Erste Kritik zu „Rothbard als Hütchenspieler“

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[Hier ist der ursprüngliche Artikel: Rothbard als Hütchenspieler.]

Auf der Facebookseite von „Österreichische Schule“ meint Alex Vlakxo:

„Grundsätzlich ist es denkbar, daß der Staat auch aus der Sicht desjenigen, den er so zwingt, ex post mehr Vorteil liefert, als bei der unterbundenen Transaktion herausgekommen wäre.“

Zu dem Ergebnis kommt doch aber auch nur, wenn man bei allen Menschen ein masochistisches Wesen voraussetzt.

Unsere Antwort:

Wir müssen hier nur wenig beweisen, nämlich daß soetwas denkbar ist. Ein einziger Fall genügt, da Rothbard für sein Argument eine Aussage „für alle Fälle gilt“ benötigt. Wir bauen auch gerne ein, daß nicht „alle Menschen ein masochistisches Wesen“ haben. Here goes:

Ausgangslage: Sie haben 1000 Euro. Ohne Staatseingriff sehen Sie als die beste Anlage an, das Geld auf dem Konto liegen zu lassen. Ihre Erwartung bei den aktuellen Zinsen ist, daß Sie in etwa den Nominalwert über das nächste Jahr behalten, sagen wir eine Rendite von 1% nominal.

Der Staat: Er nimmt Ihnen die 1000 Euro weg und investiert sie in Aktien. Sie bekommen den Wert der Aktien nach einem Jahr zurück. Sie erwarten, daß Aktien keine gute Anlage sind, sonst hätten Sie Ihr Geld nicht auf dem Konto gelassen. Ihre Erwartung ist etwa, daß Sie über das nächste Jahr 10% verlieren werden.

Über das nächste Jahr: Der Staat hat Glück (oder Geschick), und die Aktien steigen um 10%. Hätte Ihnen der Staat das Geld nicht weggenommen, dann hätten Sie 1% Rendite gemacht, so 10%.

Ergo: Ihre Erwartung war falsch. Ex ante konnten Sie sich schlechter gestellt fühlen, ex post stehen Sie durch den Eingriff des Staates besser da, weil die Ergebnisse nicht mit den Erwartungen zusammengefallen sind.

Anmerkung: Die genauen Details sind völlig belanglos, mehr ein Test für alle, die sich an dem Nebensächlichen festbeißen, aber das grundsätzliche Argument nicht angehen wollen.

An nämlichem Ort meint Philipp Bachler:

Ist Kritik mit denen sich die AnarchoCaps herumschlagen müssen. Als Minimalstaatler gehe ich davon aus, dass sich bei/nach Betrug und Kartellbildungen – Sklaven wollen keine Freiheit, sondern Sklavenherren werden – sich eine Gruppe von Menschen, in überschaubarer Einheit, Regeln vereinbaren und territorialer Schutz organisieren. Staatenbildung ist wohl etwas Natürliches des Menschen. Freiheit ist wie alles in dieser Welt relativ, nie absolut.

Und:

*wie alles abstrakte auf…  Das Halbschwanger-Argument gilt hier nicht.

Unsere Antwort:

Den Zusammenhang mit dem Artikel haben wir nicht verstanden. Rothbard möchte natürlich auf dem Weg ein für alle Mal beweisen, daß alles, was der Staat macht, schlecht ist. Das Argument funktioniert nicht. Aber selbst wenn es funktionieren würde, folgt daraus keine anarchokapitalistische Position. Beispielsweise könnte eine anarchokapitalistische Gesellschaft unmöglich sein aus Gründen, die Rothbard übersieht, sodaß es die Alternative nicht gäbe. Dann würde seine Analyse nur zeigen, daß wir nicht in einer perfekten Welt leben. Umgekehrt ist unsere Kritik sowohl mit einer anarchokapitalistischen als auch einer minarchistischen Position (und mancher anderen) verträglich, weil sie einfach nur auf die logischen Bocksprünge von Rothbard abzielt. Das kann man nachvollziehen — ganz gleich, welche politische Position man bezieht.

Auf unserer Facebookseite merkt Fips Michalsky folgendes an (Absätze eingefügt, die wohl gemeint waren, aber auf Facebook nicht gingen):

„Die grundsätzliche Behauptung ist die, daß die Österreichische Schule von unbestreitbar wahren Axiomen ausgeht und daraus alles mit logischen Schlüssen folgern kann.“

wäre mir neu. vielleicht machen ein paar vulgärösterreicher es so, aber bei mises wird sich das kaum finden lassen. imho ist für ihn nur die praxeologie ein logisch geschlossenes system mit notwendig wahren schlüssen. alles was darüber hinaus geht ist praxeologie + empirie. die stärke der praxeologie ist imho eher, dass sie ursachen und wirkungen aufzeigt, die empirisch nicht mehr einfach messbar sind.

„Wir hören an dieser Stelle auf. Vielleicht hat diese Diskussion gezeigt, warum wir so wenig Lust haben, uns durch Rothbards Werk durchzuarbeiten. Was so auf Sand gebaut ist und sich nur durch Doppeldeutigkeiten und unbegründete Behauptungen stützen läßt, kann kaum das Fundament für ein gewichtiges Gedankengebäude sein.“

rothbard hat in seinem leben viel quatsch geschrieben und nebenbei auch ein paar brauchbare sachen. dummerweise habt ihr euch hier den größten quatsch rausgesucht, aber damit seht und fällt der brauchbare teil nicht wirklich.

Unserer Antwort:

Wir haben bewußt nicht den Titel gewählt „Rothbard ist ein Hütchenspieler“, weil wir nicht in der Lage sind, sein Gesamtwerk zu würdigen. Unter dem Link unten ist die Kritik von Bryan Caplan zusammengestellt an „For A New Liberty“. Nicht alle Kritik ist dabei negativ (wir haben nur den Teil zusammengestellt, weil er vielleicht interessanter ist).

Das Argument, das wir uns vorgenommen haben, scheint uns für Rothbard aber schon zentral zu sein, auch die grundlegende Behauptung, von  Mises stammend, man könne Wirtschaftswissenschaften rein apriori betreiben, oder das Ressentiment gegen Mathematik (während man verbal auf eine unklare Weise genau dasselbe machen will).

Soweit wir sehen können, ist diese Art zu argumentieren, fast Pflicht für alle Anhänger der Richtung, sodaß wir uns nicht eine Randnotiz rausgesucht haben. Und stilbildend (hier kommt vermutlich der Einfluß von Marx und Engels zum Vorschein) ist der Tonfall, bei dem man so tut, als wenn man logisch etwas bewiesen hätte, während man es einfach nur behauptet und in vielen Variationen wiederholt hat. Geht man die einzelnen Schritte durch, so bleibt nicht viel davon übrig. Wir mußten uns im Post mit Rücksicht auf die Länge sogar noch viele andere Kritiken sparen, die nahelagen.

[Anmerkung: die Aussage zu Marx und Engels würden wir zurückziehen. Wir meinen, daß Rothbard aus einem kommunistisch geprägten Umfeld kam, sind uns da aber nicht sicher. Und das ist hier auch nicht relevant.]

Wir würden nicht denken, daß wir den Kern der Österreichischen Schule mit der Behauptung der Möglichkeit einer rein aprioristischen Vorgehensweise verfehlt haben. Die Beschäftigung mit empirischen Methoden ist sicherlich nichts, was einen anspringt. Im Gegenteil. Als Startpunkt diese Suche auf BHLs und die Artikel, die sie liefert: http://bleedingheartlibertarians.com/?s=apriori

Das fanden wir eine Parodie, die uns recht treffend erschien: Jason Brennan: Another conversation I had about a priori psychology

Wieder Herr Michalsky:

auch die grundlegende Behauptung, von Mises stammend, man könne Wirtschaftswissenschaften rein apriori betreiben, “ die Textstelle hätte ich gerne

Und damit meine ich  Wirtschaftswissenschaften im heutigen Sinn. Und nicht wie für Mises das kleine set an  allgemeingültigen regeln. Das hier ist wirklich ne Strohmann Argumentation. Egal welchen Autor, wenn man ihn hart genug liest kommt  immer Quatsch dabei raus. Geschenkt…

Unsere Antwort:

Wenigstens in der Darstellung von Rothbard: „First, it should be made clear that neither Professor Machlup nor Professor Hutchison is what Mises calls a praxeologist, that is, neither believes (a) that the fundamental axioms and premises of economics are absolutely true; (b) that the theorems and conclusions deduced by the laws of logic from these postulates are therefore absolutely true; (c) that there is consequently no need for empirical “testing,” either of the premises or the conclusions; and (d) that the deduced theorems could not be tested even if it were desirable.2 Both disputants are eager to test economic laws empirically.“ Vgl. Murray Rothbard: In Defense of ‚Extreme Apriorism‘ – Seite 1.

Wieder Herr Michalsky:

rothbards darstellung ist irrelevant. was zählt ist die orginalquelle.

aber selbst rothbards darstellung stützt eure interpretation nicht. es geht hier um grundlegende  annahmen in einem formalen system, wie „menschen sind nutzenmaximierer“ oder „menschen konsumieren lieber jetzt als später ceteris paribus“. aussagen wie: staaten treffen immer bessere/schlechtere entscheidungen sind keine praxeologischen kernsätze, sondern empirische schlüsse die (und jetzt kommt das zentrale) durch praxeologische schlüsse weiter gesetützt werden können. das ist der unterschied zwischen synthetischen urteilen apriori und analytischen urteilen apriori. die analytischen könnten empirische urteile nicht stützen, mises synthetische urteile können es (mein er zumindest). aber das heißt nicht, dass sie hinreichend für einen beweis sind! und soweit ich mich in seinem werk auskenne behauptet er das auch nirgens. allerdings trennt er den status seiner schlüsse auch nicht so sauber, dass man beim ersten lesen gleich versteht wie etwas einzuordnen ist. muss man eben ein bisschen mitdenken.

„Dies vielleicht auch als kleiner Hinweis für diejenigen, die denken mögen, wir würden aus reiner Ignoranz argumentieren. “Human Action” haben wir uns, das sei eingestanden, aufgrund der obigen Überlegungen soweit noch nicht angetan.“

ich frag mich warum ich dann noch weiter mit euch darüber diskutieren sollte? ihr kritisiert die praxeologie und das einzige relevante werk dazu habt ihr nicht gelesen???

Unsere Antwort:

Wir können ja auch über eine Spruch von Jesus diskutieren, ohne die gesamte Bibel gelesen zu haben oder kritisieren zu müssen. Es geht ja nicht um eine Kritik von „Human Action“, sondern des genannten Artikels von Rothbard. Wenn er da einfach nur Behauptungen als Beweise ausgibt, dann ist das durchaus von einer Diskussion von „Human Action“ trennbar.

Wenn es um Rothbard geht, dann ist doch auch dessen eigene Darstellung relevant, was er macht. Und er betont nicht zu knapp, daß er rein aprioristisch vorgehen will. Wir hätten eigentlich gedacht, daß er sich da rückversichert hat, daß die Behauptungen über Mises stimmen. Der Artikel ist von 1956, also zu Lebzeiten von Mises. Bzw. daß sich Mises dagegen verwahrt hätte und das Mises-Institut so eine Fehlinterpretation korrigieren würde.

Rothbards Argument im kritisierten Artikel ist, daß er aus den unbestreitbaren Axiomen als _Folgerung_ Aussagen über die „social utility“ des freien Marktes und umgekehrt des Staates hergeleitet hat. Wir verstehen das nicht so, daß hier Kernsätze postuliert werden. Empirische Schlüsse sind das aber auch nicht, was auch im Zusammenhang mit dem anderen genannten Artikel nicht zu erwarten wäre. Die Herleitung ist aber bestenfalls ein Versuch, der aus den angeführten Gründen nicht gelingen kann: allgemein und wegen der hanebüchenen Sprünge im Argument, bzw. fehlender Herleitung, die durch Behauptungen ersetzt wird.

Vielen Dank an alle Kommentatoren. Das eigentliche Argument, nämlich daß Rothbard mit einem Trick, Erwartungen mit Ergebnissen zu verwirren, arbeitet und eine derart zentrale Aussage überhaupt nicht beweist, sondern immer nur wiederholt, wurde noch nicht angegangen. Ob die Auffassung von Mises durch Rothbard korrekt dargestellt wurde, hat damit eigentlich nur wenig zu tun. Wir sind aber verblüfft, daß Mises als ein Lehrer, der ihn mit überschwenglichem Lob überhäufte, Rothbard nicht korrigiert haben sollte, wenn er da etwas falsch gemacht hat. Ob wir „Human Action“ gelesen haben, spielt für unser Argument auch keine Rolle. Ohne unsere Vorlage, daß wir das Buch nicht gelesen haben, wäre die Sprache wohl auch gar nicht darauf gekommen.

Liebe Österreicher: Try harder!

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