Ein Nietzsche-Komitee

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von Alexander Moszkowski, 1912

Professor Fatzko: Gestatten Sie, werte Herren Kollegen, daß ich diese Dame in unseren illustren Kreis einführe: Cornelia, eine Cousine des großen Philosophen.

Professor Mumpici: Das muß eine Mystifikation sein. Ich kenne als intimsten Freund unseres verewigten Nietzsche dessen ganze Verwandtschaft aufs genaueste; habe niemals von einer Cousine Cornelia gehört.

Cornelia: Ich bestreite Ihnen das Recht, so über mich zu urteilen. Wenigstens hundertmal habe ich es aus dem Munde meines berühmten Vetters gehört, daß er Sie für minderwertig hielt und aus diesem Grunde nicht seiner Familie vorzustellen wagte. Was mich persönlich betrifft, die Egeria Nietzsches, ich kann wohl sagen, die Mitschöpferin seiner Werke, so beabsichtige ich auf der Spitze des Bernina im Engadin ein Nietzsche-Museum zu erreichen, eine Art philosophischer Walhalla, zu deren Errichtung ich Ihre literarische Beihilfe beanspruche.

Dr. Krautkopf: Gerade Sie, Fräulein Cornelia, sollten doch die Finger von solchem Unternehmen lassen, in Anbetracht des Umstandes, daß Nietzsche Ihnen im Engadin damals die drei weltberühmten Ohrfeigen gehauen hat, deren Echo bis über den Albulapaß dröhnte.

Literat Stänkell: Was ich als bewiesen annehmen würde, wenn es ein anderer behauptete als der geehrte Vorredner. Ich besitze fünf Briefe von Nietzsche, in denen er mich als seinen intimsten Freund vor den unerhörten Schwindeleien Krautkopfs warnt.

Professor Fatzko: Ich bestreite dies gar nicht, sehe mich indes zu der Ergänzung genötigt, daß diese soeben zitierten fünf Briefe von mir längst als Fälschungen entlarvt worden sind; was natürlich von Ignoranten, die nie eine Manuskriptzeile von Nietzsche gesehen, nie eine Druckzeile von Nietzsche verstanden, von Nietzsches Stil überhaupt keine Ahnung haben, nicht bemerkt werden konnte.

Professor Mumpici: Vergleichen Sie hierüber meine Monographie „Über die Rhinozerosse um und nach Nietzsche“, in der ich dem Vorredner Fatzko bereits den gebührenden Ehrenplatz eingeräumt habe; und zwar auf Grund eines Attestes, in dem Nietzsche bezeugt, daß ich der einzige bin, der ihn begriffen, während ihn die andern nur angepumpt haben.

Literat Stänkell: Elende Verleumdung! Ich war es vielmehr, der Nietzsche unterstützt hat, ich habe ihn mit Zarathustra bekannt gemacht, ich habe ihn in Bayreuth eingeführt, ich habe ihn veranlaßt, ein Genie zu werden, wie deutlich genug in meiner Broschüre „Jenseits von Plump und Blöde“ zu lesen ist.

Dr. Krautkopf: Wegen welcher Broschüre ich ja bereits Denunziation beim Staatsanwalt eingereicht habe. Im übrigen bin ich gern bereit, die Pläne der Dame Cornelia zu fördern und bei der Einweihung der von ihr geplanten Krautkopf-Walhalla . . .

Cornelia: Nietzsche-Walhalla!

Dr. Krautkopf: Ganz egal; also gern bereit, die Festrede zu halten.

Cornelia: Ich danke Ihnen, meine Herren, für Ihr freundliches Entgegenkommen. Reichen wir uns die Hände Um dieses monumentum aere perennius.

Professor Mumpici: Hört, hört, wie die Gans Vergil zitiert!

Literat Stänkell: War ja Horaz!

Professor Fatzko: Ich dachte, wir hätten doch Wichtigeres zu tun, als uns hier über griechische Klassiker zu streiten. Gehen wir doch endlich zu unserer ernsten Tagesordnung über! Erster Punkt: Die hier Versammelten vereinigen sich zu einem Komitee, um als die einzig berufenen Intimen des Philosophen der unkundigen Welt das Verständnis Nietzsches zu erleichtern.

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