Hintergrund: Wahlkreise

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Eugen Richter: ABC-Buch für freisinnige Wähler, 5. Auflage, 1889, Seite 279-280.

Wahlkreise. Die Einteilung der Reichstagswahlkreise datirt vom Jahr 1867. Eine neue Einteilung ist geboten, weil der verschiedene Grad der Volksvermehrung seit 1867 die Reichstagsplätze ungerecht vertheilt. Beispielsweise hat die Stadt Berlin nur sechs Abgeordnete, während sie nach dem Verhältnis von 1867 jetzt auf zwölf Anspruch machen könnte. Aehnliche Mißverhältnisse sind bei anderen großen Städten und industriellen Bezirken mit erheblich vermehrter Volkszahl vorhanden. Nach dem amtlichen „Statistischen Jahrbuch“ für das Reich betrug 1887 die mittler[e] Volkszahl eines Wahlkreises bei den sämtlichen Wahlkreisen 118 024; dagegen betrug die Volkszahl in den rein städtischen Wahlkreisen (21) 165 875, in den Wahlkreisen mit großen Städten (107) 136 165 und in den Wahlkreisen ohne große Städte (269) nur 107 073. Es gab fünf Wahlkreise mit 60000 und weniger Einwohnern, dagegen 105 Wahlkreise mit 120 001 bis 140 000 Einwohnern, 21 Wahlkreise mit 140 001 bis 160000 und 36 Wahlkreise mit mehr als 160 000 Einwohnern.

So lange die Richtung der Kartellparteien den Reichstag beherrscht, ist aber an das Zustandekommen einer neuen, gerechten Einteilung der Wahlkreise nicht zu denken, weil die gegenwärtige Einteilung für die Kartellparteien, insbesondere für die konservativen Parteien, vortheilhaft ist.

Anmerkung

Bei den ersten Wahlen zum Norddeutschen Reichstag, dem Vorläufer des späteren Deutschen Reichstags, werden die Wahlkreise ungefähr gleich groß angelegt (etwa einer für 100.000 Einwohner). Beim Zutritt der süddeutschen Staaten und etwas später von Elsaß-Lothringen kommen neue und auch ähnlich große Wahlkreise hinzu.

Wie hier beschrieben, führt die Bevölkerungsentwicklung aber zu immer ungleicheren Wahlkreisen, was für Parteien ungünstig ist, die stärker in den Städten vertreten sind, wie etwa die Freisinnigen oder die Sozialdemokraten. Neben den Konservativen profitiert auch die Zentrumspartei von den relativ vielen kleineren Wahlkreisen auf dem platten Land. Bis zum Ende des Kaiserreichs wird es zu keiner Neueinteilung kommen. Es sind und bleiben immer dieselben 397 Wahlkreise.

Siehe auch: Hintergrund: Wahlrechte

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