Bei den letzten Weißen

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Berliner Wespen, 27. Dezember 1878

Bei den letzten WeißenWalter. Kellner, die Weiße ist heute wieder nicht zu trinken!

Jeschke. Aber, lieber Herr Walter, Sie haben sie ja doch jetrunken. Was haben Sie denn heute immer auszusetzen?

Walter. Erlauben Sie, ick werde als freier Bürjer doch am Ende noch unzufrieden sein dürfen!

Lehmann. Wenn Sie keenen Jrund haben, denn sehe ick denselben allerdings nich ein.

Walter. Ick habe aber Jrund. Zu Ihrem Optimismus kann ick mir nich runterschwingen.

Kowalski. Aber, meine Herren —

Schwabbe. Herr Kowalski spricht mir aus der Seele. Was kann das ewige Kritisiren helfen. Vom Schlechtmachen wird überhaupt nischt besser.

Walter. Na ja, da haben wir’s. Sie sind ooch eener von Diejenigen, die jeden Nubier rosenfarbig sehen. Ick kann det nich, mir fehlt das Offiziöse, das Reptilie. Ick beneide Sie um Ihre Zufriedenheit, aber ick bin der außermirigste Mensch, den Sie sich denken können. Oder soll ick es etwa nich sind, bloß weil wir einen Obelisken kriegen? Da müßte ja Aejipten das eldoradeste Land der Erdballkugel sind, was es doch nich is.

Lehmann. Also was wollen. Sie eijentlich?

Walter. Das läßt sich unter dem kleenen Belagerungszustand nich so mir nischt dir nischt sagen. Aber Sie werden mir doch zugeben, daß wir in keiner beneidenswerthen Lage sind. Anjenommen, ick will mir morgen von Krupp in Essen eine Jarnitur Kanonen kommen lassen und damit im Thiergarten auf un abfahren. Det jeht aber nich, weil ick als freier Bürjer dazu eine polizeiliche Erlaubniß haben muß. Oder ick will meiner Frau zum Jeburtstag eine Partie Sprengjeschosse schenken. Jeht ooch nich. Ick als freier Bürger muß mir erst dazu einen Waffenschein ausbitten.

Jeschke. Das finde ick aber wirklich nich so umständlich. Wenn ick schon mit Mitralljösen spazieren fahren un meiner Frau Orsinibomben verehren will, denn habe ick ooch ’n Wärter, der mir die Waffenscheine besorgt.

Walter. Was wollen Sie mit Wärter sagen? Das klingt ja, als wenn Sie mir für jestört erklären.

Kowalski. Aber, meine Herren —

Schwabbe. Herr Kowalski spricht mir aus der Seele. Vertragen Sie sich doch. Haben Sie nich jelesen, daß im Aquarium der Hund Flock un der Chimpanse Aujust einen innigen Freundschaftsbund jeschlossen haben? Da sollten Sie sich ein Beispiel dran nehmen.

Walter. Herr Schwabbe, mäßigen Sie Ihre Zunge. Wen meinen Sie mit dem Hund und wen mit dem Chimpanse?

Schwabbe. Ick wollte damit nur sagen, daß wir das alte Jahr als Brüder verlassen sollten un nich als das Jejentheil.

Walter. Leicht jesagt. Aber Sie haben wohl den Brief Bismarcks nich jelesen, wo uns der Schutzzoll anjekündigt wird. Bismarck kommt mir vor wie ’n Universaldoctor, er heilt allens, ooch brieflich. Nu bitte ick Sie, meine Herren, denken Sie sich, ick komme, wenn wir Schutzzoll kriegen, aus Frankreich. Muß ick als freier Bürjer an der Jrenze meinen Koffer mitten in der Nacht ufschließen und Allens versteuern, was ick meiner Frau mitbringe.

Lehmann. Ihre Frau hat mir jesagt, Sie bringen ihr nie was mit.

Walter. Um so schändlicher is et, ufschließen muß ick doch?

Kowalski. Aber, meine Herren —

Schwabbe. Herr Kowalski spricht mir aus der Seele. Es is ein schlimmes Zeichen unserer Zeit, daß jeder Mensch unzufrieden is, weil es Mode is.

Walter. Ick soll mir wohl als freier Bürjer jlücklich fühlen, daß der Reichstag nu electrisch beleuchtet wird? Mit Jablochkoffsche Kerzen bin ick aber nich zu betäuben. Ick will vor allen Dingen nich bevormault sind, beinahe hätte ich bevormundet jesagt. Nehmen sie mal an, ick bin morjen in Stettin un will die Fourchambault sehen. Jeht nich, ick, als freier Bürjer, muss mir von einem Polizeipräsidenten vorschreiben lassen, was ick sehen soll un was nich.

Jeschke. Sie können ja die Fourchambault in Berlin sehen.

Walter. Wenn ick aber nich will! Ick muß als freier Bürjer die Fourchambault sehen können, wo es mir gefällt. Aber da liegt eben der Hund bejraben, wir lassen uns Allens jefallen. Was haben wir erreicht? Nischt, absolut nischt! Nu sind wir ein einijes, jroßes Volk geworden, haben drei Kriege hinter uns, un was is das jeehrte Resultat? Ein einziger Mensch, hören Sie ooch zu, meine Herren? ick sage un schreibe: Ein einziger Mensch erklärt öffentlich, er möchte zu Deutschland jehören, nämlich der Ritter von Schönerer. Na, um die eene lumpige Person hätten wir wahrhaftig die drei Kriege nich durchzumachen brauchen.

Kowalski. Aber, meine Herren —

Schwabbe. Herr Kowalski spricht mir aus der Seele. Es kann
wirklich noch Allens jut werden.

Kowalski. Nu verliere ick aber die Jeduld. Den janzen Abend schneiden Sie mir das Wort ab, obschon es mir jarnich einfällt, Ihnen aus der Seele zu sprechen. Ick will nämlich sagen, daß Herr Walter janz Recht hat un daß wir janz unerträgliche Zustände —

Lehmann. Meine Herren, es is Zeit, nach Haus zu jehen, um die Sylvesterbowle anzusetzen. Und denn wollen wir singen: Lasset die feurigen Bomben erschallen!

Walter. Ick rathe Ihnen, als freier Bürjer die feurigen Bomben nich erschallen zu lassen un nich zu piffen, zu paffen, zu puffen un zu vivalleralleraen, wenn Sie keenen Waffenschein haben. Freuen Sie sich, daß dieses schreckliche Jahr vorüber is un jewöhnen Sie sich meine Unzufriedenheit an, sonst wird das nächste Jahrr noch schrecklicher. Prost Neujahr!

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