Philosophia rusticana

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von Alexander Moszkowski, 1912

oder: Der hochgebildete Bauer.

Eine simple Dorfgeschichte.

 

1. Wie sie der Volksmund erzählt.

„Wohin, Hans?“ „Zu Gret’, Mutter.“ „Mach’s gut, Hans.“ „Schon gut machen, Mutter, Adjüs, Mutter.“ „Adjüs, Hans.“

Hans kommt zu Gret‘. „Guten Tag, Gret’!“ „Guten Tag, Hans! Was bringst du Gutes, Hans?“ „Bringe nichts, will was haben.“ Gret’ schenkt Hans eine junge Ziege. „Adjüs, Gret’.“ „Adjüs Hans.“

Hans nimmt die Ziege, bindet ihr die Beine zusammen und steckt sie in die Tasche! Als er nach Hause kommt: „Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?“ „Bei Gret’ gewesen.“ „Was hast du ihr gebracht?“ „Nichts gebracht. Gegeben hat. Ziege!“ „Wo hast die Ziege, Hans?“ „In die Tasche gesteckt.“ „Das hast dumm gemacht, Hans; mußtest sie ans Seil binden und an die Raufe stellen“ „Tut nichts, besser machen.“

„Wohin Hans?“ „Zur Gret’, Mutter.“ „Mach’s gut, Hans.“ „Schon gut machen. Adjüs Mutter.“ ,“Adjüs Hans.“

Hans kommt zu Gret‘. „Guten Tag, Gret’!“ „Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?“ „Bring nichts, haben will.“ Da sagt Gret’: „Ich will mit dir gehen.“

Hans bindet Gret ans Seil, stellt sie an die Raufe, macht sie fest und geht zur Mutter. „Guten Abend, Hans. Wo bist gewesen?“ „Bei Gret’ gewesen? Mitgekommen.“ „Wo hast sie denn?“ „Am Strick, an der Raufe.“ „Das hast dumm gemacht, Hans, mußtest sie streicheln.“ „Tut nichts, besser machen.“

Da geht Hans in den Stall, nimmt einen Pferdestriegel und streicht sie. Da wird Gret’ böse, reißt sich los und läuft fort.

2. Wie sie von einem gedankentiefen Autor der neuesten Romanschule erzählt wird:

„Wohin strebst du, Johannes?“ „Zur Margarete, Mutter.“ „Mach’s gut, Johannes“ „Was verstehst du unter ‚gut‘, Mutter? Es gibt nichts absolut Gutes; man darf sogar das Schlechte als den Primärbegriff bezeichnen.“ „Das leuchtet mir ein, Johannes; mach es wenigstens Jenseits von Gut und Böse.“ „Adjüs, Mutter.“ „Adjüs Johannes.“

Johannes kam zur Margarete. „Was bringst du, Johannes?“ „Ich bringe den Ausdruck eines Wunsches; das Primat des Willens innerviert mich; man nennt dies gesunden Egoismus.“ Margarete erkennt die Herrennatur ihres Freundes und subtrahiert von ihrem Besitz eine Ziege. „Adjüs, Gret’.“ „Adjüs, Hans.“

Mutter fragt: „Auf welchem Punkt bist du präsent gewesen.“ „Im Gesichtskreis der Margaret.“ „Wessen hast du dich zu ihren Gunsten entäußert?“ „Nicht entäußert, empfangen habe. Die Zuneigung meiner Freundin hat sich in einer Ziege objektiviert.“ „Wohin hast du die Ziege klassifiziert?“ „In meine Tasche.“ „In der Tasche ist kein Raum.“ „Raum ist ein apriorischer Begriff, Mutter, der mit der Realität der Tatsachen nichts zu schaffen hat. Über die Dimensionen der ‚Ziege an sich‘ wissen wir nichts.“ „Das hast du aber dumm gemacht, Hans.“ „Man macht nichts dumm und man macht nichts klug, Mutter, sondern man tut alles unter dem Zwange der Naturgesetze. Jede Handlung ist die Folge vorausgehender mechanischer Ursachen.“ „Du mußtest die Ziege ans Seil binden und an die Raufe stellen.“ „Eventuell das nächste Mal, Mutter, falls die obwaltenden Motive eine derartige Konsequenz zulassen, respektive bedingen.“

Hans kommt zu Gret‘. „Guten Tag, Hans.“ „Bewege dich nicht in Tautologien, Gret’, sage lieber, was du als Äquivalent meines Kommens in Bereitschaft hast.“ Da sagt Gret’: „Ich will mit dir gehen.“ „Und ich will dir den Willen zur Macht zeigen. Wir wollen den Gegensatz zwischen Adelsmenschen und Herdennaturen deutlich machen.“

Hans bindet Grete ans Seil, stellt sie an die Raufe und murmelt dazu: „Besonders lernt die Weiber führen.“ Mutter sagt: „Guten Abend, Hans, bei Gret’ gewesen?“ „Selbstverständlich; die Richtung meines Weges folgt aus der Inkorrigibilität meines Charakters. Lies das nähere darüber im Schopenhauer.“ „Wo hast du sie denn?“ „Ich habe aus ihr, aus dem Seil und der Raufe eine gegenständliche Trias formiert.“ „Das hast du dumm gemacht, Johannes, mußtest sie streicheln.“ „Du verwechselst schon wieder das Perfektum mit dem Futurum, Mutter; so lange man die Tempora nicht auseinanderhalten kann, ist man kein Vollmensch.“

Hans geht in den Stall und leitet vom Koordinationszentrum des Gehirns aus einen Komplex von Bewegungen, die sich äußerlich als eine tangentiale Berührung des Pferdestriegels auf der Epidermis der Freundin darstellen. Da überwindet in ihr die Zentripetalkraft die Adhäsion, und proportional dem Quadrat der Entfernung verhallt ihre Stimme: „Adjüs, Hans!“ „Adjüs, Gret’!“

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