Kolossaler Aufschnitt

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von Alexander Moszkowski, 1912

Zu den rätselhaftesten Dingen dieser Welt gehört für mich das Physiognomiegedächtnis meiner lieben Nebenmenschen. Ich habe nämlich niemals eine Ahnung, wer der andere ist, während der andere meine Identität immer in der ersten Sekunde feststellt. Ganz besonders frappant tritt dieses Phänomen auf Sommerreisen hervor, wo die gewohnte Orientierung fehlt. Gott, was reist nicht heute alles auf Erholung umher! Schuster und Schneider und Handschuhmacher, und dann soll man wissen, wo und wann man bereits die Ehre gehabt hat.

Und so kannte ich wieder einmal keine Seele, als ich vor kurzem in Andermatt einkehrte. Der kleine Speisesaal des bescheidenen Hotels war überfüllt, und alles lauschte der gewaltigen Stimme eines imponierenden Gastes, der die Tafel beherrschte und eben seine selbsterlebte Odyssee in vierundzwanzig Gletschergesängen vom Stapel ließ. Ich fragte die Servierkellnerin halblaut, wer das sei und erhielt den Bescheid: ein Chirurg aus Deutschland, und einer der bedeutendsten Alpinisten der Gegenwart; o, der kann was erzählen!

Und er erzählte! Genau vor einem Jahr hätte er das Matterhorn bezwungen, und mit genauester Umständlichkeit beschrieb er alle Phasen dieser halsgefährlichen Aszension, Steinschlag, Seilriß, Kaminkletterei, Festklemmung in Felsenspalten, Traversierung schmaler Eisbänder — alles war vorhanden. Deshalb kämen ihm auch die Gipfel hier in der Umgebung von Andermatt — die er selbstverständlich alle „gemacht“ habe — als Lappalien vor. Ja, das Matterhorm das sei doch der Berg aller Berge! Donnerwetter, wie ihm da zumute gewesen wäre, als er heute vor einem Jahr den eisenbeschlagenen Schuh dem trotzigen Riesen aufs Haupt gesetzt habe!

Ich hörte zu und wußte bald: der lügt! furchtbar lügt der Kerl! Vermöge meiner Kenntnis der alpinen Literatur erkannte ich ganz genau die Lesefrüchte, die dieser Chirurg aus Studer, Whymper, Güßfeld und Payer als Selbsterlebtes zusammenschwindelte.

Alsbald beschloß ich, ein Feuerwerk aufsteigen zu lassen, vor dem der Nimbus des Helden in den Augen der Korona erblassen mußte. Ich durchkreuzte also seine Renommage mit der Bemerkung: „Sie werden Ihre Meinung vom Matterhorn erheblich korrigieren, wenn Sie je im Leben mit dem Chimborasso Bekanntschaft machen sollten. Denn erstens ist das Matterhorn ein Zwerg dagegen, ein Parkhügel, ein Salonberg, eine Nippfigur. Die Schneegrenze des Chimborasso beginnt da, wo das Matterhorn aufhört. Zweitens ist die Besteigung des Giganten von Quito unendlich gefahrvoller, als so ein simpler Spaziergang. Ich hatte Gelegenheit, mich davon zu überzeugen, als ich — ebenfalls genau vor einem Jahre — von der Hochebene von Tapí aus 4500 Gletscherstufen hackte, um auf den Gipfel des Chimborasso zu gelangen.“

Von allen Seiten stürmten Fragen auf mich ein, und ich entwickelte zwischen Hammelbraten und Käse ein grausenerregendes Bild meiner Chimborassofahrt, in der alles vorkam, was ich im Humboldt, Bonpland nnd Boussingault über den Schrecken der Kordilleren gelesen hatte. Der arme Matterhorn-Onkel war einfach wie mit dem Schwamm fortgewischt. Kein Mensch bekümmerte sich mehr um ihn.

Eine halbe Stunde später packte er mich solo auf dem Korridor, wo er mich mit allen Anzeichen ehrlicher Entrüstung zur Rede stellte: „Behaupten Sie auch jetzt noch, unter vier Augen, daß Sie im Vorigen Jahr auf dem Chimborasso waren?“

„An dem nämlichen Tage, an dem Sie das Marterhorn erstiegen haben.“

„Ich finde das einfach unerhört! Sie waren doch damals in Swinemünde!“

„Nein, in Quito!“

„Ich muß gestehen, so eine Aufschneiderei ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. In Swinemünde sind Sie gewesen, von Mitte Juli bis Ende August!“

„Wie kommen Sie denn darauf, Herr Chirurgus? Woher wollen Sie denn das wissen?“

„Traurig genug, daß Sie mich nicht erkennen; ich hab’ Sie doch dort den ganzen Sommer jeden Tag rasiert.“

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