Was wird mit Stöcker in Siegen?

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Der Reichsfreund, 23. Januar 1890

Kein konservativer Abgeordneter saß nach dem Kartell fester als er. 1874 [richtig: 1884] hatten ihm die Nationalliberalen in der Stichwahl mit 12 978 Stimmen gegen 6676 zum glänzenden Siege über Reinh. Schmidt-Elberfeld [Freisinnige Partei] verholfen. (1. Wahlgang Stöcker 9012, Schmidt 6037, Ungiltig 4661). 1887 hatten sie ihn mit Feuereifer gleich dem frömmsten Christlichsozialen von vornherein zu ihrem Kandidaten erkoren, und er siegte über den Freisinn mit 14 830 Stimmen gegen 4086 Stimmen.

Aber was geschieht? Kaum sind die Offiziösen über Hammerstein hergefallen, da wackelt auch Ehren-Stöcker in Siegen. Wie das Stöckerblatt meint, war die Losung: „Im Namen des Kaisers gegen Rechtskonservative und Orthodoxe!“ Der nationalliberale Verein des Kreises Siegen teilte dem Vorstand des konservativen Vereins auf Anfrage mit, sie könnten mit ihm unmöglich Hand in Hand gehen, wenn er an Stöcker festhalte. Nun wurden wegen des Kompromißbruchs die Centralvorstände in Berlin angerufen. Aber hier fanden die Siegener Nationalliberalen keine Hilfe. Die nationalliberale Centralleitung hat, wie die „Kreuzzeitung“ feststellte, ohne daß ihr widersprochen wurde, nach Siegen die Mitteilung ergehen lassen:

das Vorgehen der Nationalliberalen sei mit dem Kartell nicht vereinbar, sie könnten auf Grund dieses sich nicht weigern Stöcker zu wählen!

Trotz dieser Empfehlung, welche die Herren von Bennigsen, von Benda, Buhl, Hobrecht und Genossen gebührenderweise dem ehrenwerten Hofprediger gewährten, haben die Siegener Nationalliberalen den Kartellbruch vollzogen und sich mit Freikonservativen und Konservativen auf einen andern deutschkonservativen Geistlichen, auf den Missionsdirektor Dr. Fabri in Barmen geeinigt.

An Stöcker scheint nur ein kleiner Teil der Konservativen festzuhalten. Wir schließen dies aus der Verzagtheit des Stöckerblattes. Von den „Kautschuknaturen“ sei nichts anderes zu erwarten gewesen, jeder herzhafte Druck gebe ihnen eine neue Form- Eine besondere Bosheit bei der Politik der Kartellbrüder findet es in der Persönlichkeit des Gegenkandidaten. Dr. Fabri, der frühere Direktor der Berner Missionsgesellschaft, sei ein höchst ehrenwerter Mann, wissenschaftlich hervorragend, ein erfahrener Geistlicher, ein Anhänger der pietistischen Richtung. Aber warum ihn in Siegen aufstellen?

„Das ist wirklich nicht schön, wenn in dieser vergangenen Zeit auch Brüder noch gegen einander kämpfen, wenn ein gläubiger evangelischer Geistlicher dem andern den Fehdehandschuh hinwirft! Ob solch‘ eine Verirrung im Lager der römischen Kirche möglich wäre? Wir bezweifeln es ernstlich. Der Priester, der dem andern Priester als Gegner die Kreise stören wollte, würde wahrscheinlich einer empfindlichen Rüge seitens seines Bischofs gewärtig sein können. Aber nach solchen Dingen fragt man in der evangelischen Kirche nichts. Es ist schon schrecklich genug, daß Pastoren auf den politischen Kampfplatz treten. Wie sollte man dazu kommen solche Aergernisse, wie der Kampf Fabri’s gegen Stöcker ein solches Aergernis [i]st zu verhüten? Und wir sind überzeugt, daß dieser Schritt, zu dem sich Dr. Fabri entschlossen hat, in weiten evangelischen Kreisen mehr Anstoß geben wird, als der mutige und unerschrockene Kampf eines Stöcker für Thron und Altar . . .

Diese Sätze sehen gerade so aus, als wenn sie Stöcker selbst geschrieben hätte.

Nach der [konservativen] „Kreuzzeitung“ hat Dr. Fabri bis Gründung der deutschkonservativen Partei zu Frankfurt a. M. am 7. Juni 1876 mitgeholfen — wenn schon er sich jetzt zur Reichspartei [Freikonservative] rechnen soll.

Jedenfalls werden die Freisinnigen in Siegen auch einen Kandidaten aufstellen, vielleicht auch das Centrum und die Sozialdemokraten. Wenn sich dann Fabri und Stöcker bekämpfen, wer weiß, was dann herauskommt!

Anmerkungen

Das Kartell aus Konservativen, Freikonservativen und Nationalliberalen hatte 1887 bei den Wahlen abgeräumt. Doch mittlerweile ist man dabei, sich zu zerstreiten. Den Konservativen sind die Nationalliberalen, trotz ihrer bismarckhörigen Positionen, zu wenig auf Linie und werden angegriffen. Die Nationalliberalen schießen entsprechend zurück. Formal gilt das Kartell aber weiter, sodaß die Siegener Nationalliberalen über ihre Partei hinweggehen. Allgemein haben die Parteien nur bedingt Einfluß auf das Geschehen auf lokaler Ebene, außer vielleicht die straff zentralistischen Sozialdemokraten. „Ehren-Stöcker“ ist für die Freisinnigen und den „Reichsfreund“ der Ausbund an konservativer Unduldsamkeit, weshalb man die Zerstrittenheit mit Genuß verfolgt. Allerdings wird der Hofprediger dann bei den Reichstagswahlen 1890 doch in Siegen wiedergewählt werden.

Siehe auch:

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