Die Weisen von Abdera

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von Alexander Moszkowski, 1912

Es begab sich, daß in irgendeiner sehr gebildeten deutschen Stadt eine Novität aufgeführt wurde, die hieß „Wilhelm Tell“ von Schiller. Es soll unentschieden bleiben, ob das kunstsinnige Publikum dieses Ortes von Schiller noch nie etwas gehört, oder ob es ihn in der Hochflut moderner Produktion wieder vergessen hatte. Tatsache war, daß die Hörer die Empfindung hatten, einer Premiere beizuwohnen und hieraus die Berechtigung herleiteten, sich ein Urteil zu bilden und ihre Meinung ästhetisch zu formulieren.

Die am nächsten Tage erscheinenden Morgenblätter setzten ausführlich auseinander, weshalb dieses Stück nicht gefiel und nicht gefallen konnte. Besagte Kritiken enthielten lediglich den Niederschlag der allgemeinen Stimmung, denn das Schicksal des Dramas war schon nach dem vierten Akte besiegelt, wie aus nachstehendem, in der letzten Pause geführten Foyer-Gespräch deutlich hervorgeht:

— Nun, was sagen Sie?

„Gar nichts sag’ ich; Sie können doch nicht verlangen, daß ich mir wegen eines solchen Schmarrens noch den Kopf zerbreche.“

— Ist denn der Dichter im Hause anwesend?

„‚Dichter‘ ist gut! den Scherz muß ich mir extra notieren.“

— Das Stück scheint im Auftrag eines Kunstschützen verfertigt worden zu sein, der seine Fertigkeit im Apfelschießen zeigen wollte. Auf einer Spezialitätenbühne hätte ich mir’s gefallen lassen, daß es aber den Weg in ein ernstes Theater finden konnte, ist ein trauriger Beleg für den Verfall der Kunst.

„Kennen Sie denn den Dichter?“

— Wer kann alle Tantiemenjäger kennen? Wird wohl ein Pseudonym sein. Wenn sich einer Schiller nennt, heißt er gewiß Müller.

„Aber eine schillerhafte Arbeit hat er geliefert.“

— Sie meinen schülerhaft, — der Witz; ist gut!

„Ich vermute, der Kerl ist Gymnasialprofessor. Dieser stelzenhafte Schritt der Jamben, dieses dröhnende Gerassel fünffüßiger Verse, diese Verstiegenheit des pathetischen Ausdruckes sind sichere Anzeichen eines dichtenden Klassenlehrers von Unterprima.“

— Es wird sich herausstellen, daß es eine Dame ist. Männer schreiben keine so waschlappige Diktion.

„Haben Sie überhaupt etwas von Diktion gehört? Ich nicht! Für mich ist das Ganze ein Sammelsurium ödester Requisitenspäße. Die Geschichte mit der Stange und dem Hute fand ich geradezu albern.“

— Das sollte wahrscheinlich eine politische Anspielung sein.

„Also der ordinärste Appell an die Instinkte der Menge; ich erwartete jeden Moment, daß der Tell ein Couplet auf die Wahlreform losschmettern würde.“

— Na und der sterbende Dingsda, der Fatzke mit seinem ,Seid einig, einig, einig!‘

„Ganz ordinärer Hurrapatriotismus; kennen wir ja. Dazu hätte eigentlich hinter der Szene die Wacht am Rhein gespielt werden müssen.“

— Außerdem hat der Verfasser keine Ahnung von der Schweiz. Das Rütli ist bekanntlich eine niedrige Wiese, während dieser Herr Schiller einen hohen Berg daraus macht.

„Er kennt nicht einmal den Vierwaldstättersee; sonst würde er nicht geschrieben haben: ‚er ladet zum Bade‘; kein vernünftiger Mensch badet in einem Gletscherabfluß.“

— Ich habe mir sagen lassen, daß Herr Schiller gar nicht in der Schweiz gewesen ist.

„Um so schlimmer. Wenn mir einer eine Szenerie beschreibt, so kann ich verlangen, daß er wenigstens ein Rundreisebillett daran wendet.“

— Alpenstücke mag ich überhaupt nicht. Das soll er in Oberammergau aufführen lassen, aber nicht bei uns.

„Nicht einmal Deutsch versteht der Mensch; ‚Auf dieser Bank von Stein will ich mich setzen‘, der Kasus macht mich lachen!“

— Überhaupt alles so roh! kein inneres Erlebnis, keine indirekte Charakterisierung; lauter knallige dröhnende Außerlichkeit. Für mich war der Comble in dieser Hinsicht, daß Geßler und sein Begleiter zu Pferde kommen; ich halte es für eine Entweihung des Dramas, solche Trampeltiere auf die Bühne zu bringen.

„In den Zirkus mit diesen Stücken!“

— Und diese angequälte Meiningerei mit dem Alpenglühen!

„Überwundener Standpunkt! Apropos: so ein Teil soll ja niemals in Wirklichkeit gelebt haben.“

— Seine Nichtexistenz steht sogar historisch fest. Eine innerlich unwahre Natur, ein Skribifax, wie dieser Schiller, fühlt sich eben von erlogenen Vorgängen am meisten angezogen.

„Und dabei ist die ganze Sache offenbar gestohlen.
Ich besinne mich von einer Oper gleichen Namens gehört zu haben, ich glaube, sie ist von Rossini. Daraus hat Schiller gemopst.“

— Und aus den ‚Webern‘ von Hauptmann. Bloß Jamben hat er dazugeödet. Und die hat er von Wildenbruch!

„Er hätte das Stück Herrn Koppel-Elfeld zur letzten Feile übergeben sollen, der hätte ihm wenigstens überall schöne Reime hinten drangemacht.“

— Koppel wird sich hüten; wenn man Schönthan haben kann, assoziiert man sich nicht mit Schiller.

„Unerträglich waren mir besonders die abgeklapperten Redensarten, mit denen Schiller unablässig um sich wirft: ‚Durch diese hohle Gasse muß er kommen‘ . . . ‚Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit‘ . . . ‚Mach’ deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt‘ — ich glaube, der Mensch hat den ganzen Büchmann in sein Stück eingeschaltet; so was braucht man sich denn doch nicht gefallen zu lassen!“

— Wissen Sie was? schenken wir uns den letzten Akt. Wir müssen doch das fade Gebräu nicht bis zur Hefe auskosten.

„Ja, gehen wir lieber irgendwo Abendbrot essen; ich habe Appetit auf ein gesundes, den Abend füllendes Stück Kalbsbraten!“

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