Debatte über die Dampferlinie nach Ost-Afrika

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Neue Freie Presse, Wien, 18. Januar 1890

Berlin, 17. Januar. Im Reichstage fand heute die erste Lesung der Vorlage, betreffend die Subvention einer Dampferlinie nach Ost-Afrika, statt. Bamberger und Virchow sprachen gegen die Vorlage, welche eine Subvention von 900,000 Mark jährlich auf zehn Jahre vorschlägt. Ersterer sagte, das Geld werde ins Meer geworfen; es handle sich um eine reine Colonial-Schwärmerei ohne reelle Aussichten, da das Hinterland Ost-Afrikas und dessen eigener Handel, vorwiegend mit Nelken, und Elfenbein geringfügig seien. Die Vorlage bezwecke einfach die Unterstützung der Deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft, und man thäte besser, dieser das Geld direct zu schenken. Dem gegenüber behauptete Reichspostminister Stephan, daß die ostasiatischen und australischen Linien sich ausgezeichnet bewährt haben. Es seien Verhandlungen mit dem Norddeutschen Lloyd wegen Verdoppelung der Linien eingeleitet worden. Die Nationen wetteifern, in Afrika festen Fuß zu fassen. Es handle sich um ein volksthümliches Unternehmen, welches das ganze Volk mit patriotischer Freude begrüßen werde. Auch Hobrecht bekämpfte Bamberger’s Ausführungen. Von freisinniger Seite, sagte er, werde die deutsche Colonial-Bewegung mit unverdienter Gehässigkeit und Schadenfreude behandelt. Der Conservative Helldorff und der Freiconservative Nobbe befürworteten ebenfalls die Vorlage. Interessant ist eine Bemerkung des letzeren Redners, gerade bei dem jetzigen Streite Englands mit Portugal müsse Deutschland die Gelegenheit benützen, neue Verbindungen in Afrika anzuknüpfen und seine Dampferlinie bis in portugiesische Besitzungen hineinzuführen. Windthorst bemerkte, er halte die Angelegenheit nicht für eilig. Vorsicht gegenüber der Colonial-Politik sei geboten. Virchow betonte, er sei nicht grundsätzlich gegen jede Dampfer-Subvention, und wies darauf hin, daß er seinerseits für die Subventionirung der ostafrikanischen Linie stimmte. Aber die Erwartungen bezüglich Afrikas halte er für übertrieben; das von Deutschen besetzte Gebiet sei kein Boden für eine Colonisation. Anders verhalte es sich mit England, welches ein fieberfreies Gebiet besetzt habe. Es wäre seines Erachtens vortheilhafter, eine Linie nach Brasilien zu subventioniren.  Die Vorlage wurde einer Commission überwiesen.

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