Kaiserin Augusta †

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Quelle: Wikipedia

Von Rußland ausgehend fegt ab Oktober 1889 eine Grippepandemie rund um die Welt. Der Erreger ist das Virus Influenza A Subtyp H3N8, das ursprünglich für eine Erkrankung bei Pferden verantwortlich war.

Aufgrund der mittlerweile schnellen Verkehrsverbindungen benötigt das Virus nur etwa vier Monate, um sich über die gesamte nördliche Hemisphäre zu verbreiten. Das ist nicht viel langsamer, als eine heutige Grippepandemie brauchen würde. Insgesamt fallen der Seuche etwa eine Million Menschen zum Opfer. Eines von ihnen ist vermutlich auch Kaiserin Augusta, die Witwe Wilhelms I., die am 7. Januar 1890 verstirbt.

Deutschland hat wenig Glück mit seinen Kaisern gehabt. Kaiser Wilhelm I. war ein zutiefst konservativer Mann, der trotz mancher Auseinandersetzungen immer Bismarck stützte. Kaiser Wilhelm II. wäre nur eine tragikomische Persönlichkeit gewesen, hätte er nicht so viel anrichten können. Und der einzige Lichtblick, der zwar vielleicht von seinen Anhängern etwas überschätzte, aber doch sehr anständige Kaiser Friedrich, starb nach nur 99 Tagen auf dem Thron.

Dafür hat Deutschland aber, was wenig bekannt ist, zwei hervorragende Kaiserinnen gehabt: Kaiserin Augusta und Kaiserin Viktoria, die Frau von Kaiser Friedrich.

Augusta wurde am 30. September 1811 in Weimar als Augusta Marie Luise Katharina von Sachsen-Weimar-Eisenach geboren. Am Hof verkehrte auch Johann Wolfgang von Goethe, der der aufgeweckten Neunjährigen zu ihrem Geburtstag ein Gedicht verehrte:

Ihro Hoheit der Prinzessin Auguste von Sachsen-Weimar und -Eisenach

Alle Pappeln hoch in Lüften,
Jeder Strauch in seinen Düften,
Alle sehn sich nach dir um;
Berge schauen dort herüber,
Leuchten schön und jauchzten lieber;
Doch der schöne Tag ist stumm.

Luftschalmeien will man hören,
Flöten, Hörner und von Chören
Alles, was nur Freude regt.
Selbst an seiner strengen Kette
Springt das Freundchen um die Wette,
Immer hin und her bewegt.

Und so täuschen wir die Ferne,
Segnen alle holden Sterne,
Die mit Gaben sich geschmückt.
Neue Freude, neue Lieder
Grüßen dich! Erscheine wieder,
Denn der neue Frühling blickt.

1829 heiratete Augusta den preußischen Prinzen Wilhelm. Während sie ihn liebte, hatte er sich auf die Ehe eingelassen, obwohl er sein Herz an Elisa Radziwiłł verloren hatte, die aber vom Hof als nicht standesgemäß angesehen wurde. Nüchtern vermerkte er: „Die Prinzessin ist schön und klug, aber sie läßt mich kalt“. Die Intellektualität seiner Gattin gefiel ihm auch nicht:

Ihr Verstand ist so gereift und ihre Urteilskraft so scharf, daß sie sich zu oft auf Diskussionen einläßt, die sie allerdings mit voller Umfassung des Gegenstandes durchführt, die aber eigentlich über ihre Sphäre gehen, was ihr dann natürlich nicht nur Selbstgefühl gibt, dergleichen Diskussionen zu suchen, sondern ihr einen Anstrich von femme d’esprit gibt, der nicht erwünscht für sie ist. Weil sie überhaupt schon in der Reputation immer stand, daß der Verstand über das Herz regiert.

Mit Wilhelm hatte Augusta zwei Kinder: 1831 Friedrich und 1838 Luise, den späteren Kaiser und die spätere Großherzogin von Baden. Ihr Mann vergnügte sich derweil mit diversen Liebschaften.

Augusta war für ihre liberalen Ansichten bekannt, aus welchen heraus sie auch auf die Erziehung ihres Sohnes Friedrich Einfluß gegen die militaristische Tradition des Hauses Hohenzollern nahm. Eine interessante Episode erreignete sich während der Revolution von 1848. Ihr Mann war nach London geflohen, verhaßt als „Kartätschenprinz“, der mit brutaler Gewalt gegen die Bevölkerung vorgegangen war. König in Preußen war sein Bruder Friedrich Wilhelm IV., der später wegen seiner Geisteskrankheit aufs Abstellgleis geschoben wurde. In liberalen Kreisen galten beide als hoffnungslos. Deshalb entstand der Plan, Friedrich Wilhelm IV. solle abdanken und Wilhelm auf den Thron verzichten, um seiner Frau, der „edlen und freisinnigen Fürstin“ als Königin von Preußen Platz zu machen. Es ist unklar, wie weit ein solches Vorhaben gedieh, es bleibt nur vermerken, daß hier wohl eine große Chance der deutschen Geschichte liegen blieb.

Natürlich ist es immer so, daß über Tote „nihil nisi bene“ verstreut wird. Doch bei Augusta scheint eine ehrliche Bewunderung von vielen Seiten durch, die in keiner Weise verpflichtet waren, sich positiv zu äußern. Als erstes hier eine Notiz aus der Berliner Gerichtszeitung vom 11. Januar 1890:

— Kaiserin Augusta und Lesseps. — unter diesem Titel schreibt das Pariser Blatt „Mot d’Ordre: „Die hingeschiedene Kaiserin besitzt in Frankreich viele Freunde und Verehrer, weil sie 1870/71 unablässig bemüht war, das Los der französischen Gefangenen zu lindern. Sie war es, die wiederholt direkt an den Kaiser telegraphierte, um diesen oder jenen Gefangenen, dessen Familien sich hilfesuchend an sie gewandt hatten, auf das wärmste seiner Gnade zu empfehlen. Mehrere französische Offiziere, die sich schon in deutschen Kasematten befanden, verdankten dieser großmüthigen Fürsprache, wenn nicht die Freilassung, so doch eine ungleich wohlwollendere Behandlugn seitens der Militärbehörde. Uns sind sogar sechs Fälle bekannt, wo französische Bürger als angebliche Spione zur Füsilation verurteilt waren, und wo ein rechtzeitiger telegraphischer Appell an die hohe Frau genügte, um ihnen beim Kaiser Generalpardon zu erwirken. In Frankreich ist ihr menschenfreundliches Wirken auch noch anderweitig bekannt geworden. Als eine der edelsten französischen Wohlthäterinnen 1871 wiederholt nach Berlin reiste, um dort für die gefangenen Landsleute eine mildere Behandlung zu erzielen, da war es immer Kaiserin Augusta, welche für solche Bitten ihr edles Herz nicht verschloß. Ein begeisterter Bewunderer der Kaiserin Augusta ist seit seiner bekannten Mission in Berlin der berühmte Lesseps, welcher, kaum nach Paris zurückgekehrt, ein Bild der greisen Fürstin in einer schwungvollen biographischen Skizze entwarf: „Une vraie Impératrice, — eine wahre Kaiserin, und dabei eine Frau von seltenem Seelenadel, von höchster Intelligenz, deren durchdringender Geist alles erfaßt, was vielen anderen Fürstinnen ein Buch mit sieben Siegeln bleibt. Ueber Kunst und Litteratur hat sie treffende Urteile; ja selbst über Politik, ein Feld das ihr wenig sympathisch ist, hörte ich aus ihrem Munde Gedankenblitze, um die sie jeder geschulte Diplomat beneidet haben würde.“ Auch andere französische Organe lassen der Verblichenen in ähnlichem Sinne Gerechtigkeit widerfahren.

Am 9. Januar 1890 schreibt die Neue Freie Presse in Wien über Augusta:

† Kaiserin Augusta

(Telegramme der „Neuen Freien Presse“)

Berlin, 8. Januar. Alle Blätter ohne Unterschied der Partei geben der Trauer über den Tod der Kaiserin-Witwe Augusta Ausdruck, feiern ihre unermüdliche vielseitige Wohlthätigkeit und ihre seltenen, in ihrer jugendlichen Entwicklung noch von Goethe überwachten und geförderten Geistesgaben, preisen ihre Vorurtheilsfreiheit und strenge Gerechtigkeitsliebe. Die Vossische Zeitung erinnert, wie Kaiserin Augusta im Vorjahre für ihren verstorbenen Cabinetsrath Brandis eintrat, als versucht wurde, ihn in die Beschuldigungen gegen Morier einzubeziehen Die Volkszeitung hebt die Großherzigkeit der Kaiserin-Witwe hervor, welche 1889 die Stellung eines Strafantrages gegen dieses Blatt wegen eines Artikels über Wilhelm I. ablehnte. Andere Journale erinnern an den überlegenen Geist der verblichenen Fürstin, welcher 1848 von der nach Berlin entsendeten Kaiser-Deputation, darunter von Beseler, Biedermann und Laube, als der nationalste am damaligen Berliner Hofe angesehen wurde, oder an ihre literarischen Donnerstag-Abende, ihren Umgang mit Geibel und Berthold Auerbach. In der Bevölkerung gibt sich eine lebhafte Theilnahme kund. Wie während der Sterbestunde umsteht eine theilnehmende Menge das nunmehr gänzlich verwaiste Palais Wilhelm’s I. Noch gestern Nachts wurden fast in allen Straßen Trauerfahnen aufgehißt.

Die Bestattung der Kaiserin Augusta soll möglichst genau wie die Kaiser Wilhelm’s I. stattfinden. Donnerstag um Mitternacht erfolgt bei Fackellicht unter Militär-Escorte die Ueberführung der Leiche in die Schloßcapelle und die Aufbahrung daselbst; Freitag wird dem Publicum der Zutritt zu der Leiche gestattet, und Samstag wird dieselbe durch die Linden in feierlichem Conduct nach Charlottenburg ins Mausoleum geleitet, wo die Beisetzung um 11 Uhr Vormittags stattfindet.

Am selben Tag macht der „Reichsfreund“ in schwarzem Rahmen mit folgendem Artikel auf, der vermutlich von Eugen Richter stammt. Dieser kennt Augusta aus der Nähe. In den 1850er Jahren ging er in Koblenz zur Schule, wo auch Wilhelm und Augusta lebten. Seine Mutter kannte die Prinzessin persönlich. Diese ist bei Richters Konfirmation zugegegen und empfiehlt, ihn für den Beruf des Geistlichen zu bestimmen (siehe: 2. Sprechübungen (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)). Für die Autorschaft Richters spricht auch der Fokus auf Augustas humanitärem Einsatz während des deutsch-französischen Krieges. Richter hatte sich selbst in ähnlicher Richtung engagiert.

An dem Artikel sind einige Feinheiten interessant, die man leicht überliest. So fällt Kaiser Wilhelm II. komplett aus der Betrachtung heraus. Das ist etwas eine Retourkutsche dafür, daß dieser dazu neigt, seinen Vater zu ignorieren, als wenn er Kaiser Wilhelm I. unmittelbar nachgefolgt wäre. Die Formulierung „ohne Unterschied des Glaubens“ bezieht sich auf Augustas Verurteilung des „antisemitischen Wahns“, auch wenn diese mit einem gewissen christlichen Überlegenheitsgefühl vermengt war (vgl. Heinrich Rickert, Antisemiten-Spiegel, 1890, Seite 29ff.).

Kaiserin Augusta †.

Kaiserin Augusta, die ehrwürdige Witwe Kaiser Wilhelms des Ersten, die geliebte Mutter unseres Kaisers Friedrich III., die viel geprüfte Dulderin hat Gatten und Sohn nicht lange überlebt. Erst am 10. Dezember von ihrem Lieblingsaufenthalt Koblenz nach dem einsamen Kaiserschloß Unter den Linden heingekehrt, ist sie nach kurzem Krankenlager am Dienstag, den 7. Januar, nachmittags 4 ½ Uhr, sanft und schmerzlos entschlafen.

Seit dem Tode ihres herrlichen Sohnes ist sie aus der stillen Zurückgezogenheit nur selten herausgetreten. Aber tausende und abertausende der Armen und Bedrängten, der Elenden und Verlassenen, der Witwen und Waisen beweinen die edle Frau, die unausgesetzt still und geräuschlos Wohlthun übte, ohne zu fragen nach dem, was sonst die Menschen trennt.

Ein Leben, wunderbar reich an Glück und Glanz, an Trauer und Schmerz ging dahin. Mit ihrem Gatten teilte sie allezeit getreulich Hoffnungen und Sorgen, das gleiche Pflichtgefühl, die gleiche Herzensgüte beseelte sie. Als die Gattin des ersten deutschen Kaisers und nicht minder als die Mutter unseres herrlichen Kaisers Friedrich wird sie dem deutschen Volke unvergeßlich bleiben. Hat sie doch die Erziehung ihrer beiden Kinder mit mütterlicher Treue und Sorgfalt überwacht und geleitet.

Geboren zu Weimar am 30. September 1811, unter den Augen Goethes aufgewachsen, als liebliches neunjähriges Kind von ihm besungen, erfüllt von hohem Sinn für alles Gute und Schöne, trat sie am 11. Juni 1829 vor den Traualtar als die Gattin des zweitgeborenen preußischen Prinzen, ohne zu ahnen, welche hohe Stelle sie einst in dem Leben der Nation einnehmen werde — in dem Leben der Nation, an deren Zukunft sie unverbrüchlich glaubte, auch in trüben Tagen, wenn alle verzweifelten. In den Zeiten der ersten Reaktion war die geistvolle, patriotische Prinzessin von Preußen, die Mutter des künftigen Königs, der Gegenstand der Besorgnis der Finsterlinge und Dunkelmänner.

Als Königin von Preußen gewann sie durch tiefes Verständnis für die Bestrebungen von Kunst und Wissenschaft, durch huldvolle Liebenswürdigkeit gegen Gelehrte und Künstler, durch vornehme, stolze Denkart gegenüber den Nichtigkeiten des Hoflebens in weiten Kreisen Liebe und Verehrung. Allein gemeinnützig mildthätigen Anstalten und Unternehmungen widmete sie ihre Teilnahme. Aber weit über Preußen — über Deutschland hinaus wird stets und immerdar die Fürsorge anerkannt, welche sie der geordneten Pflege und Sorge für die Verwundeten und Kranken im Kriege, welche sie dem „Roten Kreuze“ widmete. „Bei dem Ausbruch der Kriege von 1866 und 1870“ — so heißt es in einer Darstellung der „Vossischen Zeitung“ — weilte Königin Augusta auf ihrem Sommeraufenthalt in Koblenz. Beide Male eilte sie sofort nach Berlin, um hier im Mittelpunkt der Fürsorge für Kranke, Verwundete und Kriegsgefangene thatkräftig wirken zu können. Ihre leitende Thätigkeit im Mittelpunkt der Monarchie, wohin sich alle Mitteilungen vom Kriegsschauplatz richteten, gaben ihrer Stellung eine höhere Würde. Während des Feldzuges von 1866 entwickelte sie die Hilfsleistung des „Roten Kreuzes“ innerhalb der Vereine und Militärlazareten. Die Königin besuchte letztere in verschiedenen Städten und lieh dem hohen patriotischen Werke ihre vollste persönliche Pflege. Während des deutsch-französischen Krieges übertrugen sich die Leistungen des Roten Kreuzes gleichsam auf das politische Gebiet. Denn noch ehe das Deutsche Reich seine Wiedererstehung in Versailles feierte, hatten sich schon die Hilfsvereine aus allen Gauen Deutschlands, getragen von der Opferwilligkeit und Begeisterung des Volkes, in dem „Central-Komitee für die Pflege verwundeter und erkrankter Krieger“ einen nationalen Einigungspunkt geschaffen, der dem großen geschichtlichen Werke voran eilte.“

In Berlin ist im „Kaiserin Augustahospital“ eine Musteranstalt für Krankenpflege und für Ausbildung weiblicher Krankenpflegerinnen errichtet. Seit langen Jahren körperlich leidend, hat Kaiserin Augusta in allen Kreisen ohne Unterschied des Glaubens oder Standes, mit Milde und Güte im Geiste werkthätiger Menschenliebe still und geräuschlos gewirkt. Aber als die Verleumdung sich an einen verstorbenen treuen Diener wagte, wie in jenem schmählichen Fall Morier, da scheute sich die edle Frau nicht, hinauszutreten aus ihrer stillen Abgeschiedenheit, um öffentlich Zeugnis abzulegen für die Wahrheit gegen die Lüge.

Was uns über die letzten Stunden der Heimgegangen berichtet wird, verschönt das Bild, welches die greise Kaiserin dem Volke hinterläßt. „Das gute Kind“, sagte sie, als sie am frühen Morgen des Todestages die einzige Tochter, die Großherzogin von Baden, die das Krankenzimmer seit dem vergangenen Abend nicht verlassen hatte, an ihrem Bette erkannte, — und bat, den Schwiegersohn, den Großherzog, nicht zu wecken. Und einige Stunden später ließ sie ihren Kabinetsrat herbeirufen und fragte ihn, ob er wohl glaubte, daß sie am folgenden Morgen wieder mit ihm arbeiten könne . . . An die Pflicht der Arbeit, — der Arbeit im Dienst der Wohlthätigkeit, der Menschenliebe dachte die hohe Frau, die 78jährige, noch wenige Stunden, ehe sie zur ewigen Ruhe entschlummerte . . .

Am Sonnabend wird sie im Mausoleum von Charlottenburg beigesetzt werden.

Seien wir ehrlich: eigentlich sind die Freisinnigen ja gar nicht die Kronprinzenpartei, sondern die Kronprinzessinenpartei!

Siehe auch: Der Abgeordnete Richter hat das Wort: Gegen die Verleumdung von Kaiserin Viktoria

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