Der König der Detektivs

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von Alexander Moszkowski, 1912

Der Zug war vollbesetzt in die Halle eingelaufen. Unter den Reisenden befand sich auch Er, der Große, der Meister seines Faches, freilich unerkannt in der Menge. Er fuhr in einer Droschke zum Hotel und gab dem Rosselenker eine Mark Trinkgeld.

Das war ein außergewöhnlich intelligenter und gebildeter Kutscher.

„Ich danke vielmals“, sagte er; „es war mir ein besonderes Vergnügen, den berühmten Herrn Conan Doyle gefahren zu haben.“

„Wieso kennen Sie mich denn?“ fragte der Reisende überrascht.

„Aus Ihren Schriften, Herr Conan Doyle. Da lernt man das Kombinieren. Ich hatte in der Zeitung gelesen, daß Sie in Nizza gewesen sind. Und der Zug kam doch von Nizza.“

„Das gibt doch gar keinen Anhaltspunkt! In dem Zug kamen Hunderte von Menschen. Und ich hätte doch zum Beispiel in Frankfurt eingestiegen sein können.“

„Verzeihen Sie, Herr Conan Doyle, an Ihren Schuhen bemerkte ich ein wenig Staub, jenen gelblichen Staub, der nur im Süden vorkommt. In Frankfurt staubt es jetzt nicht. Ferner machten Sie eine Bewegung mit der Hand nach dem Rücken, wie ein ermüdeter Reisender, der dreißig Stunden im Zuge gesessen hat. Folglich kamen Sie aus Nizza.“

„Zugegeben. Aber von daher kamen viele.“

„Aber nicht viele Engländer. Und daß Sie Engländer sein müssen müssen, erkannte ich an Ihrem Schirmgriff. Solche Schirmgriffe gibt es nur in London.“

„Gut, Sie erkannten in mir den Engländer. Das beweist doch noch nichts für meine Person!“

„Ihr forschender Blick fiel mir auf; und da sagte ich mir, solchen Blick hat nur ein Mann, der gewohnt ist, die tiefsten Geheimnisse zu ergründen.“

„Ach was! jeder Mensch, der eine Droschke sucht, besitzt einen forschenden Blick.“

„Bitte um Vergebung, Herr Conan Dohle, der Blick anderer Leute ist unruhig und geht in die Irre; Ihr Blick forscht systematisch, das ist ein Unterschied. Ferner bemerkte ich sofort an Ihrer Hand eine Narbe, und zwar eine solche, die von einer Bißwunde herrührt. Derartige Narben tragen nur Männer, die berufsmäßig mit Verbrechern zu tun haben.“

„Es ist erstaunlich!“ sagte der Reisende. „Ihr Scharfsinn übertrifft beinahe meinen eigenen, Sie Sherlock Holmes unter den Kutschern. Da haben Sie noch eine Mark Trinkgeld!“

„Danke vielmals,“ erwiderte der Beschenkte. „Und übrigens hatte ich noch ein Symptom; auf dem Koffer, den Sie mir übergaben, steht aufgeschrieben: Conan Doyle.“

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