Wenn man von einer Sache nichts versteht

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Der Reichsfreund, 30. Januar 1890

Bei den Reichtstagswahlen im Deutschen Reiche kommt es in jedem Wahlkreise vor, daß konservative oder nationalliberale Redner die Versicherung als besonders wirkungsvoll halten, daß sie von allen möglichen Staatsangelegenheiten, vor allem von der äußeren Politik nichts verstehen und deshalb diese Dinge demjenigen Mann überlassen, der sie ohne Zweifel am besten versteht, und das ist allemal der Herr Reichskanzler. Diese beliebte Redewendung verfehlt auf gutmütige und unerfahrene Wähler selten die Wirkung.

Jemand, der dem Herrn Reichskanzler nicht durch Dick und Dünn folgen, sondern auch ihm gegenüber seine eigene Meinung haben will, hat einmal solchem Verteidiger des beschränkten Untertanenverstandes trefflich heimgeleuchtet. Von einem unserer diemaligen Reichstagskandidaten, einem selbstgemachten Manne, schreibt uns ein ihm befreundeter Parteigenosse:

„Auf einer großen allgemeinen Wählerversammlung, in welcher ein fortschrittlicher Kandidat aufgestellt werden sollte, im Jahre 1881, hatte der Herr Bürgermeister in vielen Sätzen immer wieder ausgeführt: wenn er von einer Sache nichts verstehe, halte er sich stets an den, der es versteht und folge ihm, und das sei Fürst Bismarck. Unser Freund, der folgende Redner, begnügte sich mit der Erwiderung;: „Wenn ich von einer Sache nichts verstehe, halte ich — mein Maul!

Stürmisches Bravo — und der Herr Bürgermeister war mit seiner Bekämpfung der Fortschrittspartei abgethan.

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