Das Wort hat der Abgeordnete Richter: Gegen Mißhandlungen von Lehrern in der Armee

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Deutscher Reichstag, 13. Januar 1890

[Präsident:] Das Wort gebe ich dem Herrn Abgeordneten Richter.

Abgeordneter Richter: Meine Herren, der größere Theil der Erhöhung des Ordinariums des Militäretats ist eine Folge des Gesetzes über die Friedenspräsenzstärke, und ebenso sind andere Erhöhungen bei einzelnen Titeln eine Folge der Abänderung des Reichsmilitärgesetzes welches soeben beschlossen worden ist. Unter diesen Umständen kann die Beschlußfassung über die Erhöhungen des Ordinariums thatsächlich nur einen geringen Spielraum haben. Ich habe mich auch im Verlauf der Verhandlungen der Budgetkommission bei einer großen Zahl von Stellen bemüht, Absetzungen anzuregen oder zu beantragen. Ich habe mit diesen Bestrebungen bei keiner anderen Partei in der Budgetkommission Unterstützung gefunden. Mit Rücksicht auf die Geschäftslage des Hauses enthalte ich mich daher, diese Anträge hier zu erneuern, behalte mir auch vor, allgemeine Anregungen, die ich zu einzelnen Titeln in der Kommission gegeben habe, in einer anderen Session weiter zu verfolgen. Nur in einem Punkt möchte ich von dem Recht des Hauses, bei dem Titel des Ministers allgemeine Beschwerden über die Verwaltung zur Sprache zu bringen, hier Gebrauch machen.

Meine Herren, ich habe während meiner parlamentarischen Laufbahn nur sehr selten hier Klagen vorgebracht über die Behandlung der gemeinen Soldaten, weil die Beschwerden, die uns dieserhalb zugehen, in der Regel individueller Natur sind. Jetzt aber handelt es sich doch für mich darum, Beschwerden genereller Art zu erheben auf Grundlage eines sehr umfangreichen Materials, das mir hier vorliegt. Diese Beschwerden beziehen sich auf die Behandlung der Volksschullehrer bei der sechswöchentlichen Uebung, die im vergangenen Jahre im September und Oktober stattgefunden hat.

Meine Herren, es liegen mir in dieser Beziehung 19 Briefe vor von Lehrern, die entweder selbst unter einer ungehörigen Behandlung gelitten haben oder Zeugen solcher Behandlung ihrer Kameraden aus dem Lehrerstand waren. Diese Beschwerden beziehen sich nicht bloß auf einen einzelnen Ort, sondern auf elf verschiedene Orte, bei denen die Lehrer solchen Uebungen unterzogen waren; es sind dies Königsberg Gumbinnen, Danzig, Graudenz, Stralsund, Kottbus, Breslau, Erfurt, Hamburg, Celle und Trier, also Orte aus allen Theilen des Landes. Ich werde natürlich hier nur ganz summarisch einen Extrakt aus den mir vorliegenden Briefen in aller Kürze vortragen.

Zu meinem Bedauern richten sich diese Beschwerden fast sämmtlich gegen Offiziere, gegen Sekondelieutenants und gegen Premierlieutenants, und erst in zweiter Reihe gegen die mit der Ausbildung betrauten Unteroffiziere und Sergeanten.

Die Beschwerden sind verschiedener Art. Zunächst wird im allgemeinen Klage geführt über die Ausdrücke, mit denen diese Mannschaften, die zur Ausbildung herangezogen worden sind, von dem Vorgesetzten belegt werden. Es sind dies nicht etwa das, was man gewöhnlich „Kasernenhofblüthen“ nennt, Ausdrücke eines gewissen kräftigen, derben Humors, der ja bei manchen Vorkommnissen auf dem Exerzierplatz verzeihlich sein mag, sondern es sind Ausdrücke, meines Erachtens ebenso unwürdig für diejenigen, welche sie gebrauchen, wie für diejenigen, gegen die sie gebraucht werden. Es sind Vergleiche dieser Mannschaften mit dem Thierreich nach allen Richtungen hin.

(Heiterkeit rechts),

also Ausdrücke, die im einzelnen berichtet werden, nämlich: Ochsen, Schafsköpfe, Schweine, Schweinehunde, dummes Biest, blödsinniges Schaf u. s. w. Dann Ausdrücke menschlicher Qualifikation, wie: Lümmel, Hallunke, ruppiges Luder, Schuft, Rüpel verfluchter, Satansbraten, dickschnäuziger Faulpelz und dergleichen. Dann kommt eine ganze Kategorie von Ausdrücken, die so unfläthiger Natur sind, daß man sie auch privatim nicht in den Mund nehmen mag, geschweige denn hier vor der Oeffentlichkeit wiederholen.

Bei solchen unwürdigen Ausdrücken aber ist es nicht überall geblieben. Es wird mir berichtet aus Breslau von einem Offizier, der, als Kompagniechef fungirend, einem Lehrer gegenüber sagte: wenn mir meine Klinge nicht so lieb wäre, würde ich dem Lümmel einen offenen Kopf machen, — wobei er ihm dann mit dem Degen vor dem Gesicht herumfuchtelte.

Dann wird mir berichtet von thatsächlichen Mißhandlungen. Einem Lehrer Rittel wurden in Königsberg von einem Lieutenant Braune zwei harte Ohrfeigen verabfolgt. In Trier ist von einem Premierlieutenant Mejer ein Lehrer Dinkont mit zwei Ohrfeigen mißhandelt worden, daß er wegen aufgeschwollenen Gesircts einige Tage im Revier bleiben mußte. Derselbe Lieutenant hat auch die Lehrer Peter Schäfer, Schlitt, Hoffmann, Felb geohrseigt.
Dann hat ein Lieutenant Omais in der Instruktionsstunde einen Lehrer Spaniol mit dem Wischstock über den Rücken geschlagen.

Andere Mißhandlungen werden angedeutet, aber nicht so genau artikulirt, daß ich sie hier vorbringen könnte.

Meine Herren, es sind also diese Personen theils provisorisch angestellte Lehrer etwa im Alter von 23 bis 24 Jahren, theils, wenn es sich um eine zweite Uebung handelt, Lehrer, die schon definitiv angestellt sind, im Alter von durchschnittlich 27 Jahren.

Am meisten empört haben, wie aus allen diesen Briefen hervorgeht, diejenigen Beschimpfungem die den Lehrern mit Bezug auf ihren Lehrerberuf zu Theil geworden, die also nicht bloß das einzelne Individuum, sondern die gesammte Lehrerschaft herabwürdigen und beleidigen, also solche Ausdrücke, auf den Exerzierplätzen üblich: dummer Schulmeister, verfluchter Dorfschulmeister, Fibelhengst, lieber hundert Kameruner als einen Schulmeister. Desgleichen kommt vielfach vor: die Schulmeister sind die dämlichsten. In Celle hat der Premierlieutenant sämmtliche Lehrer bezeichnet als 42 wahnsinnige Schulmeister

(Heiterkeit),

dümmer als die dummsten Bauernbengel In Erfurt bezeichnet ein Offizier die Schulmeister zusammen als dummes, faules Volk; das sei ihr Typus.

Dann wurde in noch besonders beleidigender Weise auf ihren Beruf Bezug genommen. So erklärte ein Premierlieutenant in Hamburg, den Stock oben holen zu wollen, um die Lehrer wie kleine Knaben zu behandeln. Ein Sergeant in Kottbus trug einem Lehrer, weil er eine falsche Wendung gemacht hatte, eine Strafarbeit auf, abzuschreiben so und so viel mal: wir sind alle Ochsen.

(Große Heiterkeit)

Er erklärte, er werde ihm wie einem ungezogenen Knaben sein Lehrerbewußtsein schon austreiben. In der Regel aber, meine Herren, sind diese Mißhandlungen und Beleidigungen ausgegangen nicht von Untergeordneten, sondern von den Offizieren. Ja, in mehreren Briefen wird geklagt, daß diese unteren Chargen geradezu von Offizieren aufgefordert wären, die Lehrer derart zu behandeln. So hat in Stralsund ein Premierlieutenant zu den Unteroffizieren gesagt: die Volksschullehrer sind ein hochschnäuziges Volk, nehmen Sie mir die Leute hoch, daß sie am Leben verzagen, Blut sollen Sie schwitzen! In Westpreußen hat ein Offizier die Unteroffiziere gewarnt vor den Lehrern als „einer gefährlichen Blase“. In Schlesien hat ein Lieutenant Liebe zum Feldwebel geäußert: jagen Sie doch die Hunde, bis sie verrecken!

(Heiterkeit.)

Demgegenüber ist es verhältnismäßig noch humoristisch, daß in Erfurt der führende Offizier die Lehrer für überhaupt keine Menschen erklärte.

(Heiterkeit.)

Es macht überhaupt den Eindruck, als ob junge Offziere, die vielleicht selbst kaum seit lange der Schulbank entrückt sind, den ganzen Aerger, den sie früher über ihre Lehrer empfunden haben wegen angeblicher Zurücksetzung den unglücklichen Rekruten gegenüber zum Ansdruck bringen wollen.

Es treten da auch sehr eigenthümliche Anschauungen über den Lehrerberuf überhaupt hervor. So äußerte ein Lieutenant in Schlesien: da kommen diese grünen Bengels mit 23 Jahren zu einer Anstellung und darauf bilden sie sich etwas ein! Ein Premierlieutenant Kadelbach in Kottbus erklärte: die Lehrer sind der Fluch der Nation, sie sind gerade diejenigen, welche die revolutionären Gedanken in das Volk tragen.

(Heiterkeit.)

Er sprach von einem „erbärmlichen Lehrerpack“.

Meine Herren, also alle diese Ausdrücke sind auf dem Exerzierplatz gefallen vor diesen Lehrern, zum Theil in der Oeffentlichkeit gefallen vor dem Publikum. Es wird in dieser Weise berichtet von einem Lieutenant Nickse in Kottbus eine Szene, die sich auf dem Exerzierplatz zutrug, während Publikum und darunter selbst Schulknaben dieser Szene zuhörten. Ich bemerke noch, daß die Lehrer darüber klagen, daß vielfach mit ihnen auch Ersatzreservisten aus demselben Orte geübt wurden, und daß nun vor diesen Mitbewohnern des Orts, in dem sie ein Lehreramt bekleiden, sie in dieser Weise herabgesetzt werden. Also in dieser Szene wird berichtet über einen Lehrer, der wegen eines Examens ein paar Tage Urlaub gehabt hat und nun zurückkommt und bei einem Kommando eine falsche Wendung macht. Der Lieutenant sagt: „Bataillon halt! was sind Sie?“ Er sagt: „Lehrer!“ Nun standen also da das Publikum und die Schulknaben; da sagt der Lieutenant: „Noch viel lauter, so daß man es überall hört!“ Also muß der Mann wiederholen recht laut: „Lehrer!“ Da sagt der Lieutenant: „Ja wohl, seht Euch das Schwein an, das ist ein Lehrer, der seit gestern erst sein zweites Examen bestanden hat, glaubt aber nicht, daß er klüger ist als Ihr, der ist ebenso dumm und noch dümmer als Ihr!“

Meine Herren, das ist eine Blumenlese aus den Briefen, die mir aus diesen Kreisen vorliegen, also 19 Briefe über 11 verschiedene Orte. Es haben außerdem auch schon diese Mißhandlungen und diese Behandlung in einigen Zeitungen Veranlassung zu Berichten gegeben. Das, was ich aber bis jetzt vorgetragen habe, hat in keiner Zeitung gestanden, sondern ergiebt sich aus diesen Briefen. Aus den Zeitungen will ich hier nur noch folgendes anführen.

In der „Pädagogischen Zeitung“ wird darüber geklagt, daß in Altenburg ein Lieutenant G. — der Name ist nicht vollständig genannt — den Lehrer O. aus Sch. geohrfeigt hat. Das „Gothaische Tageblatt“ berichtet, daß ein Unteroffizier 24 Mann befohlen habe, einem Lehrer, bei dem er schmutzige Sohlen gefunden, je 5 Stockhiebe zu verabfolgen auf der Kasernenstube. Es wird in diesem Artikel auch berichtet, daß der Tod eines Lehrers Reuß aus Koburg wohl veranlaßt sei durch die Strafübungen beim Exerzieren, die man mit ihm vorgenommen habe. Ebenso findet sich in der bayerischen Presse — in dieser Beziehung scheint in Bayern kein Reservatrecht zu bestehen — auch die bitterste Klage über die Behandlung der Lehrer bei den letzten Uebungen, namentlich in Bamberg.

Meine Herren, ich meine, daß alle diese Vorkommnisse ebenso unwürdig sind für die, gegen die sie sich gerichtet haben, als für die, von denen sie ausgegangen sind. Sie sind nicht ausgegangen von höheren Offizieren — ich bemerke das ausdrücklich —, die Beschwerden gehen alle gegen Sekondelieutenants oder Premierlieutenants; ja es wird von mehreren hervorgehoben, daß bei der Vorstellung der Oberst, der höhere Offizier, sich über die Ausbildung der Lehrer und über ihr Verhalten anerkennend geäußert hat. Ich mache aber diesen höheren Offizieren den Vorwurf, daß sie sich um diese Behandlung seitens der subalternen Offiziere nicht genug bekümmern. Es kann ihnen, wenn solches Verfahren in dieser Allgemeinheit Platz greift, unmöglich dasselbe so ganz fremd sein; ja, ich muß sagen, wenn dergleichen Dinge den Lehrern passiren, so liegt der Gedanke nahe, daß auch bei anderen Leuten vielfach in einer Weise verfahren wird, die sich nicht gehört. Anderen fällt es freilich nicht so leicht, zu Papier zu bringen und weiter zu verfolgen, was ihnen begegnet ist.

Ich bedanke, daß ich genöthigt bin durch diese Vorkommnisse, diese Sachen öffentlich zur Sprache zu bringen. Ich hoffe, daß generell von oben herab, abgesehen von der Remedur in den einzelnen Fällen, ein anderes Verhalten schärfer als bisher verlangt werden wird, so daß ich nicht nöthig haben werde, in den folgenden Sessionen auf Fälle ähnlicher Art zurückzukommen.

(Beifall links.)

Präsident: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Richter.

Abgeordneter Richter: Meine Herren, der Herr Kriegsminister verweist zunächst die Lehrer auf den Beschwerdeweg. Das ist ja an sich formell richtig. In einem der Briefe heißt es aber, nachdem berichtet worden ist über eine solche Mißhandlung:

Die Unteroffiziere riethen mir, von einer Beschwerde abzusehen, obgleich sie das Unrecht anerkannten, weil es dann noch schlimmer würde, und meine Kameraden, die übrigen Lehrer, riethen in ihrem Interesse mir auch, von einer Beschwerde abzusehen.

Es ist ja möglich, daß in einem einzelnen gegebenen Falle dem Beschwerdeführer sein Recht widerfährt, aber weiterhin ist der Betreffende in seinem ganzen militärischen Verhältnisse derartig dem diskretionären Ermessen seiner Vorgesetzten unterworfen, daß diejenigen, die einmal gegen ihn Unrecht bekommen haben, in der Lage sind, sich auf das schwerste an dem Manne zu rächen in solchen Fällen, in denen er nicht im Stande ist, sein Recht im einzelnen Falle zu erlangen. Es ist unter Umständen eine starke Anforderung an den Muth eines solchen Lehrers, der im Abhängigkeitsverhältnisse steht, nicht bloß von der Militärbehörde, sondern auch von den Zivilbehörden, daß er sich einzig und allein auf den formellen Weg der dienstlichen Beschwerde begebe.

Ich muß sagen, die Art, wie der Herr Kriegsminister die Frage zuletzt behandelt hat, ist nicht gerade sehr einladend, sich zu beschweren, denn wenn auf die allgemeinen Beschwerden unsererseits hier die Erklärung folgt: wir werden überhaupt die Dienstzeit der Lehrer ganz anders und länger gestalten, so heißt das einen anderen allgemeinen Nachtheil dem Stande in Aussicht stellen bei einer Veranlassung, wo sie sich über schlechte Behandlung im einzelnen beschweren. Die Begünstigung der Lehrer ist ja vorhanden, aber diese Begünstigung ist im Gesetze nicht der Lehrer wegen ertheilt, sondern im öffentlichen Interesse, um eine größere Zahl von Bewerbern um das Schulamt zu erlangen, weil die Zahl der Bewerber um die Schulämter noch immer so sehr hinter dem Bedürfnis; zuriicksteht. Darum ist es in der Gesetzgebung dahin gekommen, diese Lehrer in der militärischen Ausbildung besser zu stellen. Wenn diese Dienstpflicht geändert werden soll, nun, so mag man das selbstständig erörtern und sich darüber schlüssig machen. Der Umstand aber, daß der Lehrer nur 6 Wochen zu dienen hat, darf niemals eine Entschuldigung auch nur im entferntesten dafür geben, daß er in einer Weise behandelt wird, die der ganzen preußischen Armee unwürdig ist.

Präsident: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Richter.

Abgeordneter Richter: Meine Herren, nur eine kurze Bemerkung in Bezug auf die Ausführungen des Herrn bayerischen Bundesbevollmächtigten. Meine Ausführungen bezogen sich nicht auf die bayerischen Verhältnisse, sondern ich habe nur zusätzlich am Schlusse bemerkt, daß nach bayerischen Zeitungen auch dort ähnliches vorgekommen sei. Es ist mir nichts bekannt, daß im bayerischen Landtag darüber verhandelt worden ist, es ist mir dies entgangen. Es beweist dies aber, daß man dort auch auf parlamentarischem Wege sich veranlaßt gesehen hat, die Sache weiter zu verfolgen.

Eines will ich zu Gunsten Bayerns hierbei ausdrücklich hervorheben: daß dort öffentliche Gerichtsverhandlungen über solche Mißhandlungen stattgefunden. Mir liegt ein Zeitungsausschnitt vor, wonach vom Militärgericht Würzburg kürzlich ein Unteroffizier zu zehn Tagen Mittelarrest verurtheilt worden ist. Derselbe exerzierte auch mit Lehrern. Als diese sich etwas ungeschickt anstellten, gebrauchte der Unteroffizier die Aeußerung: „Die Zwei, welche gebildete Leute sein wollen, sind dümmer als der dümmste Bauer!“ Dann rief er einem Lehrer zu: „Sie Knochen!“ und ergriff ihn am Ohrläppchen, zog ihn hin und her, so daß dieser erhebliche Schmerzen empfand. Wegen dieser Vorkommnisse, die sehr ähnlich sind denjenigen, die ich hier vorgetragen habe — ich habe auch noch viel schlimmere Dinge berichtet —, ist also dieser Unteroffizier zu zehn Tagen Mittelarrest verurtheilt worden. Ich meine: wenn wir hier ein öffentliches Verfahren bei dem Militär hätten, wenn es sich um solche Mißhandlungen handelt, dann würden die Leute viel mehr Zutrauen haben, um sich zu beschweren, und es würden solche Verurtheilungen, wenn sie öffentlich auf Grund eines notorischen Thatbestandes erfolgten, auch weit mehr abschreckend wirken als die Militärstrafen, die im geheimen Verfahren wegen Mißhandlungen erkannt werden und nur einem kleinen Theil von Personen zur Kenntniß kommen.

Präsident: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Richter.

Abgeordneter Richter: Um irrthümliche Auffassungen des Herrn Vorredners in Bezug auf meine Anführungen zu vermeiden, bemerke ich ausdrücklich, daß alles, was ich gesagt habe, sich auf die letzten Uebungen im Herbst 1888 bezog, und daß im Herbst 1889 bereits die Lehrer mit den übrigen Ersatzreservisten zusammen geübt wurden. Daraus, daß trotzdem eine besondere Beschimpfung des Lehrerstandes stattgefunden hat, ergiebt sich, daß dieses Zusammenüben mit Personen anderer Berufsklassen nicht geeignet war, dem entgegenzutreten, im Gegentheil, es hat diese Beschimpfung in ihrer Wirkung nur verschärft. Denn solche beleidigenden Ausdrücke fallen nicht bloß vor dem engsten Kreis von Lehrern, sondern auch vor einer Kompagnie, in der sich Personen anderer Berufsklassen befinden, wie ich ausdrücklich hervorhob, Personen desselben Ortes, Personen von einer geringeren Bildung. Ja, wenn gerade vor diesen anderen Ersatzreservisten ausgeführt wird, daß die Lehrer noch viel dümmer wären als die dümmsten Bauernbengels, so müssen naturgemäß solche Ausdrücke noch viel schärfer und schlimmer empfunden werden, als wenn das in dem Internum des Lehrerkreises bleibt.

Dann bemerke ich, daß die Uebungen, die stattgefunden haben, und auf die sich meine Aeußerungen bezogen, theils 6 wöchige, theils 10 wöchige waren. Wenn das 6 wöchige waren, dann muß das theils daher rühren, daß noch nicht auf alle Lehrer die neuen Bestimmungen Anwendung finden konnten, theils daher, daß es sich um die zweiten Uebungen handelt, die nach dem Gesetz von 1888 für die Dauer von 6 Wochen für die Ersatzreservisten stattzufinden haben. Diejenigen Lehrer, die an dieser zweiten Uebung theilzunehmen haben, haben schon ein Durchschnittsalter von 27 Jahren, das sind schon angestellte Lehrer. Wenn denen eine solche Behandlung zu Theil wird, so sind die Klagen doch noch erheblich berechtigter als gegenüber jüngeren Leuten, die sich eher manches gefallen lassen, da es sich um Leute handelt, die auf Achtung Anspruch haben, auf die Achtung derjenigen haben, die selbst, auch wenn nicht als Militär, im Dienst des Königs sind.

Anmerkungen

  • Das deutsche Reich ist ein Bundesstaat mit gewissem Spielraum für die Einzelstaaten, etwa eigene Steuern zu erheben. Solche Kompetenzen heißen „Reservatsrechte“. Bayern hat zudem eine eigene Armee, die anders als die anderer Staaten nur zu Kriegszeiten dem preußischen Kommando unterstellt ist. Der militaristische Geist feiert dort wohl aber auch Urstände, wiewohl er nicht ganz so weit geduldet oder sogar begrüßt zu werden scheint.
  • „welche die revolutionären Gedanken in das Volk tragen“ — auch wenn heutige Leser darin geschult sind, alles von dieser Art auf die Sozialdemokraten zu beziehen, würden wir denken, daß hier eher freisinnige Lehrer gemeint sind. Zu entscheiden ist das nicht leicht. Die Anschuldigungen als „vaterlandslos“ oder „reichsfeindlich“ werden recht undifferenziert an Freisinnige und Sozialdemokraten von der Rechten ausgeteilt. Wie der Einsatz Richters gegen die Mißhandlungen zeigt, sind die Lehrer aber eher mit der Freisinnigen Partei verbunden. Als „Bürgerliche“ würde ihr Leid die Sozialdemokraten wohl weniger interessieren.
  • Die Richtung, aus der die unpassende Heiterkeit kommt, wird nur am Anfang als von rechts gekennzeichnet. Wir denken, daß sie von da und der Mitte (Nationalliberale und vielleicht auch Teile des Zentrums), aber bestimmt nicht von der Linken (Freisinnige, süddeutsche Demokraten, Sozialdemokraten) kommt. Den Typus der Lacher hat Heinrich Mann in seinem „Untertan“ verewigt. Diederich Heßling haßt die Freisinnigen und besonders Eugen Richter bis aufs Blut, während er die Sozialdemokraten für ihre straffe Disziplin und die „Macht“ widerwillig bewundert.
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