Hintergrund: Kolonialpolitik (2)

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Eugen Richter: ABC-Buch für freisinnige Wähler, 5. Auflage, 1889, Seite 130-147.

[Fortsetzung des ersten Teils.]

Die Aufwendungen des Reichs für die neue Kolonialpolitik beschränken sich keineswegs auf die vorerwähnten Ausgaben für die westafrikanischen Besitzungen. Die Marineausgaben haben seit Einleitung der neuen Kolonialpolitik eine beträchtliche Erhöhung, insbesondere durch erweiterte Indienststellung von Schiffen erfahren. Während vordem afrikanische Stationen durch deutsche Kriegsschiffe nicht besetzt waren, werden jetzt regelmäßig auf der ostafrikanischen Station zwei Kreuzer unterhalten und auf der westafrikanischen Station ein Kreuzer und und ein Kanonenboot. Dazu kommt noch ein beständig in Dienst gehaltenes Kreuzergeschwader von einer Kreuzerfregatte und drei Kreuzerkorvetten. Außerordentliche Vorkommnisse geben noch Veranlassung zu neuen Aufgeboten von Kriegsschiffen. Namentlich hat die Kolonialpolitik in Ostafrika wiederholt umfassende Flottendemonstrationen vor der Insel Zanzibar zur Folge gehabt. Auch als im Jahre 1885 der Streit mit Spanien über die Besitzergreifung der Karolineninseln schwebte, wurden erhebliche Rüstungen der Marine eingeleitet. Größere Einbußen noch erlitt aber der deutsche Handel durch den Abbruch vieler geschäftlicher Beziehungen seit Deutschland seitens der durch die deutsche Flaggenhissung damals leidenschaftlich erregten Spanier. Man kann wohl sagen, daß allein schon durch diese Kolonialstreitigkeiten mit Spanien Deutschland wirtschaftlich mehr eingebüßt hat als alle neuen Kolonialerwerbungen zusammengenommen wert sind.

Ganz außerordentliche Aufwendungen des Reiches erheischt nunmehr die Kolonialpolitik in Ostafrika seit dem im Herbst 1888 ausgebrochenen Aufstande. Eine kleine in Berlin gebildete ostafrikanische Gesellschaft sandte zuerst im Winter 1884/85 verschiedene Personen, darunter Dr. Peters und einige Offiziere aus, um gegenüber der Insel Zanzibar hinter der Küste die deutsche Flagge zu hissen. Man berief sich zur Rechtfertigung auf Verträge. welche die Expedition mit Dorfhäuptlingen abgeschlossen hatte. Letztere fanden sich hierzu bereit gegen Geschenke wertloser Art, wie abgelegte Husarenjacken u. drgl. Der Reichskanzler selbst spottete im Reichstage einmal über die ihm vorgelegten unleserlichen Pupiere von Privatpersonen, welche mit einigen Negerkreuzen versehen gewesen seien. Gleichwohl wurde der ostafrikanischen Gesellschaft im Februar 1885 durch einen Schutzbrief die Ausübung von Hoheitsrechten in den auf diese Weise erworbenen Gebieten übertragen. Das System der Flaggenhissungen wurde alsdann in jenen Ländern durch neue Expeditionen von jungen Offizieren, Referendaren und Philologen weiter ausgedehnt über ein Gebiet von etwa 26 000 deutschen Quadratmeilen. Thatsächlich aber war die ostafrikanische Gelellichaft nichts weniger als imstande, von diesem Gebiet Besitz zu ergreifen oder auch nur aus demselben irgend welchen Nutzen zu ziehen. Nachdem zuerst die Gesellschaft die Formen einer Kommanditgesellschaft des Herrn Dr. Peters dargestellt hatte, wurde sie im Frühjahr 1887 als Aktiengesellschaft konstituirt mit einem Kapital von etwa 3 Millionen Mk. Ein Teil dieses Kapitals aber bestand in Anteilen, welche den bisherigen Teilhabern der Gesellschaft zur Abfindung ihrer Ansprüche ausgehändigt worden waren. Die Königlich Preußische Seehandlung beteiligte sich mit einem Kapital von 500 000 Mk., angeblich aus Privatmitteln des Kaisers Wilhelm l. Die Reichsregierung erzwang durch Flottendemonstrationen gegenüber dem Sultan von Zanzibar die Anerkennung der Hoheitsrechte der Gesellschaft in dem Hinterlande der Küste. Außerdem sicherte der Sultan im Jahre 1886 der Gesellschaft durch Vertrag die pachtweise Ueberlassung von zwei Küstenorten von Pangani und Dar-es-Salam, zu. Im November 1886 schloß die Regierung einen Vertrag mit England, welcher die beiderseitige Interessensphäre in Ostafrika dahin abgrenzte, daß die deutsche Interessensphäre in Ostafrika von der Nordgrenze der portugiesischen Besitzung, vom Cap Delgado im 11. Grad s. Br.. bis zum 4,66. Grad s. Br. reicht, die englische Interessensphäre von dort bis zum Tanafluß im 2,66. Grad s. Br. Zugleich wurden die Hoheitsrechte des Sultans von Zanzibar über den betreffenden Küstenstrich und die vor der Küste liegenden Inseln anerkannt.

In den Jahren 1886 bis 1889 beschränkte sich die Thätigkeit der Gesellschaft auf die Errichtung von etwa 15 Stationen, welche innerhalb der deutschen Interessensphäre verteilt waren. Die Stationen waren von Angestellten der Gesellschaft besetzt, welche in Blockhäusern von Konserven und etlichem angebauten Gemüse lebten, im übrigen weder Handel trieben noch Hoheitsrechte über die Eingeborenen beanspruchten. Das Verhältnis änderte sich, als im April 1888 der deutsche Generalkonsul in Zanzibar, zwar nicht als Bevollmächtigter des Reichskanzlers, sondern als Bevollmächtigter der ostafrikanischen Gesellschaft, mit dem Sultan von Zanzibar einen Vertrag abschloß, in welchem der Sultan unter Vorbehalt seiner Oberhoheit der Gesellschaft die Ausübung seiner Hoheitsrechte, insbesondere die Erhebung von Zöllen an der gesamten von ihm vorbehaltenen Küste, gegen gewisse finanzielle Gegenleistungen verpachtete. Im August 1888 zog sich dann die ostafrikanische Gesellschaft aus ihren Stationen im Hinterlande mit Ausnahme einer Station zurück und hißte in 14 Hafenorten der Küste ihre Flagge unter Einsetzung von Zollbeamten.

Der Sultan hatte die Ausübung seiner Rechte an der Küste ohne Zustimmung der dortigen Bevölkerung und der dortigen Dorfhäuptlinge übertragen. Die Gesellschaft besaß in keiner Weise die Mittel, um sich aus eigner Kraft auf solcher 90 deutsche Meilen langen Küstenstrecke zu behaupten. Sie verfügt nur über einige Dutzend deutsche Beamte und und etwa 100 angeworbene Eingeborene als Polizeisoldaten (Askaris). Es bedurfte nur geringfügiger Veranlassungen, um die Unzufriedenheit der Eingeborenen, welche sich durch die deutsche Zollerhebung in ihren Interessen vielfach verletzt sahen, bis zur gewaltsamen Vertreibung der Deutschen zu steigern. In der Zeit vom 10. bis 24. September wurden überall die deutschen Beamten bis auf die beiden Küstenpunkte Dar-es-Salem und Bagamoyo vertrieben und teilweise ermordet. Ungeschicktes Verhalten der Gesellschaftsbeamten hatte die Katastrophe beschleunigt. Der Kanzler warf in einer Note vom 6. Oktober der Gesellschaft vor, daß sie mehr energisch als umsichtig verfahren wäre; Energie sei in diesem Gebiete außerhalb der Tragweite der Schiffsgeschütze nur mit unverhältnismäßigen Opfern durchzuführen.

Zur Zeit dieses Aufstandes durchzog der in Nordafrika domilizirte Kardinal Lavigerie mit einem Empfehlungsschreiben des Papstes die Hauptstädte Europas, um die Greuel der Sklaverei in Afrika zu schildern und zu Organisationen aufzufordern im Interesse der Aufhebung der Sklaverei und insbesondere der Sklavenjagden. Fürst Bismarck machte sich die hierdurch erregte Strömung zu Nutze und leitete die Wiederherstellung der deutschen Autorität in Ostafrika ein unter der Firma einer Bekämpfung des Sklavenhandels. Er wußte die englische, italienische und portugisische Regierung zu einer gemeinsamen Blokade der ostafrikanischen Küste zu bestimmen behufs Unterdrückung der Sklavenausfuhr und der Einfuhr von Waffen und Pulver. Die Blokade zerstörte den Handel des ostafrikanischen Festlandes vollends. Der Aufstand gewann aus der damit verbundenen Schädigung der Erwerbsverhältnisse der Eingeborenen und der Araber neue Nahrung. Im Anfang gelang es den Blokadeschiffen, einzelne Sklavenschiffe aufzubringen. Später aber ist von einer Einwirkung der Blokade auf die Sklavenausfuhr nichts mehr bekannt geworden. Soweit dieselbe überhaupt in dortiger Gegend seewärts stattfand, scheint sie jetzt sich auch auf dem Landwege nach Oberägypten übertragen zu haben, von wo die Sklaven nach Arabien übergeführt werden. Die ostafrikanische Gesellschaft behauptet zwar, daß sie noch über 1 Million Mark in Bar und in Berechtigungen verfügt, that aber ihrerseits nicht das Mindeste, um aus eigener Kraft ihre Autorität wiederherzustellen.

Der Kanzler unternahm es nunmehr, mit Reichsmitteln der Gesellschaft zu Hülfe zu kommen. In der Rede zur Eröffnung des Reichstags am 22. November 1888 wurde es als Aufgabe des Reiches hingestellt „den afrikanischen Weltteil für die christliche Gesittung zu gewinnen.“ Den Plänen des Reichskanzlers arbeitete die Centrumspartei vor. Dieselbe, angeregt durch die Agitation des Kardinals Lavigerie und den Aufruf des Papstes zur Bekämpfung der Sklaverei in Afrika, brachte im Reichstage einen Antrag ein, welcher die Ueberzeugung aussprach, daß, um Afrika für die christliche Gesittung zu gewinnen, zunächst die Bekämpfung des Negerhandels und der Sklavenjagden notwendig sei. Zugleich wurde die Bereitwilligkeit erklärt, die Maßregeln, welche die Regierungen zu diesem Zwecke vorschlagen würden, in Erwägung zu ziehen und zu unterstützen. Die freisinnige Partei stimmte gegen diese Resolution, weil sie sich freie Hand behalten wollte in der Beurteilung der von der Regierung vorgeschlagenen Maßregeln und sie den Eindruck gewann, daß unter dem Titel einer Bekämpfung der Sklaverei es nur darauf abgesehen sei, die ostafrikanische Gesellschaft aus Reichsmitteln zu unterstützen.

Unter Berufung auf den von der Mehrheit des Reichstags (Kartellparteien und Centrumspartei) angenommenen Antrag wurde alsdann dem Reichstage im Januar 1889 ein Gesetz vorgelegt, welches „zur Bekämpfung des Sklavenhandels und zum Schutz der deutschen Interessen“ eine Summe von 2 Millionen Mark verlangte. Das Gesetz gelangte Ende Januar gegen die Stimmen der freisinnigen Partei (mit 2 Ausnahmen) und der Sozialisten zur Annahme. Die freisinnige Partei erblickte in dieser Gesetzesvorlage einen weiteren Bruch mit demjenigen System der Kolonialpolitik, welches der Reichskanzler am 26. Juni 1884 (s. o.) als für sich maßgebend erklärt hatte. Danach sollte das Reich sich darauf beschränken, den Kolonialgesellschaften den internationalen Schutz zu gewähren, während es die Aufgabe der Kolonialgesellschaften blieb, sich aus eigener Kraft gegenüber den Eingeborenen zu behaupten. Wenn die ostafrikanischen Erwerbungen überhaupt einen wirtschaftlichen Wert besäßen, so würde derselbe in erster Reihe dem Handel zum Vorteil gereichen, und darum müßte es Aufgabe der betreffenden Interessentenkreise sein, für die Aufrechterhaltung eines solchen kolonialpolitischen Besitzes die erforderlichen Mittel aufzubringen. Die freisinnige Partei vermochte nicht die Verantwortlichkeit zu übernehmen, neue Bahnen der Kolonialpolitik zu betreten, welche auf abenteuerliche Wege führen könnten, mit unabsehbaren Opfern für das Reich. In Bezug auf die Sklaverei hatte der Kanzler am 15. Januar im Reichstage selbst ausgeführt, daß solche Jahrtausende alte Einrichtungen in einem großen Weltteil sich nicht ohne weiteres, sondern erst nach großen Umgestaltungen unter großen Geldopfern beseitigen ließen. Ohne Entschädigung könne die Sklaverei nicht aufgehoben werden, habe doch die Entschädigung für Aufhebung der Sklaverei allein auf der Insel Jamaika den Engländern 400 Millionen Mark gekostet. Thatsächlich ist ja auch in den deutschen Schutzgebieten bisher nirgends die Sklaverei auch nur eingeschränkt worden. Was aber den eigentlichen Sklavenhandel und die Sklavenjagden anbetrifft, so vollzieht sich derselbe im Innern Afrikas in einer Entfernung von der Küste, welche nur durch monatelange Reisen zurückgelegt werden kann. In einer Note über die ostafrikanischen Vorkommnisse hatte der Kanzler selbst ausgeführt, daß militärische Expeditionen in das Innere von zweifelhaftem Werte seien; denn abgesehen von der Ausdehnung und der Unwegsamkeit des Landes hätten die ortskundigen Gegner stets die Möglichkeit, dem Stoß einer überlegenen Truppe nach Bedürfnis auszuweichen und nach Gelegenheit von Ort und Zeit den Kampf wieder aufzunehmen. Ständen hier Garnisonen europäischer Truppen, so würden sie sich im Innern, wenn überhaupt, nur mit den schwersten Opfern an Menschenleben und Geld halten lassen.

Die Bewilligung des Kredits von 2 Millionen aber bezweckte, unter Leitung des Reichskommissars die militärische Eroberung der Küste und des Binnenlandes durch angeworbene Truppen unter Führung von deutschen Militärpersonen im Interesse der ostafrikanischen Gesellschaft und ihrer Zollerhebung herbeizuführen. Die Zollerhebung an der ostafrikanischen Küste mit starker Hand von Reichs wegen zu unterstützen, sollten schon die Kongoakte verbieten, denn in denselben haben sich die kontrahirenden Mächte ihrerseits verbindlich gemacht, keine Zölle zu erheben und sich sogar verpflichtet, den Sultan von Zanzibar zu einer Herabsetzung dieser Zölle zu bestimmen.

Nach erfolgter Bewilligung des 2-Millionenkredits ist als Reichskommissar der Afrikareisende Hauptmann Wißmann am 31. März in Dar-es-Salam eingetroffen und hat mittels einer angeworbenen Truppe von etwa 1000 Sudanesen, Zulus, Somalis unter Führung von deutschen Offizieren und Unteroffizieren mit Unterstützung der Kriegsschiffe und von Landungskorps der Marinemannschaftem die militärischen Operationen begonnen. Anfang September war derselbe nicht darüber hinausgelangt, einige Küstenplätze im Norden wieder zu besetzen.

Es unterliegt schon jetzt keinem Zweifel mehr, daß die Durchführung der militärisehen Pläne noch weitere Geldmittel über den Betrag von 2 Millionen Mark hinaus erfordern wird. Ein Ende ist gar nicht abzusehen. Je länger die Kämpfe andauern, desto zerstörender wirken sie für alle Handelsbeziehungen. Ein deutscher Handel hat auf dem afrikanischen Festlande überhaupt nicht bestanden. Der Elfenbeinhandel wird auch nach der Auffassung des Kanzlers von selbst bald aufhören mit der weiter fortschreitenden Ausrottung der Elefanten. Wenn Sklaven, Gewehre, Munition als Tauschobjekte in Wegfall kommen, so bleibt bei der Bedürfnislosigkeit der Eingeborenen für den Karavanenhandel wenig übrig. Der Kanzler verspricht sich für die Zukunft Ostafrikas Erfolge vom Plantagenbau. Doch ist der Plantagenbau über Versuche in kleinem Umfange nicht hinausgekomme.n Die lohnende Verwerthung von Tabak, Kaffee, Baumwolle im Welthandel erscheint durchaus zweifelhaft, ein ausgedehnter Plantagenbau würde bei der Unmöglichkeit der Verwendung europäischer Arbeitskräfte in jenem Klima eine neue Nachfrage nach Sklaven schaffen. Die Sklaverei würde damit keine Einschränkung sondern, wenn auch in der Form einer gemilderten Zwangsarbeit, eine Ausdehnung gewinnen. In der That hat gerade die ostafrikaniscbe Gesellschaft bis dahin lebhaft gegen die Aufhebung oder Einschränkung der Sklaverei agitirt. Auf Dentsch-Ostafrika bezieht sieh der Ausspruch Dr. Fischers, daß dort, wo es fruchtbar ist, es nicht gesund ist, und dort, wo es gesund ist, nicht fruchtbar ist.

Unzutreffend ist auch für die Wertschätzung von Deutsch-Ostafrika der Vergleich mit anderen Ländern. Hauptmann Wißmann selbst hat es im Reichstage als eine sanguinische Auffassung bezeichnet, Deutsch-Ostafrika mit Indien zu vergleichen. Ebensowenig paßt der Vergleich mit Java und den Sundainseln. Allerdings liegen diese Jnseln unter demselben Breitengrade wie Deutsch-Ostafrika, aber von allen Seiten auf dem Meere dem Handel leicht zugänglich, besaßen sie schon vor Jahrhunderten eine höhere Kultur als sie jetzt in Ostafrika herrscht. Noch jetzt verlangt Java von dem niederländischen Staat Zuschüsse. Für den Zuckerbau daselbst haben neuerlich Staatsvorschüsse gewährt werden müssen; auch der Anbau von Kaffee und Chinarinde ist unter den Verhältnissen des Weltmarktes unvorteilhafter geworden. Bei dem ungesunden Klima in Java wohnen unter 21 Millionen Eingeborenen nur 45 000 Europäer, darunter nur 7 000 geborene Holländer. Trotz großer Geldaufwendungen wird es immer schwieriger, die zur Ergänzung der europäischen Truppen erforderlichen Mannschaften zu gewinnen. Auch der von Herrn von Bennigsen angezogene Vergleich mit den portugisischen Besitzungen in Ostafrika spricht nicht für den Wert der deutschen Besitzungen. Die Provinz Mozambique ist ebenfalls sehr ungesund, obwohl sie 10 Breitengrade südlicher liegt. Die portugisische Bevölkerung besteht zu einem großen Teil aus deportirten Sträflingen. Die Ausgaben für die Provinz übersteigen die Einkünfte der Staats- kasse um mehrere Millionen.

Die Ueberzeugung von der Wertlosigkeit der ostafrikanischen Besitzungen auch in der Zukunft ist der Grund, warum man gerade in solchen deutschen Kreisen, welche überseeische Geschäfte treiben, nicht die mindeste Lust zeigt, erhebliche Geldaufwendungen für Ostafrika oder die ostafrikanische Gesellschaft irgend wie aus eigener Tasche zu machen. Nur das große Reichsfaß anzuzapfen, finden manche bequem.

Noch ein anderes deutsches Kolonialgebiet in Ostafrika ist Wituland. Dasselbe ist nördlich der englischen Interessensphäre gegenüber der Insel Lamu gelegen und umfaßt etwa 20 Quadratmeilen. Wituland wurde zuerst von den Gebrüdern Dehnhardt erworben und dann an eine Witugesellschaft, welche sich mit einem Kapital von 500 000 Mk. bildete, verkauft. Daß die Gesellschaft irgend einen Nutzen bringenden Handel dort betreibt, ist nicht bekannt geworden; desto mehr erfährt man von Streitigkeiten bald zwischen der Gesellschaft und dem benachbarten Sultan der Suahelis, welcher die deutsche Oberhoheit anerkannt hat, bald von Streitigkeiten mit den benachbarten Engländern oder von Streitigkeiten zwischen der Gesellschaft und etlichen in deren Gebiet angesiedelten Deutschen. Neuerlich plant die Gesellschaft nach dem Muster der ostafrikanischen Gesellschaft die Pachtung der Zolleinkünfte des Sultans von Zanzibar auf der Insel Lamu. Die Engländer erachten solch eine Pachtung als einen Eingriff in ihre Interessensphäre. Ein belgischer Staatsmann ist zum Schiedsrichter in dieser Frage zwischen England und Deutschland angerufen worden.

Mit der neuen Kolonialpolitik in gewisser Beziehung stehen auch die Vorgänge auf Samoa seit 1880. Im Jahre 1880 verlangte die Reichsregierung vom Reichstage die Uebernahme einer Zinsgarantie des Reiches von 3 pCt. für ein Kapital von 10 Millionen Mark zur Bildung einer Aktiengesellschaft behufs Uebernahme der Kopraplantagen auf den Samoainseln aus der Konkursmasse von Godefroy in Hamburg. Der Reichstag lehnte die Uebernahme der Garantie ab: die Rentabilität jener Plantagen sei durchaus zweifelhaft; andernfalls würden sich auch private Kapitalisten ohne Reichsgarantie zur Uebernahme bereit finden. Auch sei es unzulässig, überseeische Handelsgeschäfte unter Reichsgarantie und unter damit notwendig verbundener Bevormundung des Reiches zu betreiben. Es hat sich später zur Uebernahme dieser Plantagen eine deutsche Privatgesellschaft gebildet, welche indessen keine nutzbringenden Geschäfte macht. Die deutsche Regieruug aber hat sich seitdem durch Entsendung von Kriegsschiffen, Stationirung von Berufskonsuln auf Samoa vielfach in die dortigen Verhältnisse eingemischt. Unter anderm wurde 1886 dem König Malietoa von deutscher Seite der Krieg erklärt, angeblich wegen nicht ausreichender Sühne einer Mißhandlung von Deutschen durch Samoaner bei Gelegenheit der Nachhausekunft von einer Feier des Kaisersgeburtstags am 22. März 1886. König Melietoa wurde als Kriegsgefangener nach den Marschallinseln abgeführt und mit deutscher Unterstützung der Häuptling Tamasese als König ansgerufen aber von andern Mächten nicht anerkannt. Im Jahre 1888 brach ein Ausstand gegen Tamasese aus. Auf Veranlassung des deutschen Konsuls versuchte das deutsche Geschwader durch eine Landungstruppe die Aufständischen zu entwaffnen. Der Versuch mißlang infolge des Widerstandes der von einem amerikanischen Zeitungsberichterstatter geführten Aufständischev. Die deutschen Marinetruppen erlitten sehr erhebliche Verluste an Toten und Verwundeten. Da in Samoa auch Amerikaner und Engländer Geschäfte betreiben, so rief die deutsche Einmischung in die samoanischen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten von Amerika eine lebhafte Erregung hervor. Der Kanzler mißbilligte das Verhalten des deutschen Konsuls und rief denselben ab. Zugleich veranlaßte er den Zusammentritt einer Konferenz mit den Vertretern Amerikas und Englands in Berlin über die samoanischen Angelegenheiten. Ein Sturm vor Apia am 16. und 17. März führte den Untergang der beiden deutschen Kriegsschisse „Adler“ und „Eber“ herbei. Die Samoakonferenz hat im Mai getagt. Ihre Beschlüsse sind noch nicht veröffentlicht, doch unterliegt es keinem Zweifel, daß Fürst Bismarck auf jedes deutsche Vorrecht vor England und den Vereinigten Staaten auf Samoa verzichtet hat. Der auf den Marschallinseln bis dahin gefangen gehaltene König Malietoa ist wieder frei gelassen worden. Pläne zur Annektierung von Samoa, welche zeitweilig bestanden haben und zu der besonderen Einmischung in die samoanischen Verhältnisse geführt haben mögen, sind jetzt offenbar aufgegeben.

So hat die auswärtige Politik des Reichskanzlers, soweit sie in überseeischen Verhältuissen mit der neuen Kolonialpolitik zusammenhängt, eine große Reihe von Mißerfolgen zu verzeichnen. Die Voraussagen des Abgeordneten Bamberger bei der ersten Diskussion über Koloinalpolitik im Jahre 1884, daß, wenn eine solche Kolonialpolitik in einer gewissen Schützenfeststimmung gutgeheißen werden sollte, dieselbe Deutschland zu schweren Verwickelungen führen, jedenfalls manchen empfindlichen Nasenstüber eintragen werde, hat sich nur zu sehr bewahrheitet.

Deutschland hat sich seine Stellung in Europa durch Begrenzung seiner staatlichen Aufgaben und durch Vereinigung seiner Kräfte auf dieselben erworben. Die politischen Verhältnisse in Europa bergen schon genugsam Gefahren in ihrem Schoße. In seiner berühmten Rede vom 6. Februar 1888 zur Begründung der neuen Wehrvorlage sagte der Reichskanzler: „Wir liegen mitten in Europa. Wir haben mindestens drei Angriffsseiten. Frankreich hat nur die östlichen, Russland nur die westlichen Grenzen. Gott hat uns in eine Situation versetzt, in welcher wir durch unsere Nachbarn daran verhindert werden, irgendwie in Trägheit oder Versumpfung zu geraten. Die kriegerischste und unruhigste Nation, die Franzosen sind uns an die Seite gesetzt; Gott hat in Russland kriegerische Neigungen groß werden lassen. Von beiden Seiten die Sporen lassen uns unsere Nachbarn in unseren beiden Flanken fühlen.“

Zur Aufrechterhaltung seiner Stellung in Europa hat Deutschland in den Friedensjahren seit 1872 für Heer und Marine ohne irgend welche Kolonien schon 9 1/2 Milliarden ausgeben müssen. Die französischen Milliarden, welche als Kriegsentschädigung gezahlt worden waren, sind aufgebraucht. Die Steuerlast ist im Deutschen Reiche bei den indirekten Steuern um 300 Millionen, d. i. um das Doppelte gegen früher, gewachsen. Dazu sind noch über 1200 Millionen Mark Schulden gemacht worden. Wenn das deutsche Volk eine derartig schwere Rüstung hat auf sich nehmen müssen, so ist es um so bedenklicher, eine überseeische Kolonialpolitik zu verfolgen, deren Vorteile jedenfalls in ganz ungeheuerlichem Mißverhältnis zu den Opfern und Gefahren stehen, welche dieselbe mit sich bringen muß.

Jede Kräftezersplitterung des Reiches ist um so schädlicher, je größere und schwerere Aufgaben das deutsche Staatswesen auch noch im Innern des Landes zu erfüllen hat. Durch Erleichterungen des Grunderwerbs für Arbeiter kann in kolonisatorischer Richtung im Innern Deutschlands für die Volkswohlfahrt das Hundertsache von dem geleistet werden, was eine überseeische Kolonialpolitik bewirken kann, und zwar ohne irgend welche auswärtige Gefahren und ohne erhebliche Opfer. Bevor man es sich zur Aufgabe stellt, die christliehe Gesittung durch Reichsmittel in ferne Weltteile zu tragen, sollte man es sich angelegen sein lassen, christliche Moral und christliche Gesittung überall in den inneren Verhältnissen des Landes zur Geltung zu bringen, namentlich auch für solche Arbeiterverhältnisse, die noch wenig hiervon durchdrungen sind. Statt solchen Erwägungen Raum zu geben, drängen die Kolonialenthusiasten nach jedem Mißerfolg der Kolonialpolitik immer mehr auf weitere Ausdehnung derselben. Während einerseits die von Witu unter Dr. Peters, trotz Abraten des auswärtigen Amtes, ins Werk gesetzte Emin Pascha-Expedition unter dem Vorwand der Aufsuchung von Emin Pascha thatsächlich in abenteuerlichster Weise darauf ausgeht, sich in das englische Interessengebiet einzuschieben und dort festzusetzen, dringt man andererseits in den Kanzler, die 1884 der Kolonialpolitik gesteckten Grenzen vollends außer Acht zu lassen, alle Schutzgebiete unter Beschränkung der Kolonialgesellschaften auf Erwerbszwecke als Kronkolonieen verwalten zu lassen durch ein besonderes Kolonialamt in Berlin, für welches eine eigene Fachbüreaukratie vorzubilden wäre. Ebenso sollen überall Schutztruppen auf Reichskosten gebildet und als Seebataillon ein integrierender Bestandteil der Marine werden. Missionsinspektor Fabri hat in einem Buche: „Fünf Jahre deutscher Kolonialpolitik“ ein darauf hinzielendes Programm entwickelt.

Der Reichskanzler hat unter dem 5. Juni dem Verfasser in einem Dankschreiben für den Empfang des Buches u. A. geantwortet:

„Was die koloniale Frage im allgemeinen betrifft, so ist zu bedauern, daß dieselbe in Deutschland von Hause aus als Parteisache aufgefaßt wurde, und daß im Reichstage Geldbewilligungen für koloniale Zwecke immer noch widerstrebend und mehr aus Gefälligkeit für die Regierung oder unter Bedingungen eine Mehrheit finden. Die Kaiserliche Regierung kann über ihr ursprüngliches Programm bei Unterstützung überseeischer Unternehmungen nicht aus eigenem Antriebe hinausgehen und kann nicht die Verantwortung für Einrichtung und Bezahlung eigener Verwaltung mit einem größern Beamtenpersonal und einer Militärtruppe übernehmen, so lange die Stimmung im Reichstage ihr nicht helfend und treibend zur Seite steht und so lange nicht die nationale Bedeutung überseeischer Kolonieen allseitig ausreichend gewürdigt wird und durch Kapital und kaufmännischen Unternehmungsgeist die Förderung findet, welche zur Ergänzung der staatlichen Mitwirkung unentbehrlich bleibt“.

Der Inhalt dieses Briefes steht in schroffem Widerspruch zu der Rede, welche Fürst Bismarck am 26. Januar im Reichstage über seine Kolonialpolitik gehalten hat (siehe oben). Während das obige Schreiben bittere Klagen über die Reichstagsmehrheit enthält, welche immer noch widerstrebend und mehr aus Gefälligkeit für die Regierung oder unter Bedingungen für die kolonialen Zwecke Geld bewillige (thatsächlich hat die jetzige Kartellmehrheit ohne Zaudern — siehe oben — alles auch für Ostafrika und Südwestafrika bewilligt, was der Kanzler verlangte), hat der Reichskanzler gerade umgekehrt vor dem Reichstag am 26. Januar 1889 dieselbe Mehrheit als eine solche hingestellt, die ihn, den widerstrebenden Reichskanzler, auf dem Wege der Kolonialpolitik trotz seines anfänglichen Sträubens fortzieht. Wörtlich sagte der Kanzler: „Ich bin kein Kolonialmensch von Hause aus; ich habe gerechte Bedenken gehabt, und nur der Druck der öffentlichen Meinung, der Druck der Mehrheit hat mich bestimmt, zu kapitulieren und mich unterzuordnen.“ An einer andern Stelle der Rede heißt es: „Kurz und gut, ich war gegen Gründung deutscher Kolonieen. Ich habe mich darin gefügt, und wenn ich mich in meiner Stellung dem Drängen der Mehrheit meiner Landsleute, der Mehrheit des Reichstags füge, so glaube ich, könnte Herr Bamberger es auch thun.“

Siehe auch:

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