Ein herber Schlag für den deutschen Vegetarianismus

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Berliner Gerichtszeitung, 4. Januar 1890

— Den deutschen Vegetarianismus trifft just um die Jahreswende ein herber Schlag. Sein eifrigster wissenschaftlicher Parteigänger, seine meist citirte, gelehrte Autortität, der Verfasser so vieler Flugblätter und Streitschriften, Dr. Alanus, schickt den Vegetarianern eben eine Absage. „Warum ich nicht mehr vegetarisch lebe?“ so betitelt sich ein Aufsatz, der dem „B. Börs.-Cour.“ von Dr. med. Alanus zugeht. Der bisherige Prediger der Pflanzenkost schreibt da: „Nachdem ich längere Zeit vegetarisch gelebt hatte, ohne mich dabei besser oder schlecher zu befinden als vorher bei gemischer Kost, machte ich eines schönen Tages die unangenehme Entdeckung, daß meine Arterien atheromatös zu entarten begannen. Besonders an der Schläfenarterie sowie an der Radialis (Pulsader) war dieser Krankheitsprozeß unverkennbar. Da ich noch keine vierzig Jahre alt bin und folglich dieses Symptom nicht als Alterserscheinung deuten kann, auch Spirituosen nicht ergeben bin, konnte ich mir die Sache schlechterdings nicht erklären. Ich sann hin und her, ohne des Rätsels Lösung zu finden. Da fand ich ganz zufällig die Erklärung, die ich so lange gesucht hatte, in einem Werke des ausgezeichneten Pariser Arztes Dr. Monin. Der betreffende Passus lautet in wörtlicher Uebersetzung, wie folgt: „Um die Kritik des Vegetarismus fortzusetzen, dürfen wir die Arbeit des zu früh verstorbenen Gubler nicht vergessen: „Ueber den Einfluß der vegetabilischen Diät auf die kreidige Entartung der Arterien.“ Die vegetabilischen Nahrungsmittel, reicher an Mineralsalzen als die Nahrungsstoffe animalischen Ursprungs, führen mehr Mineralsalze in das Blut ein. Raymond hat in einem Kloster pflanzenessender Mönche zahlreiche Fälle von Atherom (sonst nur dem höheren Alter eigene Erweichung und Verkalkung der Arterien. D. Red.) beobachtet, unter anderen den des Priors, eines Mannes von kaum zweiunddreißig Jahren, dessen Arterien bereits stark verhärtet waren. Der Marinearzt Terille hat zu Bombay und Calcutta, wo viele Einwohner sich ausschließlich von Reis ernähren, zahlreiche Fälle von atheromatöser Entartung beobachtet. Somit wird die Pflanzenkost das Gefäßsystem ruiniren und dadurch das Individuum vor der Zeit alt machen, wenn es wahr ist, daß der Mensch „das Alter seiner Arterien hat“; es wird gleichzeitig den Zahnstein, den Greisenbogen der Hornhaut und die Phosphaturie hervorbringen.“ Nachdem ich leider diese neuesten Ergebnisse medizinischer Forschung durch mein eigenes Beispiel bestätigt gesehen habe, bin ich selbstverständlich zur gemischen Kosten zurückgekehrt. Durch Schaden wird man klug! Als normale Diät des Menschen kann ich die rein vegetabilische Diät nicht mehr ansehen, nur als eine Kurmethode, welche in verschiedenen Krankheitszuständen vortreffliches leistet. Wochen und Monate lang darf mancher Kranke diese Diät befolgen; aber zum fortdauernden Gebrauch für jedermann ist sie nicht geeignet. Es verhält sich damit wie mit der Hungerkur, welche manchen Kranken kuriert, aber zum fortdauernden Gebrauch für Gesunde nicht taugt. Ich bin um eine Erfahrung reicher geworden, die mir gezeigt hat, daß eine einzige brutale Thatsache das schönste Theoriengebäude umwerfen kann. Den Vegetarianern aber rufe ich zu: „Discite moniti!“ „Lernet, denn ihr seid gewarnt!“

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