Hintergrund: Kolonialpolitik (1)

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Eugen Richter: ABC-Buch für freisinnige Wähler, 5. Auflage, 1889, Seite 130-147.

Kolonialpolitik. Die neue deutsche Kolonialpolitik datirt erst vom 24. April 1884. Zur allgemeinen Ueberraschung sandte der Kanzler an diesem Tage an den deutschen Konsul in Capstadt ein Telegramm, wonach die Niederlassung eines Herrn Lüderitz in Angra Pequena in Südwestafrika unter dem Schutz des Deutschen Reiches stehe. Vordem hat das Deutsche Reich niemals Hoheitsrechte in überseeischen Gebietsteilen in Anspruch genommen. Seit Jahrhunderten aber haben deutsche Kolonien ohne Hoheitsrechte deutscher Staaten über dieselben in allen Teilen der Welt bestanden, zum Zwecke des Ackerbaues, des Gewerbebetriebs und des Betriebs von Handelsgeschäften. Nichts ist darum willkürlicher, als zu behaupten, daß vor der Einleitung der neuen Kolonialpolitik die Deutschen der Meinung gehuldigt hätten, wie man sich ausdrückt, daheim hinter dem Ofen zu hocken oder, wie es der Reichskanzler bezeichnet, auf den Thüringer Bergen zusammenzusitzen und dem Meere den Rücken zuzukehren.

Jene geeinten Kolonien der Deutschen im Auslande haben der heimischen Indnstrie neue Absatzquellen zugeführt und dafür Deutschland die Erzeugnisse fremder Länder zugänglich gemacht 4000 deutsche Seeschiffe vermitteln den Handel in allen Meeren der Welt und halten dort, wo Deutsche sich im Auslande befinden, auch direkte Verbindungen mit der Heimat aufrecht. Auch abgesehen von wirtschaftlichen Verhältnissen bewegt unser nationales Leben kein irgendwie bedeutsames Ereignis, an welchem nicht die Deutschen im Auslande den lebhaftesten Anteil nehmen. Stets ist auch solchen Kolonien der Schutz des Reiches durch die Marine, durch auswärtige Vertretungen, durch internationale Vereinbarungen in großem Umfange zu teil geworden. Auch die freisinnige Partei ist für eine solche Inschutznahme freier privater Ansiedelungen stets eingetreten.

Bei der neuen Kolonialpolitik dagegen handelt es sich nicht um Kolonien dieser Art, sondern um die Erwerbung von Hoheitsrechten in überseeischen Gebietsteilen für das Deutsche Reich. Zu einer solchen Kolonialpolitik ist der Reichskanzler nicht, wie er es am 26. Mai 1889 darstellte, durch die Stimmung des Volkes gedrängt worden. Der Reichskanzler sagte nämlich: „Ich bin kein Kolonialmensch von Hause aus gewesen. Ich habe gerechte Bedenken gehabt, und nur der Druck der öffentlichen Meinung, der Druck der Mehrheit hat mich bestimmt, zu kapituliren und mich unterzuordnen.“ Diese Darstellung ist durchaus unrichtig. Allerdings hat sich der Kanzler in früherer Zeit sehr wegwerfend über den Zweck einer Kolonialpolitik geäußert. So berichtet Moritz Busch in seinen Erzählungen über den Aufenthalt des Kanzlers in Frankreich während des letzten französischen Krieges, daß der Kanzler einmal eine deutsche Kolonialpolitik verglichen habe mit der Art einer gewissen Klasse polnischer Edelleute, welche mit seidenen Gewändern prunkten, darunter aber ein zerrissenes Hemd trügen. Späterhin aber haben die Ansichten des Kanzlers eine Wandelnng erfahren, und die Inangriffnahme einer Kolonialpolitit ist, wie die später veröffentlichten Weißbücher darthun, vom Kanzler schon einige Zeit vor 1884 sorgsam vorbereitet worden, ohne daß er hierzu durch eine Volksbewegung gedrängt worden wäre. Im Gegenteil haben einige Kolonialvereine, welche sich vordem hier nnd dort gebildet hatten, nur schwächlich vegetiert und sich kaum bemerkbar gemacht.

Noch weniger ist es zutreffend, daß der Kanzler durch Mehrheitsbeschlüsse des Reichstags in die neue Kolonialpolitik gedrängt worden sei. Im Reichstag ist über Kolonialpolitik zuerst am 26. Juni 1884 verhandelt worden — eine Abstimmung in Fragen der Kolonialpolitik hat nicht vor 1885 stattgefunden —. Damals aber stand der Reichstag bereits vor vollendeten Thatsachen. Die deutsche Flaggenhissung in Südwestafrika war im Frühjahr 1884 erfolgt. Zu jener Zeit schon befand sich der Generalkonsul Nachtigal im Auftrage des Reichskanzlers unterwegs zum Zweck der Flaggenhissung in Kamerun und im Togoland. Auch dies Flaggenhissungen erfolgten schon im Sommer 1884. Im allgemeinen war die öffentliche Meinung in Deutschland zu jener Zeit der Einleitung einer Kolonialpolitik durchaus abgeneigt. Daß später gewisse Kreise der Bevölkerung sich für diese Kolonialpolitik zu begeistern begannen, bekundet nur den Einfluß, welchen der Reichskanzler in allem, was er persönlich unternimmt und befürwortet, auf bestimmte Kreise der deutschen Bevölkerung besitzt.

Allerdings haben eine Anzahl europäischer Seestaaten einen ausgedehnten Kolonialbesitz. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben grundsätzlich niemals Kolonien erworben. Der Kolonialbesitz der europäischen Seestaaten aber datirt in der Hauptsache schon aus früheren Jahrhunderten. Zu jener Zeit wurde dieser Besitz leichter erworben und festgehalten als in späterer Zeit. Bei der Ausbeutung der Kolonien war ein Ausschluß der inländischen und ausländischen Konkurrenz möglich, wie er heute nach dem Völkerrecht und dem Vertragsrecht nicht mehr zulässig ist. Die Eingeborenen kannten damals noch nicht den Gebrauch der Feuerwaffen, während heutzutage gerade der Gebrauch der schnellschießenden Hinterlader auch halbzivilisierten Völkerschaften den Widerstand gegen die Europäer erheblich erleichtert. Im allgemeinen haben die Seestaaten die Erfahrung gemacht, daß Kolonien sehr viel Geld kosten und daß die Kolonialbevölkerung in dem Augenblick, wo sie der materiellen Unterstützung des Mutterlandes entbehren kann, auch darauf ausgeht, die Hoheitsrechte des Mutterlandes einzuschränken oder sich völlig selbständig zu machen. In jedem Falle ist der irgendwie wertvollere Teil überseeischer Gebiete längst weggegeben und bei neuen Kolonialerwerbungen kann es sich nur um ihrem wirtschaftlichen Wert nach höchst zweifelhafte Länderstriche handeln. Gerade die Erfahrungen, welche in neuerer Zeit die Engländer im Sudan und die Franzosen in Tongking im Verfolg ihrer Kolonialpolitik gemacht, die großen Opfer und Verluste, welche die dortigen Unternehmungen England und Frankreich verursacht haben, mußten in Deutschland noch besonders abschreckend wirken gegen die Betretung ähnlicher Bahnen in der überseeischen Politik.

Nachdem, wie oben geschildert, in Südwestafrika im Frühjahr, in Kamerun und im Togoland im Sommer die deutsche Flagge gehißt war, fanden zu Ende des Jahres 1884 die Flaggenhissungen in der Südsee auf Neuguinea und in dem Neubritanniainsel-Archipel statt. Ebenfalls im Winter 1884/85 hißte eine Expedition im Hinterland der ostafrikanischen Küste, gegenüber der Insel Zanzibar, die deutsche Flagge. Es fanden außerdem Flaggenhissungen statt 1884 im Dubrekagebiet in Westafrika und 1885 auf den Karolineninseln in der Südsee. Diese beiden Flaggenhissungen aber sind später wieder rückgängig gemacht worden. Die deutsche Flagge wurde im Dubrekagebiet infolge des Widerspruchs der französischen Regierung und auf den Karolineninseln infolge des Widerspruchs der spanischen Regierung wieder eingezogen. In Betreff der Ansprüche auf die Karolineninseln rief Fürst Bismarck das Schiedsgericht des Papstes gegenüber Spanien an; der Papst aber entschied zu Gunsten Spaniens. In späterer Zeit ist die deutsche Flagge, abgesehen von weiteren Flaggenhissungen im Anschluß an die bereits stattgehabten Flaggenhissungen in Ostafrika, nur noch in der Südsee auf den Marschallinseln und auf den Salomonsinseln gehißt worden.

Es ist dem Kanzler gelungen, für diese überseeischen Erwerbungen die Anerkennung der Seemächte zu gewinnen; insbesondere wurde durch Verhandlungen mit Frankreich und England die beiderseitige Interessensphäre in Kamerun und im Togogebiet und durch besondere Verträge mit England die beiderseitige Interessensphäre auf Neuguinea, in der Südsee und in Ostafrika abgegrenzt.

Die gesamten kolonialen Erwerbungen umfassen ein Gebiet, das weit größer ist als Deutschland selbst. Irgend eine amtliche Statistik über diese kolonialen Erwerbnngen ist nicht vorhanden; dieselbe würde sonst die Wertlosigkeit derselben deutlich darthun. Abgesehen von einzelnen Ortschaften an der Küste haben die Eingeborenen auf den in Besitz genommenen Gebieten durchweg über Deutschland und eine von demselben in Anspruch genommene Oberhoheit entweder gar keine Kenntnis oder nur sehr unklare Vorstellung. Die Gesamtzahl der aus diesen weiten Territorien unter Hnnderttausenden von Eingeborenen lebenden Deutschen erreicht in keinem Falle 500 Köpfe, eingerechnet alle Beamten des deutschen Reichs und der Kolonialgesellschaften in diesen Gebieten. Darüber herrscht jetzt keine Meinuugsverschiedenheit mehr, daß in allen diesen in den Tropengegebieten gelegenen Kolonieen Deutsche körperliche Arbeiten nicht verrichten können. Die Frage aber, wie weit Deutsche dort durch andere für sich den Boden in Plantagenwirtschaften bearbeiten lassen können, ist überall noch ungelöst. Die Eingeborenen eignen sich dazu fast nirgend. Selbst die einfachen Hilfsdienste auf den Handelsniederlassungen müssen vielfach durch Angeworbene aus anderen Territorien, z. B. in Kamerun durch Kruneger, in Neuguinea durch Malayen, verrichtet werden. Sklaverei besteht unter den Eingeborenen in westafrikanischen und ostafrikanischen Gebieten überall, ohne daß die deutsche Herrschaft eine Einschränkung derselben unternommen hätte. Mit der Auswanderungsfrage hat daher — das wird von Niemand mehr in Zweifel gezogen — die jetzige Kolonialpolitik ganz und garnichts gemein. Im günstigsten Falle vermögen die gesamten Kolonieen für absehbare Zeit nur einigen Hundert Kommis, Militärpersonen und Beamten Stellungen zu verschaffen. Solche Personen beziehen aber das höhere Gehalt nur unter einer schweren Gefährdung ihrer Gesundheit. Daß sämtliche Küstengegenden, auf welche der Handel naturgemäß zunächst angewiesen ist, Brutstätten des Fiebers sind, wird nicht mehr bestritten und ist auch bereits durch schmerzliche Opfer dargethan. Die Zahl der Deutschen, welche in den Kolonien seit 1884 dem Fieber bereits zum Opfer gefallen sind, ist größer als die Zahl derjenigen Deutschen, welche sich gegenwärtig in diesen Kolonieen aufhält. Die gesunderen Höhenlagen binnenwärts, auf welche hingewiesen wird, sind noch nicht aufgefunden. Ueber zwei oder drei Jahre hinaus vermag nach allgemeiner Annahme ohne längere Unterbrechung kein Deutscher in jenen Gegenden es auszuhalten. Für Kinder und weibliche Personen deutscher Abkunft ist das Klima dort gänzlich ungeeignet. Demnach stößt auch schon das bloße Handelsgeschäft in jenen Kolonieen auf große Schwierigkeiten. In Südwestafrika ist zwar das Klima besser, doch entbehrt jenes Schutzgebiet des Wassers und des Holzes.

Vor der deutschen Flaggenhissung bestanden deutsche Handelsgeschäfte nur in Kamerun und im Togoland. Dieselben setzten an die Eingeborenen Branntwein, Waffen, Pulver und Zeugstoffe ab und tauschten dagegen Palmöl und Palmkerne ein, während der Eintausch von Elfenbein mit der Verminderung der Elephanten in Abnahme begriffen ist. Auf dem ostafrikanischen Festlande bestanden überhaupt keine deutschen Handelsniederlassungen, ebensowenig auf Neuguinea. Im neubritannischen Inselarchipel, welches den Namen Bismarckarchipel erhielt, betreiben drei auf Samoa angesiedelte Firmen, darunter zwei deutsche, den Einkauf von Kopranüssen. In Südwestafrika vertrieb die Firma Lüderitz von Bremen Branntwein, Gewehr, Pulver und dergl. in das Hinterland. Diese Firma hat nun bereits seit 1885 ihr Geschäft eingestellt, und Lüderitz selbst ist zu Grunde gegangen. Auch sonst hat nirgends in den Kolonieen seit der deutschen Besitznahme der Handel eine nennenswerte Erweiterung erfahren. Im deutschen Gebiet von Neuguinea (in Kaiser Wilhelm-Land umgetauft) sind die Einwohner durchaus bedürfnislos und haben keine Neigung, andauernd zu arbeiten, um Erzeugnisse europäischer Kultur zu gewinnen. Irgend einen lohnenden Ausfuhrartikel hat man auch dort nicht gefunden. Das Koprageschäft im Bismarckarchipel ist unter einer für den Artikel ungünstigen Konjunktur eher zurückgegangen. Auf dem ostafrikanischen Festlande hat sich auch vor dem Ausbruch der letzten Wirren keine deutsche Handelsgesellschaft niedergelassen. Anfänge mit Plantagenbau von Tabak, Kaffee, Baumwolle u. s. w. in Ostafrika, auf Neuguinea und in Kamerun sind nicht über den Versuch hinausgelangt. Wenn man auch solche Pflanzen dort kultivieren kann, so fragt es sich doch noch immer, ob der Anbau im großen die Kosten lohnt, und ob ein Produkt erzeugt wird, welches auf dem Weltmarkt Eingang findet. Die Zahl der deutschen Firmen, welche in Kamerun und im Togogebiet Niederlassungen besitzen, hat seit der Flaggenhissung nicht zugenommen. Im Togogebiet befindet sich jetzt überhaupt nur noch ein einziger deutscher Kommis, während in Kamerun Niederlassungen von zwei Hamburger Firmen (Wörmann, Jansen u. Thormälen) sich befinden. Herr Wörmann bezifferte den Hamburger Absatz in das Togogebiet im Jahre 1888 auf 1 706 440 Kilo Branntwein einschließlich der Fastage, 8426 Kilo Gewehre und 135129 Kilo Pulver, neben einem Absatz von 1 108 981 Kilo an anderen Waren. Den Absatz nach Karnerun bezifferte Herr Wörmann auf 765 124 Kilo brutto Branntwein und 3 347 123 Kilo andere Waren; welcher Art diese anderen Waren sind, und welchen Wert sie haben, hat Herr Wörmann nicht mitgeteilt. Anscheinend ist ein Teil dieser Waren nicht deutschen, sondern englischen Ursprungs. Herr Wörmann teilte mit, daß es sich für die deutsche Industrie nicht lohne, in jene Gegenden Zeugwaaren auszuführen, weil nur in England, entsprechend dem besonderen Bedürfnis in den Tropen, solche Zeugwaren in lohnender Weise hergestellt werden können. Im wesentlichen sind daher die deutschen Kolonien in Kamerun und in Togoland Schnapskolonien. Die Einfuhr von Spirituosen daselbst thut der Entwickelung erheblichen Eintrag und giebt namentlich den Missionären zu lebhaften Klagen Veranlassung. Am 14. Mai 1889 nahm daher der Reichstag auf den Antrag Stöckers fast einstimmig — nur die Nationalliberalen um Herrn Wörmann stimmten dagegen — eine Resolution an, welche der Regierung zur Erwägung gab, ob und wie dem Handel mit Spirituosen in den deutschen Kolonien durch Verbot oder Einschränkung wirksam entgegenzutreten sei. In Ostafrika zieht der Muhamedismus der Einfuhr von Spirituosen von selbst Grenzen. Neuerdings ist dort die Einfuhr von Gewehren und Pulver verboten. Für die Besitzungen in der Südsee ist die Einfuhr von Waffen und Pulver, sowie der Verkauf von Spirituosen an die Eingeborenen sogleich nach der Flaggenhissung verboten worden. — Der gesamte Absatz in die deutschen Kolonien erreicht daher nicht einen irgendwie nennenswerten Betrag und verspricht auch in absehbarer Zeit keinerlei Erweiterungen.

Um so größer ist das Mißverhältnis der Aufwendungen, welche seitens Deutschlands für jene Kolonien nach stattgehabter Flaggenhissung in den letzten Jahren stattgefunden haben. Diese Aufwendungen sind teils von deutschen Kolonialgesellschaften, teils vom Reiche selbst gemacht worden. Als im Reichstage die Kolonialpolitik zuerst am 26. Juni 1884 zur Sprache kam, suchte der Reichskanzler die gegen dieselbe namentlich von freisinniger Seite erhobenen Bedenken damit zu beschwichtigen, daß er sich dagegen verwahrte, ein den Franzosen ähnliches System von Kolonialpolitik zu verfolgen. Das französische System der Kolonialpolitik bestände darin, ein Stück Land zu schaffen, dann Auswanderer herbeizuziehen, Beamte anzustellen, Garnisonen zu errichten. Gegen ein solches System, einen Hafen zu bauen, wo noch kein Verkehr ist, eine Stadt zu gründen, wo noch die Bewohner fehlen, habe er seine frühere Abneigung nicht aufgegeben. „Meine von St. Majestät dem Kaiser gebilligte Absicht ist, die Verantwortlichkeit für die materielle Entwickelung der Kolonieen, ebenso wie ihr Entstehen der Tätigkeit und dem Unternehmungsgeist unserer seefahrenden und handeltreibenden Mitbürger zu überlassen und weniger in der Form der Annektirung von überseeischen Provinzen an das Deutsche Reich vorzusehen als in der Form der Gewährung von Freibriefen nach Gestalt der englischen Royal Charters, im Anschlus an die ruhmreiche Laufbahn, welche die englische Kaufmannschaft bei Gründung der ostindischen Kompagnie zurückgelegt hat, und den Interessenten der Kolonie zugleich das Regieren derselben im wesentlichen zu überlassen und ihnen nur die Möglichkeit europäischer Jurisdiktion für Europäer und desjenigen Schutzes zu gewähren, den wir ohne stehende Garnisonen dort leisten können.“ Seine Absicht sei nicht, Provinzen zu gründen, sondern kaufmännische Unternehmungen; „aber in der höchsten Entwickelung, auch solche, die sich eine Souveränetät, eine schließlich dem Deutschen Reich lehnbar bleibende, unter seiner Protektion stehende kaufmännische Sonveränetät erwerben, zu schützen in der freien Entwicklung einmal gegen die Angriffe aus der unmittelbaren Nachbarschaft als auch gegen Bedrückung und Schädigung von Seiten anderer europäischer Mächte.“ Auch in den Reichstagsreden i. J. 1885 betonte der Kanzler (28. November): „Mein Ziel ist der regierende Kaufmann und nicht der regierende Büreaukrat in jenen Gegenden. Unsere geheimen Räte und versorgungsberechtigten Unteroffiziere sind ganz vortrefflich bei uns, aber dort in den kolonialen Gebieten erwarte ich von den Hanseaten, die draußen gewesen sind, mehr.“

Im Verfolg dieser Darlegungen des Reichskanzlers sind denn auch mehrere Kolonialgesellschaften in Deutschland entstanden. Aber gerade die Hanseaten, überhaupt die Kaufleute in den Seestädten und diejenigen Kaufleute, welche überseeische Warengeschäfte betreiben und in Afrika und in Australien Erfahrungen besitzen, haben es durchweg abgelehnt, sich an solchen Kolonialgesellschaften zu beteiligen. Insbesondere haben auch die Hamburger und Bremenser Firmen, welche in Kamerun und im Togoland Geschäfte betreiben, einschließlich des Herrn Wörmann, es auf das bestimmteste abgelehnt, irgend welche Hoheitsrechte in diesen Gebieten zu übernehmen und eine Verantwortlichkeit für die dortige Regierung zu tragen.

Kamerun und Togo müssen deshalb als sogenannte Kronkolonien verwaltet werden. Neuerlich werden dort Zölle erhoben zur Deckung der Kosten der Lokalverwaltung. Aber die Kosten für die Besoldung der Gouverneure und ihres Personals muß das Reich zuschießen im Betrage von 56 850 Mark für Kamerun und 29 100 Mark für Togo. Außerdem unterhält das Reich dem Gouvernenr für 40 000 Mark jährlich Mannschaften zur Führung einer auf Reichskosten angeschafften Dampfbarkasse. Der Reichsfonds zur Erforschung des inneren Afrilas wird seit einigen Jahren im Betrag von 150 000 Mark ausschließlich verwandt für die Erforschung des Hinterlandes von Kamerun und Togo. Es sind wissenschaftliche Expeditioseen vorgenommen worden und auch Stationen errichtet, ohne daß es indessen im Hinterlande von Kamerun gelungen ist, das Handelsmonopol, welches die nächst der Küste angesessenen Stämme beanspruchen, zu durchbrechen. Für Neuguinea und den Bismarckarchipel hat sich in Berlin eine Kolonialgesellschaft gebildet unter Führung des Herrn v. Hansemanm aus Berliner Banquiers, welche geschäftlich keinerlei Beziehungen zu jenen Gebietsteilen haben, aber sich der Kolonialpolitik des Reichskanzlers geneigt erweisen wollen. Es wurde zuerst eine Million zusammengebracht und später sollen ähnliche Beträge zngeschossen worden sein. Die Gesellschaft hat auch mehrere Stationen in Neuguinea und im Bismarckarchipel angelegt, wissenschaftliche Expeditionen in das Innere des Landes veranstaltet und Beamte daselbst unterhalten.
Unter Mitwirkung des Reichskanzlers ist ein ganzer Band von Gesetzen und Verordnungen für jene Schutzgebiete durch diese Neu-Guinea-Compagnie erlassen worden, obwohl die Mehrzahl dieser Gesetze und Verordnungen eine praktische Anwendung nur auf das aus einigen Dutzend Köpfen bestehende dortige Personal der Gesellschaft findet. Neuerlich ist auch diese Neuguinea-Kompagnie überdrüssig geworden, dort Hoheitsrechte auszuüben, und hat die Regierung ersucht, jene Kolonien in direkte Verwaltung zu nehmen, unter dem Anerbieten, für die Gehälter der Reichsbeamten daselbst aufkommen zu wollen. Ein desfallsiger Gesetzentwurf war für den Reichstag vorbereitet, ist aber bis jetzt noch nicht zur Erledigung gelangt. Die Neuguinea-Kompagnie will sich also in Zukunft lediglich auf Handelsgeschäfte beschränken. Bisher aber hat sie nur fortgesetzt große Zubuße durch jene Besitzungen gehabt. Wenn es nicht mehr gelingt, die Freunde des Kanzlers in Banquierskreisen zu weiteren Opfern heranzuziehen oder direkte Reichsunterstützungen zu erhalten, wird die Gesellschaft bald ihre Stationen und das auf denselben unterhaltene Personal einschränken müssen. Sie kann sich alsdann wenigstens damit trösten, für die wissenschaftliche Erforschung von Neuguinea etwas geleistet zu haben.

In Südwestafrika war Herr Lüderitz bereit, Hoheitsrechte zu übernehmen. Vor der Regelung der Angelegenheit aber verkrachte sein Geschäft. Herr Lüderitz drohte mit einer Veräußerung seiner Ansprüche an die Engländer. Kolonialpolitische Freunde des Reichskanzlers in Berlin sahen sich deshalb veranlaßt, eine Kolonialgesellschaft für Südwestafrika mit einein Kapital von 1 ¼ Millionen Mk. zu bilden und Herrn Lüderitz seine Ansprüche abzukaufen. Die neue Gesellschaft aber überzeugte sich alsbald, daß in Südwestafrika überhaupt nichts zu holen sei; weder durch Handelsgeschäfte noch durch Viehzucht noch sonstwie. Sie blieb deshalb nur formell noch bestehen. Auf Kosten des Reichs wurde ein Kommissar mit einigen Beamten in Südwestafrika unterhalten. Die Sache änderte sich, als im Sommer 1886 australische Goldgräber in dem Schutzgebiet Gold entdeckt haben wollten. Es wurden nun von Berlin aus mehrere Expeditionen ausgerüstet zur bergmännischen Untersuchung und Ausbeutung. Der Gesellschaft wurde durch Kaiserliehe Verordnung das Bergregal verliehen. Auch versuchte dieselbe, eine Schutztruppe zur Wahrnehmung ihrer Gerechtsame zu errichten. Im Herbst 1888 aber kam ein Engländer Lewis in das Gebiet mit dem Vorgeben, daß der Häuptling Kamaherero ihm Minenrechte vor der Abtretung an Lüderitz übertragen habe. Der Häuptling durch den Engländer und sein Gefolge ermutigt, erkannte die Autorität der deutschen Beamten nicht mehr an, und der Reichskommissar mußte von seinem Amtssitz nach Walfischbai in die englische Kolonie an der Küste, flüchten.

Die Angelegenheiten Südwestafrikas kamen in der Reichstagssitzung am 15. Januar 1889 in einer lebhaften Diskussion zwischen dem Reichskanzler und der freisinnigen Partei zur Sprache. Die freisinnige Partei lehnte es ab, neue Geldforderungen für Südwestafrika zu bewilligen. Der Reichskanzler griff deshalb die freisinnige Partei heftig an, betheuerte den bergmännischen Wert der Kolonien und beschuldigte die freisinnige Partei, die nationalen Interessen preiszugeben. Inzwischen sind die bergmännischen Expeditionen ergebnislos verlaufen. Man hat sich augenscheinlich überzeugt, daß der Abbau und die Schlemmung der Golderze in Ermangelung von Wasser und Holz und bei der Schwierigkeit der Transportverhältnisse in keiner Weise lohnend ist. Die südwestafrikanische Gesellschaft, obwohl aus nationalliberalen Freunden des Kanzlers bestehend, hat nach Verlust ihrer Fonds bis auf 60 000 Mk. die Flinte vollends ins Korn geworfen und im Juli beschlossen, ihre Besitzungen und Konzessionsrechte bestens zu verwerten, wie es heißt, an einen in England lebenden Holländer. Auf Reichskosten ist inzwischen eine Schutztruppe zu Pferde gebildet worden, um den Versuch zu machen, die deutsche Autorität wiederherzustellen. — Neuerlich soll der Engländer Lewis das Schutzgebiet wieder verlassen haben; der Vertreter des Reichskommissars ist zurückgekehrt. Eine neue kaiserliche Verordnung regelt die Ausübung des Bergregals von Reichswegen.

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