Alles verstaatlicht

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Neue Freie Presse, Wien, 5. Januar 1890

„Alles verstaatlicht.“

Die sociale Frage ist endlich gelöst worden — leider nur in einem Momente, und noch dazu in einem, dessen Handlung erst im Jahre 2000 sich erfüllt. Man merke sich dieses Jahr der Gnade und des allgemeinen Heils. Viele, die heute oder morgen geboren werden, können es vielleicht erleben, denn in jenen sonnigen Zukunftstagen beträgt das menschliche Durchschnittsalter, wie es scheint, 85 bis 90 Jahre, und wer folglich von etwas besseren Eltern ist, wird ohne sonderliche Mühe über das vorderhand noch so schwer ersteigbare Hundert hinüberklettern. Wol ist dann körperliches und seelisches Leiden noch nicht ganz aufgehoben — sie bleiben, ach, ein unveräußerliches Erbübel der Menschen — aber Vieles, ja fast Alles, was uns heute drückt und schmerzt, wird nicht mehr sein. Kein Nationalitäten-Hader nichts, kein Racen- und Classenhaß, denn die Menschen sind dann echte Brüder; keine Sorge für den andern Tag, denn jeder Tag bringt seine eigene Lust; kein Abgrund zwischen Hoch und Nieder, zwischen Reich und Arm, kein Neid mehr, keine Mißgunst, kein Verbrechen aus Gewinnsucht, sondern ewiger Friede, ewige Freude, der Hiinmel auf Erden — das ist es, was der Amerikaner Edward Bellamy in seinem vielgelesenen social-politischen Romane „Alles veestaatlicht“, der nun auch in einer guten deutschen Bearbeitung von Georg Malkowsky *) vorliegt, allen denjenigen verheißt, welche an die von ihm in die blaue Luft gemalte Zukunft glauben und durch diesen Glauben seelig werden wollen. Und warum sollte eine solche Zukunft schlechthin undenkbar sein? Des Amerikaners Buch ist kein von ungefähr zusammengeflossenes Traumgesicht, vielmehr ein wirklicher Staatsroman, d. h. der Roman eines Staates, der nicht ist, aber sein könnte. Der Verfasser hat ihn auf der Grundlage des Möglicheit erdichtet. Es ist ein Bau, der in allen Fugen gefestigt erscheint und in allen Schlössern klappt, und wenn man sich bei aller Verwundernng über das seltsame Phantasiestück ernstlich fragt, ob das Ding auch leben könnte, so muß man am Ende doch antworten: Warum nicht?

Um das System, nach welchem Edward Bellamy die menschliche Gesellschaft neu einrichten möchte, anschaulicher zu machen, hat er ihm das Mäntelchen einer Erzählung umgehängt, die mit einem alten Märchenmotiv einsetzt und als deren Held ein junger Amerikaner, Namens Julian West, auftritt. Sein Paß ist in wenigen Worten geschrieben: Dreißig Jahre alt, angenehmes Aeußere, gebildet, lebt von seinen Renten und leidet an Schlaflosigkeit. Die letztere bekämpft er mit Hilfe des Magnetismus. Wenn er sich ausschlafen will, läßt er den Arzt rufen, der ihn in den tiefsten Schlummer magnetisirt. Sein Diener, der treue Neger Sawyer, weckt ihn dann am andern Morgen. Ganz ungefährlich ist die Sache nicht, denn ohne die nöthige Vorsicht kann der magnetische Schlaf in einen Starrkramps übergehen und mit dem Tode endigen. Doch Julian West weiß sich nun einmal nicht anders zu helfen. Er bewohnt ein altes stilles Familienhaus in einer öden Vorstadt, ein Holzhaus, unter dessen Grundmauern er sich ein Schlafzimmer hat bauen lassen, wohin keine Stimme der Oberwelt dringt. Aber auch in diesem grabesstillen Keller findet er den Schlaf nicht ohne Mitwirkung des Magnetismus.

Es war am 30. Mai 1887. Julian hatte im Hause seiner Braut, der schönen und reichen Edith Bartlett, zu Abend gespeist, war dann heimgeeilt und mit dem üblichen Mittel eingeschläfert worden, nachdern er zuvor dem schwarzen Sawyer Auftrag gegeben, ihn zur gewohnten Stunde zu wecken. Am nächsten Morgen, o Wunder, erwachte er an einem andern Orte, in einer ihm ganz unbekannten Umgebung, unter wildfremden, wenn auch liebenswürdigen Menschen. Vergebens rief er nach seinem Diener, vergebens suchte er nach einem befreundeten Gesichte, einem Gegenstande, der ihm vertraut gewesen wäre. Alles, was ihn sonst umringte, sein Hei, bildete, wie ein Stück von ihm selbst gewesen war, ein Sturmwind schien es über Nacht weggeblasen zu haben. Er befand sich im Hause eines Arztes, Dr. Lente, und dieser pflegte ihn mit einer Sorgfalt, einer athemlosen Aufmerksamkeit, wie sie nur bei den interessantesten medicinischen Fällen vorkommt. Es gab aber auch keinen interessanteren Fall, als den unseres Langschläfers. Unlängst war Dr. Lente durch eine Erdverschiebung in seinem Garten auf eine alte Brandstätte gerathen. Man entdeckte eine Oeffnung, die in ein unterirdisches Gemach führte, und hier fand man den wunderbar erhaltenen Leichnam eines jungen Mannes. Doch war es auch ein Leichnam? Vielleicht hatte das Leben in dem Körper blos eine Pause gemacht, ohne zu erlöschen. Durchaus unmöglich schien die Sache nicht, und warum sollten keine Wiederbelebungs-Versuche angestellt werden? Dieselben hatten den besten Erfolg. In den scheintodten Leib kehrte nach und nach Bewegung zurück, und Julian erwachte. Man schrieb das Jahr 2000. Er hatte hundertunddreizehn Jahre geschlafen.

Der junge Mann hielt sich beide Schläfen. Es war ihm, als ob der Kopf ihm bersten wollte und der Wahnsinn die Hand nach ihm ausstreckte. Nachdem er sich aber von dem ersten Sehreckensanfalle erholt hatte, mußte er wohl oder übel versuchen, mit dem neuen Jahrhundert, in das er jählings hineingepurzelt war, sich etwas näher auseinanderzusetzen. Auf Schritt und Tritt begegnete er Dingen, die ihn verblüfften. Vor Allein mußte er erfahren, daß die neue Zeit „die Wurzel alles Uebels“ ausgerissen und zerstört hatte; es gab im Jahre 2000 kein Geld mehr, und zwar weil Niemand eines brauchte. Zwar kannte man noch eine Art Eigenthum, doch man hatte keinen rechten Nutzen mehr davon; daß, was man ehedem Kapital nannte, war verstaatlicht, verstaatlicht die Arbeit nnd die Produktion, verstaatlicht die Lebensfreude und der Kunstgenuß, „Alles verstaatlicht“. Julian West erinnert sich, den Ausdruck schon gehört zu haben; derselbe muß wol in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts aufgekommen sein. Aber heute erst, im Jahre 2000, bekommt das leere Wort Inhalt und Bedeutung. Jetzt ist Alles durch den Staat, nichts ohne ihn. Ihm fällt es vor Allem zu, seinen Angehörigen Gutes zu thun, Glück und Wohlbefinden unter Alle gleichmäßig zu verrechnen, was nur durch eine gleichmäßige Vertheilung der Pflichten geschehen kann. Die richtige Organisation der Arbeit ist es also, wofür der Staat zunächst zu sorgen hat. Anno 2000 gilt die allgemeine Arbeitspflicht wie ehedem die allgemeine Wehrpflicht. Die gewöhnlichen Verrichtungen, das geringere Handlangergeschäft, die persönlichen Dienstleistungen obliegen den Recruten der Arbeit, während ihrer drei ersten Dienstjahre. Erst nach Ablauf diesesZeit, während der sie für jede Art der Beschäftigung zur Verfügung ihrer Vorgesetzten stehen, dürfen sie einen Specialberuf wählen. Von diesen drei Jahren strengster Zucht gibt es keine Dispensation. Nachher mag Jeder seine Lebensthäitigkeit nach Gefallen aussuchen, eine Kunst oder ein Gewerbe, Kopf- oder Handarbeit. „Gleichmäßige Vertheilung der Pflichten auf Alle“ will also nur besagen, daß ein Jeder nach Maßgabe seiner persönlichen Neigung nnd Befähigung sein Theil Arbeit leiste. Der Staat bleibt dabei General-Unternehmer in: allen Dingen, der alleinige Producent, der einzige Arbeitgeber.
Die gesammte Industrie hat er in zehn große Abtheilungen eingetheilt, und jeder Biirger muß für eine derselben sich melden. Wer etwa Arzt, Techniker, Schriftsteller, dramatischer Künstler werden will, wird vorn Gemeindedienste befreit. Nur hat er dann sein Talent, seine Brauchbarkeit zu beweisen. So wird zum Exempel ein jedes Buch auf Kosten des Verfassers gedruckt und vom Staate verkauft, nachdem der Preis unter Zuschlag eines Gewinnes für den Autor von amtswegen festgesetzt worden. Der Gesammtgewinn wird ihm dann gutgeschrieben, und er bleibt so lange von anderen staatlichen Dienstleistungen befreit; als dieses Guthaben zu seinem Unterhalt ausreicht. Im Uebrigen wird zwischen Begabten und Unbegabten kein Llntersahied gemacht. Ist es ein Verdienst, ist es eine Schuld, wenn Einer als Genies oder als Mittelmäßigkeit auf die Welt kommt? Jeder leiste sein Bestes, so hat Jeder das Gleiche gethan, besitzt also das gleiche Recht auf Lebensgenuß. Zugänglich ist derselbe Allen auf ziemlich mühelosem Wege. Der Staat als General-Producent überschaut alle Bedürfnisse, erzeugt Alles in der bequemsten und billigsten Weise, hat mit keiner verwirrenden Concurrenz zu kämpfen, speculirt nie ins Blaue hinein, braucht sich auf die Räthsel von Angebot nnd Nachfrage, diesen beiden Sphinxen des modernen Industrielebens gar nicht einzulassen, da er immer ganz genau weiß, was und wie viel man von ihm verlangt, liefert Alles direct dem Consumenten, kann des Zwischenhandels vollständig entbehren, fürchtet keinen „Ring“ und kein Syndicat, verhindert jederlei Vertheuerung zu Gunsten Einzelner, hat mit Einem Worte die Macht Händen, nicht, blos jederlei Nothdurft izu befriedigen, sondern auch allen Ansprüchen an höhere Lebensfreude in so vollendeter Weise zu genügen, daß die Menschen in wunschloser Eintracht neben einander leben und keiner den andern um einen Genuß zu beneiden braucht, den er selbst durch ein bischen Arbeit erringen kann. Arbeit in der einen oder der andern Form bietet der Staat einem Jeden, und für jede Leistungs bekommt man einen Bon, und gegen diese Bons holt man sich in den staatlichen Waarenhäusern, was man wünscht und bedarf. Geld nnd Geldzeichen sind überflüssig. werthlos geworden. Es kann Jemand eine Million Gold besitzen, was hilft sie ihm nun? Kein Geld, weil kein Handel, also keine Banken, keine Wechselstuben; kein Geld, also keine Habsucht und kein Geiz, keine ängstliche Sparsamkeit, kein Raub und kein Diebstahl; kein Geld, also Wohlhabenheit, ja Reichthum allenthalben. Der arme Julian West! Dort in dem unterirdischen Gemach, wo er sein Jahrhundert verschlief, steht noch sein wohlgefüllter Geldschrank. Eitel Dunst ist jetzt Alles, was darin geborgen liegt! Papier die Actien, Maculatur die Banknoten, Curiositäten für einen Münzsammler die goldenen Dukaten! Jetzt heißt es arbeiten, um zu leben. Doch braucht er deßhalb nicht besorgt zu sein, Dr. Lente wird ihm schon den rechten Weg zeigen. Julian’s Arbeitsfach ist bald gefunden. Wo gäbe es einen besseren Docenten für Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, als ihn, der in diesem pudelnärrischen, von Geldsorgen geplagten, von Haß und Hader zerrissenen, von allen Uebeln einer verrückten Gesellschaftsordnung. gepeinigten Kapitalisten-Säculum gelebt hat?

Julian West jammert auch gar nicht über die Entwerthung seines Mammons; alle Genüsse, die er sich einst damit verschaffen konnte, fliegen ihm ja heute von selber zu. Ein paar Stündchen Arbeit, und der Tisch wird im schönsten Speisehause ihm gedeckt, und die besten Schauspielhäuser, die herrlichsten Museen stehen ihm offen, und alle Bequemlichkeit, aller Luxus eines feinen und begehrlichen Genußmenschen bietet sich ihm dar. Der Staat lebt ja viel viel billiger als ehedem; er braucht keine Armee, fast keine Richter, kein großes Beamtenheer; was früher Milliarden verschlungen hat, ist überflüssig geworden, und man kann dafür Anstalten errichten, welche dem öffentlichen Wohle, dem öffentlichen Vergnügen, der Erholung und Unterhaltung dienen. Kunst und Literatur, nie haben sie so reich geblüht, nie das geistige Leben der Nation einen so gewaltigen Aufschwung genommen als im Jahre 2000. Niemals auch sind die Schulen so trefflich gewesen. Durch tausend Canäle ergießt sich die Bildung unter die Menschen; Jeder hat ein Recht darauf, sein Recht, selbst gebildet zu sein, und ein Recht, gebildete Mitbürger um sich zu sehen. Selbst auf die Ungeborenen wird Rücksicht genommen sie haben ein Recht darauf, gebildete Eltern zu haben. Daß die technischen Lebenswerkzeuge erstaunlich sich verbessert haben, die ganze Mechanik des Alltagslebens in ihrer Vollkommenheit ans Unglaudliche grenzt, braucht kaum bemerkt zu werden. Man drückt auf einen Knopf, und man hört eine Oper, ein Concert, eine Predigt. Das ganze Haus ist voll solcher Wunderknöpfe, welche Nahes nnd Fernes verknüpfen, Raum und Zeit aufzuheben scheinen. In den Concertsälen wird Tag und Nacht gespielt, denn es gibt kranke oder schlaflose Menschen, die unversehens Lust nach Musik bekommen können. Ein Druck, und sie hören dann, im Bette liegend, eine Symphonie, einen Tanz, eine Orgelsonate, was sie eben aus dem täglich in alle Häuser verschickten Programme sich auswählen. Julian West scheint auf diese Weise seine Schlaflosigkeit geheilt zu haben. Im Uebrigen gewöhnte er sich, und wir begreifen das, nicht eben rasch an die neue Zeit und neue Welt. Zum Glück half ihm dabei das Töchterchen seines Lebensweckers. Auch sie hieß Edith, wie seine Braut aus dem neunzehnten Jahrhundert, und es stellte sich heraus, daß sie die Urenkelin jener Edith Bartlett war, von der sich Julian West an einem Frühlingsabend des Jahres 1887 verabschiedet hatte, um gleich darauf elendiglich zu verbrennen. Das heißt, man glaubte nur, er sei bei dem Brande seines Hauses mit zu Grund gegangen, denn der arme Sawyer war verunglückt, der Magnetiseur an jenem Abend noch für immer weggereist, und Niemand wußte etwas von Julian’s Schlafkeller. Vierzehn Jahre lang beweinte Edith Bartlett ihren verlorenen Bräutigam und heiratete dann einen Anderen. Julian gerieth in einen eigenthümlichen Gemüthszustand, als er diese Dinge erfuht. Innig hatte er seine Edith geliebt, aber es war doch schon über hundert Jahre her, und vor ihm stand eine andere Edith voll frischen Liebreizes, auf deren Urgroßvater er eigentlich hätte eifersüchtig sein sollen. Eifersüchtig, das war er auch — andererseits? aber durfte er diesem Urgroßvater nicht allzu heftig grollen, denn ohne ihn gäbe es ja keine zweite Edith, ohne ihn wäre es ihm nicht möglich, einen Anno 1887 plötzlich unterbrochenen Brautstand Anno 2000 fröhlich wieder fortzusetzen· Seine neue Braut liebte ihn von ganzem Herzen, vielleicht noch aufrichtiger als die aus dem neunzehnten Jahrhundert. Seit Abschaffung des Geldes war eine andere Heirat als eine Heirat aus Liebe gar nicht mehr denkbar. Das weibliche Geschlecht, dem übrigens sein Theil Arbeit irn Staate zugemessen ward, wuchs in Freiheit und Aufrichtigkeit heran, ohne durch Anstandsregeln zu jener heuchlerischen und unnatürlichen Spröde gezwungen zu werden, ohne die man sich ein Mädchen der Vorzeit gar nicht denken konnte. Liebte Julie ihren Romeo und wollte ihn heiraten, so sagte. sie es offen heraus.

Indeß können wir auf die Einzelheiten der gleichfalls so glücklich gelösten Frauenfrage nicht eingehen, wie es uns überhaupt unmöglich ist, ina allen Ecken des neugegründeten Staates uns umzuschauen. Man muß es seinem Schöpfer lassen, daß er so ziemlich an Alles gedacht hat, selbst daran, daß das Leben nicht blos ein Kampf gegen Hunger und Kälte ist, sondern daß es auch von sittlichen Gewalten regiert, vom Ehrbegriff, von der Ruhmgierde, von den guten und bösen Leidenschaften der Menschenkinder bedingt wird. Wie gerne möchte man, um mit Bismarck zu reden, diesem Tausendkünstler eine Provinz zur Probe ausliefern! Sein Staat hat natürlich auch seine Fehler, seine Lücken, seine schreienden Unwahrscheinlichkeiten, Raum für eine neue sociale Frage, auf der Landkarte vorderhand noch die Form eines monumentalen Fragezeichens. Was für ein riesiges Beamtenheer — wir wollen nur an dies Eine denken — würde die Verrechnung der einzelnen Arbeitsleistungen, ihre Umrechnung in andere Werthe erforderlich machen! Dann die Beziehungen mit dem Auslande! Wir hören zwar, daß Auno 2000 alle großen Länder der alten und der neuen Welt sich nach dem System der Allverstaatlichung eingerichtet haben, daß der Austausch der Erzeugnisse und Rohprodukte in der einfachsten Weise von Staat zu Staat erfolgt nnd alljährlich verrechnet wird, daß alle Ursachen des bewaffneten Kampfes von selbst verschwinden, daß es zwischen den ehedem feindseligsten Großstaaten keinen Krieg mehr geben kann, sondern nur noch einen Contocorrent — allein wir kleben doch noch zu sehr an sunserem neunzehnten Jahrhundert, um den Zweifel zurückhalten zu können. Wunderschön wäre es freilich, jenes tausendjährige Reich der Zukunft. Es ist kein Schlaraffenland, wo die gebratenen Ferkel mit dem Messer im Rücken umherlaufen, es duldet keine träge Genußsucht, sondern verlangt Arbeit und verlangt sie von Allen; aber es läßt dem Menschen seinen individuellen Zuschnitt, sein Ich, es macht keine Nummer aus ihm und betrachtet auch die Arbeit nur als eine Vorschule zu edlerer Lebensthatigkeit. Anno 2000 arbeitet der Einzelne nur 25 Jahre lang, bis zu seinem 45. Jahre, dann ist er frei, vorkommendenfalls blos noch zu staatlichen Ehrenstellen verpflichtet, sonst aber der Herr seiner selbst, seiner Neigungen und Liebhabereien, ein unabhängiger Kostgänger der Allgemeinheit, die nun für ihn arbeitet, nach unseren Begriffen ein Millionär, der von seinen Renten lebt. Dieses Ehrenbürger-Dasein wird ungemein verlockend geschildert, so daß man den alten Neger Sawyer zum Kukuk wünscht, der plötzlich seinen Herrn aus seinem magnetischen Schlafe zu wecken kommt.

— Denn ach, das Ganze ist blos ein Traum. Julian West hat die Herrlichkeit nur im Schlafe gesehen. Das Jahr 2000 dämmert noch in weiter Ferne, und nach dem heutigen Morgenblatte zu urtheilen, hat das neunzehnte Jahrhundert noch nicht ausgelebt. Es ist nur sehr alt, und sein Anblick, nach dem Fluge in die himmelblauen Höhen, stimmt den armen Julian sehr wehmüthig. Die ganze Welt ist ihm ein Graus geworden. Seinen Freunden, seiner Braut vertraut er in bitteren Worten diese seine Ansicht über die Menschen und das, was sie die weise Ordnung der Gesellschaft nennen. Die Einen verstehen ihn nicht, die anderen lachen ihn aus, seine Braut weist ihm die Thür. So kriecht er in seinen Keller zurück um weiter zu sinnen. Wer weiß, ob nicht von den Schlummerbildern, die ihn dort in seiner unterirdischen Clausur besuchen, gar manches eines Tages sich verdichtet und greifbar in die Erscheinung tritt? Alles Werden beginnt mit einem Träumen, und aus der Tiefe steigt, aus den wallenden Nebeln einer erdichteten Welt erhebt sich wahr und wirklich die Zukunft — leider erst im Jahr der Gnade 2000, höchst wahrscheinlich noch viel später.

*) Berlin, Richard Eckstein Nachfolger.

Anmerkungen

Edward Bellamy (1850-1898) ist ein amerikanischer Schriftsteller, der 1888 seinen Durchbruch mit dem Buch „Looking Backward 2000-1887“ feiert, um dessen deutsche Übersetzung es hier geht. Bellamy hatte sich länger in Deutschland aufgehalten und war wohl dort auch mit den Lehren der Sozialdemokraten in Berührung gekommen. Wie schon in der Zeit angemerkt wird, handelt es sich bei seinen Zukunftsvisionen streckenweise um einen Abklatsch derjenigen von August Bebel in dessen Buch „Die Frau und der Sozialismus“. Edward Bellamy inspirierte mit seinem Roman eine eigene politische Bewegung in den USA, die der Nationalist Clubs.

In den Vereinigten Staaten entwickelt sich „Looking Backward“ zum dritterfolgreichsten Bestseller der Zeit. Im deutschen Sprachraum sind die veschiedenen Übersetzungen ebenfalls sehr populär. Auch wenn es keine formale Verbindung des Autors zu den Sozialdemokraten gibt, freuen diese sich über den Erfolg des ihrem Geist sehr nahestehenden Werkes. Eugen Richter wird sich dann später im Jahr in den „Irrlehren der Sozialdemokratie“ mit den Vorstellungen Bebels und Bellamys auseinandersetzen. Im folgenden Jahr legt er mit den „Sozialdemokratischen Zukunftsbildern“ seinen eigenen Zukunftsroman vor, der allerdings anders als bei Bellamy eine bittere Dystopie zeichnet.

Die Werke sind alle online verfügbar (außer die besprochene Übersetzung, die wir nicht finden konnten):

Siehe auch unsere Rezension: Eugen Richter: Die Irrlehren der Sozialdemokratie

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