Was besagt die Verteilung der Vermögen?

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Nehmen wir an, man würde Ihnen folgendes über die Verteilung der Vermögen in einem Land sagen:

  • Das unterste Viertel der Bevölkerung hat überhaupt kein Vermögen.
  • Das zweitunterste Viertel hat nur 10,5% des Gesamtvermögens in dem Land.
  • Das zweitoberste Viertel hat hingegen 36,8% des Gesamtvermögens.
  • Und das oberste Viertel hat sogar 52,8% des Gesamtvermögens.

Mit anderen Worten: Die untere Hälfte der Bevölkerung hat nur 10,5% des Gesamtvermögens. Die obere Hälfte verfügt über fast 90% des Gesamtvermögens. Mehr als die Hälfte besitzt dabei allein das oberste Viertel.

Könnten Sie daraus schließen, daß es in dem Land mit unrechten Dingen zugeht? Ist das ein Indiz für eine krasse Ungleichheit?

Die einfache Antwort lautet: Nein, denn in dem Land sind alle Menschen vollkommen gleichgestellt!

Das klingt zunächst vielleicht unglaubwürdig, weshalb es nun bewiesen sei.

Die Leute in dem Land werden alle genau 80 Jahre alt. An ihrem 80 Geburtstag sterben sie. Genauso viele, wie sterben, werden in jedem Jahr auch geboren. Niemand stirbt vor seinem 80. Geburtstag. Es gibt in jedem Jahrgang exakt gleich viele Menschen, was wegen der genauen Entsprechung von Toden und Geburten auch auf Dauer so weitergehen wird.

Bis zum Ende ihres 20. Lebensjahres arbeiten die Menschen in dem Land nicht. Dann beginnen sie zu arbeiten, was sie bis zum Ende ihres 60. Lebensjahrs tun. Danach sind sie alle Rentner bis zu ihrem Tod.

Solange die Menschen in dem Land arbeiten, beziehen sie alle genau dasselbe Gehalt, 40.000 Euro im Jahr. Um nicht durch Inflation verwirrt zu werden, gehen wir davon aus, daß es keine gibt, also nominale und reale Beträge gleich sind und bleiben. Von ihrem Bruttogehalt zahlen die Arbeitnehmer nun pro Jahr 10.000 Euro in das Rentensystem ein. Netto haben die Arbeitnehmer somit 30.000 Euro im Jahr zur Verfügung. Da es vierzig Jahrgänge gibt, die arbeiten, und zwanzig, die in Rente sind, finanzieren genau zwei Arbeitnehmer einen Rentner, der damit aus dem Rentensystem, das so effizient ist, daß keine Kosten anfallen, genau 20.000 Euro an Rente im Jahr erhält.

Die Arbeitnehmer in dem Land sparen auch ein wenig. Sie legen jedes Jahr 5.000 Euro zurück, also 12,5% ihres Bruttogehalts. Die Ersparnisse investieren sie alle gleichermaßen in relativ risikoarme Anlagen, die jedes Jahr 2% einbringen. Über ihr Arbeitsleben werden also vierzig mal 5.000 Euro oder 200.000 Euro von jedem zurückgelegt. Da das Geld investiert wird, hat der Arbeitnehmer beim Eintritt in die Rente ein Vermögen von 302.010 Euro.

Die Rentner legen ihr Vermögen alle weiter zu 2% an, ziehen aber dafür die Zinsen ab als Einkünfte. Das bringt ihnen pro Jahr einen Betrag von 6.040 Euro ein. Mit der Rente zusammen haben sie folglich ein Einkommen von 26.040 Euro im Jahr. Ihr Vermögen bleibt währenddessen konstant.

Was passiert nun mit den jungen Leuten bis zum vollendeten 20. Lebensjahr?

In dem Land gibt es eine hundertprozentige Erbschaftssteuer. Jedes Jahr stirbt ein Jahrgang mit einem Vermögen von 302.010 Euro pro Kopf. Dieses Geld fließt nun zu gleichen Teilen den jungen Leuten zu. Da es von diesen zwanzig Jahrgänge gibt, erhält jeder auf diese Weise ein Einkommen von 15.100 Euro.

Man kann sich natürlich fragen, wieso die Rentner ihr Vermögen nicht durchbringen, zumal sie ja alle schon wissen, wie lange sie noch leben werden. Man könnte das auch ändern, ohne daß sich die Schlußfolgerungen wesentlich verschieben würden. Wir gehen einfach einmal davon aus, daß die Rentner es für richtig halten, daß mit ihrem Erbe die jungen Leute finanziert werden und sie deshalb ihr Vermögen erhalten. Außerdem haben sie Mitleid mit den Lesern, die durch zu viele Sonderbedingungen verwirrt würden.

Um es zusammenzufassen: In dem Land hat jeder exakt dasselbe Leben, wenigstens was die wirtschaftliche Seite anlangt. Er erhält in jeder Phase, als junger Mensch, der nicht arbeitet, als Arbeitnehmer und als Rentner genau denselben Betrag wie jeder andere. Und trotzdem ist die Verteilung der Vermögen so, wie oben beschrieben. Das oberste Viertel, die Rentner, hat mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens. Diejenigen über vierzig haben fast 90% des Vermögens. Und die jungen Leute bis zum vollendeten 20. Lebensjahr haben überhaupt kein Vermögen.

Eine interessante Nebenbeobachtung ist dabei noch, von wem zu wem in dem Land Geld fließt. Und zwar zahlen die weniger vermögenden Arbeitnehmer an die vermögenderen Rentner. Jeder geübte Sozialkritiker weiß, daß man sowas „Umverteilung von Arm nach Reich“ nennt.

Natürlich ist das Land eine Fiktion. Zu viele der Annahmen sind in wirklichen Ländern nicht erfüllt. Aber sie sind auch nicht so weit von deren Realität entfernt, daß sich gar nichts daraus schließen läßt.

Insbesondere ist jede Verteilung der Vermögen von der obigen Art noch kein Hinweis darauf, daß es in einem Land mit unrechten Dingen zugeht oder eine krasse Ungleichheit herrscht. Und wenn man sich überlegt, daß viele Menschen ihr Vermögen tatsächlich über ihr Leben aufbauen und somit immer vermögender werden, dann kann man sich leicht herleiten, daß Rentensysteme auch in der Wirklichkeit im Mittel von Arm nach Reich (nach Vermögen) umverteilen. Das kommt vielleicht als Schock für diejenigen, die die Lebenslüge des Wohlfahrtsstaates glauben, daß dieser hauptsächlich dazu da sei, den Armen zu helfen und unter einer Staatsquote von 50% sofort Hungersnöte drohen. Es ist aber so:

Nach einer Auswertung des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung mit Daten aus dem Jahre 2007 und Euros auf dem Stand von 2005 (vgl. „Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland“) lag das durchschnittliche Vermögen der unter 26 Jahre alten Menschen in Deutschland bei weniger als 7.000 Euro. Über das Berufsleben wird das Vermögen aufgebaut, sodaß die 55 bis 65 alten Menschen im Schnitt knapp 145.000 Euro besaßen.

Danach wird das Vermögen wohl etwas angegangen. Aber auch die über 75 Jahre alten Menschen hatten im Mittel immer noch mehr als 120.000 Euro an Vermögen. Überschlägig hat damit der durchschnittliche Einzahler in das Rentensystem ein Vermögen von ungefähr der Hälfte seines Vermögens im Alter von 55 bis 65 Jahren, ganz grob etwa 70.000 Euro. Der durchschnittliche Rentner verfügt hingegen über etwa 130.000 Euro, also fast das Doppelte.

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