja nicht davon aus, daß es bereits einen freien Markt gibt. Würde ein solcher eingeführt nach welcher Definition auch immer, dann würde das Eigentum zu Beginn auf irgendeine willkürliche Weise den Marktteilnehmern zugeordnet werden, vermutlich nach den Verhältnissen vor dem freien Markt.

Aber dann gibt es keine endlose Kette von freiwilligen Täuschen auf einem freien Markt, sie beginnen ja an dieser Stelle erst. Oder Rothbard rekurriert auf die Verhältnisse vor einem freien Markt (was er auch tun müßte, wenn er davon ausgeht, daß es einen solchen schon gibt, aber nicht schon ewig gegeben hat), die aber auf diese Weise nicht gerechtfertigt werden können. Wieso es „monetary assets“ sein müssen, entzieht sich uns vollkommen.

Dagegen könnte man natürlich argumentieren, daß das aus alter Zeit überkommene Kapital nur einen kleinen Anteil hat und von diesem nur der geringere Teil ursprünglich illegitim erworben wurde, etwa Vermögen, daß sich auf irgendeine Weise auf Gewinne aus Sklaverei zurückführen läßt, wie es etwa Eugen Richter in den „Irrlehren der Sozialdemokratie“ meint. Doch das wäre dann wieder eine empirische Aussage, daß es meistens doch auf einem legitimen Weg erworben wurde. Notwendigerweise gilt das nicht.

Rothbard versucht schließlich die Schädlichkeit von Staatstätigkeit auf die schon oben geübte Weise per Behauptung nachzuweisen (Seite 31):

We have just seen that whenever government forces anyone to make an exchange which he would not have made, this person loses in utility as a result of the coercion.

Nach dem, was Rothbard bis zu diesem Punkt gezeigt hat, kann er aber nur zeigen, daß der Staat hier etwas unterbindet, von dem sich der Betreffende einen Vorteil erwartet. Es hängt wieder davon ab, ob diese Erwartung zutreffend ist. Grundsätzlich ist es denkbar, daß der Staat auch aus der Sicht desjenigen, den er so zwingt, ex post mehr Vorteil liefert, als bei der unterbundenen Transaktion herausgekommen wäre.

Das wäre etwa das übliche Argument für staatliche Zwangsversicherungen, weil die Bürger angeblich in Illusionen befangen seien oder von Anbietern über Ohr gehauen würden. Da beides durchaus vorkommen kann, reduziert sich die Aussage wieder auf eine empirische Frage, wie häufig ein solcher Fall vorkommt, wie groß der Nutzen aus der staatlichen Tätigkeit wirklich wäre und ob er gegen die freiwillige Situation besser abschneiden würde.

Wir hätten hier durchaus auch unsere Zweifel an dem Erfolg des Staates, besonders wenn eine grundsätzliche Überlegenheit postuliert wird, halten nur die Argumentation von Rothbard für falsch. Selbst wenn es so wäre, daß der Staat hier etwas besseres ex post liefern könnte, ist damit Zwang außerdem noch längst nicht gerechtfertigt. Er läßt sich in dem Fall nur mit wohlfahrtsökonomischen Gründen nicht zurückweisen.

Auf nämliche Weise „folgert“ dann Rothbard, was er nur behauptet hat (Seite 31):

Given the fact that coercion is used for taxes, therefore, and since all government actions rest on its taxing power, we deduce that: no act of government whatever can increase social utility.

Es ist nicht mal richtig, daß Staaten sich allein aus Steuern finanzieren. Der deutsche Staat hält etwa riesige Ländereien und bezieht Einkünfte aus deren Bewirtschaftung.  Aber das ist eher eine nebensächliche Ungenauigkeit. Selbst wenn es so wäre, wie Rothbard behauptet: Entweder, um es zu wiederholen, stimmt diese Aussage in einem schiefen Sinne, nämlich daß die Erwartungen ex ante an die staatlichen Maßnahmen gegenüber den Erwartungen ex ante von Vorteilen sonst zurückbleiben. Oder in dem Sinne, in dem man „social utility“ intuitiv verstehen würde, und in dem Sinne, den Rothbard suggeriert, ist die Aussage nicht gezeigt worden. Wieder geht es nämlich um empirische Aussagen, die Rothbard grundsätzlich auch gar nicht als notwendig herleiten kann.

Wir hören an dieser Stelle auf. Vielleicht hat diese Diskussion gezeigt, warum wir so wenig Lust haben, uns durch Rothbards Werk durchzuarbeiten. Was so auf Sand gebaut ist und sich nur durch Doppeldeutigkeiten und unbegründete Behauptungen stützen läßt, kann kaum das Fundament für ein gewichtiges Gedankengebäude sein.

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