Mass Flourishing – How Grassroots Innovation Created Jobs, Challenge, and Change

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Auf die positive Rezension von Arnold Kling bei EconLog hin legten wir uns das Buch „Mass Flourishing“ des Nobelpreisträgers in Wirtschaftswissenschaften 2006 Edmund Phelps zu.

Wir wählten die Kindle-Ausgabe, die allerdings für die nicht sehr vielen Grafiken etwas ungeeignet ist. Herr Phelps ist nunmehr achtzig Jahre alt, und von der Anlage des Buches her kann man es verstehen als eine Formulierung seiner großen Weltsicht.

Um es vorwegzunehmen: wir waren etwas enttäuscht, auch wenn wir das Werk in vielen Teilen für anregend halten.

Wir würden Herrn Phelps in weiten Teilen, mit der darin steckenden Anmaßung, zustimmen, fanden aber nicht, daß er immer für seine Thesen hinreichende Argumente bereitgestellt hat. Im Großen und Ganzen wirkt das Buch etwas, wie aus verschiedenen Versatzstücken zusammengebaut, denen die Einheitlichkeit fehlt. Manches, woran Herr Phelps selbst geforscht hat, wird recht detailliert dargestellt, und dort wird es dann auch interessant. Nur passen diese Details weniger zum großen Bogen, der geschlagen werden soll.

In dem Kommentar von Tyler Cowen über Edmund Phelps in einem anderen Zusammenhang steckt einiges Wahres: „I find him to be a murky writer, and often he is frustrating to read and hard to pin down.  His advocates would characterize him as a „rich“ thinker.“

Wie gesagt, die Grundthese des Buches ist bestechend, auch wenn sie unseres Erachtens zu wenig begründet wird. An manchen Stellen hat man auch den Eindruck, daß mit variablen Begriffen gearbeitet wird und Adhoc-Argumente aus dem Hut gezogen werden, wenn etwas nicht ganz ins Bild paßt.

Edmund Phelps geht von der großen Frage aus, wieso es ab dem 19. Jahrhundert zu einer rasanten wirtschaftlichen Entwicklung kam, nachdem die einschlägigen Länder zuvor für Jahrhunderte vor sich hingedümpelt waren, einer Entwicklung, die über die nächsten zweihundert Jahre weiterlaufen sollte.

Seine Antwort ist in erster Linie nicht, daß es der Aufbau von mehr Kapital war oder eine Erhöhung der Produktivität, sondern eine Kultur der Innovation, die modere Wirtschaften (in seiner Terminologie) geschaffen habe. Er weist dabei die These zurück, daß diese Innovation aus den Wissenschaften stammte. Vielmehr handelte es sich um viele kleine Innovationen, die unmittelbar aus dem Wirtschaftsleben entstanden. Das wird dann etwas mit Hayek unterlegt. Was es genau ist, läßt sich dadurch auch nicht viel besser fassen und so erscheint es, auch wenn es durchaus richtig sein mag, eher als die Erklärung des Offensichtlichen aus etwas Obskuren.

Phelps versucht diese Kultur der Innovation, die modernen Wirtschaften zuerst in England, dann den USA und später Frankreich und Deutschland, mit Beispielen aus verschiedenen Bereichen zu belegen. Er ist wohl ein großer Opernfreund und so kommen einige Beispiele aus jener Richtung. Wieso aber nun gerade der in einer archaischen Gedankenwelt befangene Richard Wagner für diesen Geist der Zeit angeführt wird, können wir nicht nachvollziehen. Auch nicht, wieso er konsequent als Sozialist dargestellt wird. Er mag ja in seiner Frühzeit in solche Kreisen, etwa mit Bakunin, verkehrt haben, aber wir wissen nichts davon, daß er späterhin solchen Anschauungen treu geblieben wäre. Aber vielleicht irren wir uns.

Ähnlich wenig überzeugend sind auch andere Beispiele aus Kunst und Literatur. Hier werden viele Namen fallen gelassen. Zumeist ist das aber mehr Hausmannskost: Dickens, Melville, van Gogh, was man halt so kennt. Unser Eindruck war, daß Herr Phelps hier vielleicht nicht so viel kennt, aber seine Bildung herausstellen will.

Sicherlich war es eine bemerkenswerte Entwicklung im 19. Jahrhundert, daß Künstler jeder Richtung nicht mehr unter dem Patronat eines Fürsten und nach dessen Gusto arbeiteten und sich stattdessen recht unabhängig entwickelten und auch innovativer waren als ihre Vorgänger in früheren Zeiten. Allerdings übersieht Phelps dabei auch, daß es durchaus Ähnliches schon in andere Phasen zuvor gegeben hatte, etwa im Oberitalien der Renaissance oder später in den Niederlanden. Muß er auch, weil diese Phase, einschließlich bis zum 18. Jahrhundert als stagnierend dargestellt wird.

Später im 19. Jahrhundert setzte dann nach Phelps eine Gegenbewegung ein, die wieder eine gebundene Gesellschaft anstrebte, mit ihren beiden großen Vertretern, dem Sozialismus und dem Korporatismus (in einer bestimmten Ausprägung auch Faschismus). Phelps definiert die beiden etwas sonderbar. Das Ziel des Sozialismus sei die Gleichheit gewesen, wohingegen der Korporatismus durch sein Streben nach kollektiver Effizienz und Wachsum ausgezeichnet sei. Doch das hatten ja auch Sozialisten sich auf den Plan gesetzt. Und je nachdem hatten Korporatisten gar nicht mal ein Problem damit, die Effizienz und das Wachstum hintanzusetzen, wenn es nur der inneren Ordnung diente. Mit minimaler ökonomischer Bildung mußte es etwa klar sein, daß die vielfach angezielte Autarkie nicht eben das Wachstum befördern konnte. Gleichwie. Edmund Phelps vergleicht dann die Ergebnisse der beiden Richtungen mit den selbstgesteckten Zielen, was erwartungsgemäß ernüchternd ausfällt.

Nach Phelps habe der Korporatismus in Europa, vor allem Deutschland und Frankreich dann im 20. Jahrhundert gesiegt, was wir für durchaus zutreffend halten. In den USA sei das erst später etwa ab den 1970ern geschehen. Diese Zäsur soll wohl eine Stagnation seitdem begründen helfen. Über das Buch changieren allerdings immer wieder die Zeiten, zu denen die modernen Wirtschaften verschwunden seien. Oder sind sie verschwunden oder nur weniger modern geworden? Auch das ist uns nicht ganz klar geworden. Sicherlich ist einiges Richtiges daran. Allerdings verrenkt sich Phelps dann wieder etwas, um zu erklären, wieso sich auch Europa nicht so schlecht entwickelt hat. Da er am Anfang ausgeführt hat, daß aufholende Wirtschaften ihre Produktivität auch ohne eigene Innovation erhöhen können, indem sie diese nämlich aus den modernen Wirtschaften beziehen, muß er wohl auch behaupten, daß eigentlich fast alles an Innovationen nur aus den USA eingeführt wurde. Ob das eine treffende Beschreibung für den Erfolg von Volkswagen oder Toyota sein mag, bezweifeln wir doch etwas.

Nachdem er diese Gesamtschau ausgeführt hat, wendet er sich einer Rechtfertigung der modernen Wirtschaften zu. Hier bringt er einige schöne Punkte an. Wieder im großen Schwung baut er das alles von Aristoteles bis John Rawls auf. Der Kernpunkt dabei ist, daß das Leben in einer modernen Wirtschaft nicht einfach nur zu größerem materiellen Wohlstand, sondern zu einer höheren Zufriedenheit führt. Sich an Problemen zu versuchen, ja auch zu scheitern, macht das Leben lebenswert. Er weist dabei auf eine Asymmetrie hin: Während moderne Wirtschaften es den Anhängern traditioneller Werte erlauben, nach ihrer Façon, aber vielleicht ärmlich zu leben, gilt das in einer gebundenen Gesellschaft nicht für die Anhänger einer modernen Lebensweise. Das erinnert alles etwas an Poppers Analyse in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ und dem „zurück zur Horde“. Darauf geht Phelps allerdings nicht ein. Auch würde es bei der Erwähnung von John Rawls naheliegen, sich etwa mit John Tomasi auseinanderzusetzen, der in ähnlicher Weise dafür argumentiert, Rawls Programm, das wirtschaftliche Freiheiten nur minimal vorsieht, aus ganz ähnlichen Gründen, daß nämlich wirtschaftliches Handeln ein wichtiger Bestandteil des Lebens und der Entfaltung der Persönlichkeit ist, um wirtschaftliche Freiheiten zu erweitern, was zu einer Art klassischem Liberalismus führt (siehe: Free Market Fairness).

Am Schluß des Buches stellt Edmund Phelps dann einige Vorschläge vor, wie man wieder zu einer modernen Wirtschaft zurückkommen könnte. Vieles ist hier eher seicht, wie die gängigen Vorschläge zur Umstrukturierung des Finanzbereichs. In sich widersprüchlich setzt Phelps hier auf diverse Staatsprogramme, mit denen Innovation eingehaucht werden soll. Da sind wir skeptisch, ob man nicht den Bock zum Gärtner macht. Politsch liegt er mit seinen Vorschlägen quer zu den gängigen Strömungen, manches könnte ein Demokrat, manches ein Republikaner, anderes wieder ein Libertärer unterschreiben, alles zusammen wohl keiner von ihnen.

Unser Urteil über das Buch ist gemischt. Wir denken, daß Phelps eine durchaus richtige These aufstellt, aber es doch nicht schafft, sie gut zu begründen und zu vermitteln. In dem Bestreben, die Grundthese durchzuführen, werden ein paar Ecken geschnitten, als wenn sich alles aus einem Gegensatz von modernen und traditionellen Wirtschaften herleiten ließe. Insgesamt hat sich die Lektüre dennoch gelohnt, weil auch viele sehr interessante und anregende einzelne Sachen in dem Buch zu finden sind, etwa über den Zusammenhang zwischen Arbeits- und Lebenszufriedenheit. Von fünf Sternen würden wir also vielleicht drei spendieren.

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