Vom alten und vom neuen Jahr

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Der Reichsfreund, 2. Januar 1890

Vom alten Jahre hatten wir wenig gehofft, und wir können froh sein, daß es nicht noch schlimmeres gebracht. Das Jahr war schlecht für die breite Masse des Volkes, für die Armen und Bedrängten, aber auch schlecht für den Herrn Reichskanzler. Die Ernte war unbefriedigend und darum begann die Verteuerungspolitik sich fühlbarer zu machen.

Deutschland ist heute in Bezug auf alle Lebensverhältnisse das teuerste Land in Europa, nirgends werden so hohe Preise für die notwendigen Lebensbedürfnisse bezahlt, wie bei uns. Während unsere Landwirte früher ihr gutes Vieh mit großem Nutzen nach England verkauften, verkaufen jetzt die Engländer ihr eigenes Vieh trotz der hohen Eingangszölle mit Nutzen nach Deutschland. Auch die englische Industrie kann wegen der zollfreien billigen Lebensmittel und Rohstoffe billiger produziren, als die deutsche Industrie. Diese muß zurückgehen und sucht sich dafür, dank der „nationalen Wirtschaftspolitik“, an den inländischen Konsumenten schadlos zu halten mit Hilfe ihrer Konventionen und Kartelle. Unsere Staatseisenbahnen müssen unsern Eisen- und Stahlbaronen die Schieben halbmal so teuer bezahlen, als diese sie an Engländer, Italiener und Türken liefern — und was die Staatseisenbahnen teuer bezahlen, muß die breite Masse der Steuerzahler ersetzen. Und so ist es in vielen geschützten Industrien. Auch bei nicht geschützten Industrien läßt sich so etwas durchsetzen, wie das Beispiel des Thomasphosphatmehls beweist. Die Fabrikanten haben sich geeinigt, der Landwirtschaft für dieses nützliche, die zu erzeugenden Nahrungsmittel bedeutend vermehrende, treffliche Düngungsmittel weit höhere Preise abzunehmen als bisher. Um dies bequemer zu können, wurden im vorigen Sommer dem Auslande 1 Million Centner weit billiger unter der Bedingung verkauft, daß man nichts nach Deutschland zurückverkaufen dürfe.

Am besten kam die landwirtschaftliche Industrie fort. Die Taschen der 3000 Gutsbrenner werden nach wie vor jährlich mit vielen Millionen Mark gefüllt und ebenso die der Inhaber der 400 Zuckerfabriken, die im vorigen Jahre für jeden Doppelzentner Zucker, der mit 6,27 Mk. Steuer belastet war, eine Vergütung von 8,50 Mk., also eine Ausfuhrprämie von 2,23 Mk. erhalten. Ueber 15 Mill. Mk. bekommen die 400 Zuckerfabriken, damit die Engländer den bei uns erzeugten Zucker weit billiger als wir essen und auf diese billigen Zuckerpreise große Industrien gründen können.

Das Volk hat diese schweren Beschädigungen durch die sogenannte nationale Wirtschaftspolitik das Geschenk der Alters- und Invaliditätsversicherung erhalten. Diese große Errungenschaft, die das Volk dem Kartell verdankt, hat die arbeitenden Klassen nicht zufriedener gemacht. Kein Arbeiter glaubt an diesen Segen von oben.

Wie der breiten Masse des Volkes, zeigte sich das Jahr 1889 auch dem Herrn Reichskanzler nicht günstig. In den ersten Monaten des Jahres, der Prozeß wider den Professor Geffcken, war kein glücklicher Griff des Herrn Reichskanzlers. Die Angriffe der offiziösen und kartellistischen Lügenpresse gegen die reichsfeindlichen Berater des verewigten Kaisers Friedrich, gegen Roggenbach, Stosch, Geffcken und Morier, haben nichts zu Tage gefördert, was das Anklageverfahren gegen Geffcken und die Verfolgung der Tagebuchauszüge rechtfertigen könnte. Das strahlende Bild des edlen Kaisers Friedrich ist dem deutschen Volke durch den Geffckenprozeß nicht getrübt worden, und dem Herrn Reichskanzler hat der Prozeß keinen Ruhm eingebracht.

Mit seiner Kolonialpolitik hat der Herr Reichskanzler im vorigen Jahre auch nur Unglück gehabt — in Samoa, Ostafrika, Südwestafrika. Die Kolonialschwärmer sind mit ihm und er mit ihnen unzufrieden — aber das deutsche Volk muß zahlen, und immer mehr zahlen, ohne daß ein Nutzen davon abzusehen ist.

Ein auch für Deutschland sehr wichtiges Ereignis war die Pariser Weltaustellung. Die Urdeutschen, die mit „nationaler“ Großsprecherei es als selbstverständlich hinstellten, daß die gegenwärtigen Deutschen, immer mit Ausnahme der Reichsfeinde, selbst in Kunst und Gewerbe an der Spitze der Kulturvölker marschirten, sind vor aller Welt in Paris belehrt worden, daß wir noch unendlich viel von den angeblich so heruntergekommenen Franzosen lernen können. Sie sind uns in vielen Beziehungen voran.

Das vorige Jahr hat uns die Reichstagswahlen noch nicht gebracht; die Kartellmehrheit des Reichstags hat noch die Gelegenheit gehabt, viel Schaden anzurichten. Aber merkwürdig ist, daß trotz der eisernen Gesundheit des Herrn Reichskanzlers in den Reihen seiner Getreuen tiefe Unzufriedenheit herrscht . . . Man fürchtet sich vor der Zukunft. Unsere Zustände — wirtschaftliche und politische — sind unhaltbar. Dies gesteht am Schluß des Jahres 1889 Jedermann zu, — wenn er seine wahre Meinung äußert.

Was können wir vom neuen Jahre erhoffen. Wir wissen es nicht. Eine Umkehr auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ist nötig — aber wie soll sie eintreten. Das erste und wichtigste freilich sind dazu die Reichstagswahlen auf fünf Jahre. Was kann in fünf Jahren alles passiren. „Wer weiß, wer übers Jahr noch lebt“, sagte vor einer Reihe von Jahren sogar der ewig junge Reichskanzler. Am 1. April wird er 75 Jahre alt. Wünschen wir ihm auch, daß er nach fünf Jahren noch frisch und munter gleich dem Führer der englischen Opposition, Gladstone, der jüngst seinen 80. Geburtstag erlebte, auf Erden wandelt, aber selbst nach den Aussprüchen der Bibel kann man es nicht einmal als wahrscheinlich bezeichnen. Der Gedanke, was nach ihm wird — darf uns bei den Reichstagswahlen nicht verwirren. Die Wahlen müssen der wahre Ausdruck der Volksmeinung sein. Sie werden es, wenn Jedermann seine Schuldigkeit thut. Das Volk darf sich nicht wie 1887 einschüchtern lassen. Es darf nicht von neuem ein Angstprodukt liefern, dessen traurige Zusammensetzung in den letzten Wochen des verflossenen Jahres vor Jedermann in die Erscheinung trat.

Ohne einen Reichstag, in welchem die Freisinnigen ein gewichtiges Wort mitzureden haben, wird die Rückkehr zu einer gesunden Politik nicht ermöglicht. Und erst wenn im Reiche sich der notwendige Umschwung vollzieht, ist an eine Umkehr in dem so reformbedürftigen Preußen zu denken. Zum 8. Januar wird der Reichskanzler in Berlin erwartet. er soll Leben in die tote Kartellmasse bringen und ihr die noch immer fehlende Parole für die Wahlen geben. Die freisinnigen Bürger in Stadt und Land bedürfen der Parole nicht. Mögen sich überall in den Wahlkreisen die richtigen Männer an die Spitze stellen, und ohne Scheu mannhaft und fest gegen Einschüchterung und Beeinflussung der Gegner eintreten, dann werden wir eine Reichstagsmehrheit bekommen, die keine neue Volksbelastung, keinen neuen Abbruch von Volksrechten zuläßt und die Umkehr zu besseren und freieren Zuständen durchsetzt.

Anmerkungen

„Der Reichsfreund: Neues Wochenblatt für Stadt und Land“ erscheint von 1882 bis 1891 im Verlag der „Fortschritt, Aktiengesellschaft“. Begründet wird er von Hugo Hermes, Ludolf Parisius und Eugen Richter, die damit ein Sprachrohr für die Deutsche Fortschrittspartei und später für den entsprechenden Flügel innerhalb der Freisinnigen Partei schaffen. „Der Reichsfreund“ dient auch als erste Etappe zum Aufbau der „Freisinnigen Zeitung“, die 1885 als täglich erscheinendes Organ hinzutritt und noch stärker auf Eugen Richter zugeschnitten ist. Zwischen den beiden Blättern gibt es einen Austausch von Artikeln, später werden die Redaktionen sogar zusammengelegt. Eugen Richter konzentriert sich mehr und mehr auf die „Freisinnige Zeitung“, sodaß der „Reichsfreund“ dann 1891 ausläuft.

Die Artikel im „Reichsfreund“ sind zumeist nicht gezeichnet, was auf jeden Fall für die Leitartikel gilt. Allerdings stammen diese, wie in der „Freisinnigen Zeitung“, meist von Eugen Richter. Auch für den vorliegenden Artikel würden wir vom Stil und der Argumentationsweise her und auch wegen der Bedeutung als Einschätzung des alten und neuen Jahres auf Eugen Richter als Autor tippen, ohne das darüberhinaus belegen zu können. Die anderen Redakteure pflegen einen ähnlichen Stil und halten ähnliche Positionen, sodaß eine genaue Zuordnung mit letzter Sicherheit nur schwer möglich ist.

Der Titel des Blattes knüpft an den des „Volksfreunds“ an, ebenfalls eines Wochenblatts in den 1870ern unter Ludolf Parisius, an dem auch Eugen Richter schon mitgearbeitet hat. Mit dem Begriff „Reichsfreund“ spielt man auf den Dauervorwurf Bismarcks und seiner offiziösen Presse an, daß die Fortschrittspartei und dann die Freisinnige Partei „reichsfeindlich“ seien. Man nötigt durch die Namensgebung die Offiziösen dazu, das anzuerkennen, was sie immer bestreiten. Inhaltlich vertritt man auch eine „reichsfreundliche“ Haltung in dem Sinne einer gedeihlichen und freien Entwicklung Deutschlands. Nur muß dazu die Politik Bismarcks eben bekämpft werden, die in die entgegengesetzte Richtung geht. Wie es Eugen Richter bei seiner Ablehnung einer Ehrung des Reichstags für den Ex-Kanzler 1895 ausdrückt:

Fürst Bismarck ist zugleich der Träger eines Systems der inneren Politik, das wir als dem Liberalismus und dem parlamentarischen Wesen entgegengesetzt ansehen müssen und deshalb im Interesse von Volk und Vaterland zu bekämpfen stets für unsere patriotische Pflicht erachtet haben.

Zum Hintergrund siehe auch:

Alle Ausgaben des „Reichsfreunds“ wurden übrigens von der Universitäts- und Landesbibiothek Darmstadt digitalisiert und stehen online zur Verfügung.

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