Schneidemühler Wahlbegebenheiten

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Der Reichsfreund, 30. Januar 1890

Schneidemühler Wahlbegebenheiten.

Wir haben bereits erzählt (Nr. 4 S. 27), weshalb in Schneidemühl eine freisinnige Wählerversammlung gleich nach der Eröffnung wieder aufgelöst wurde. Wir nahmen an, daß die ungesetzliche Auflösung durch den Polizeikommissar in der That nur deshalb erfolgt ist, weil der Herr Polizeikommissar in der Versammlung Lehrlinge sah, die andere nich[t] sahen, aber selbst nicht im Stande war, diese Lehrlinge zu bezeichnen.

Daß dieser Auflösungsgrund nur vorgeschoben sei, wagten wir nicht zu behaupten, — wennschon der Verdacht nahe lag. Wie konnten wir die beleidigende Behauptung aufstellen, daß der Beamte nicht aus Unkenntnis oder falscher Auslegung des Gesetzes, sondern unter absichtlicher Uebertretung des Gesetzes, die Versammlung widerrechtlich aufgelöst habe.

Dieses aber scheint die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“, das sogenannte Kanzlerblatt, in der That behaupten zu wollen. Sie schreibt nämlich:

In Schneidemühl haben im Hinblick auf einen dort kürzlich begründeten freisinnigen Arbeiterverein dortige Arbeiterfrauen an den Bürgermeister folgenden in der „Schneidem. Ztg.“ mitgeteilten Brief gerichtet: „Schneidemühl, den 20. Januar 1890. Gehorsamste Bitte. Hochverehrter Herr Ober-Bürgermeister. Ich ersuche Sie ergebenst doch dem Unheilvollen Treiben, welches in unserer Stadt vorgenommen wird, einhalt zu thun; es wird Ihnen wohl bekannt sind, daß hier Zusammenkünfte gehalten werden, wodurch die Arbeiter aufgewiegelt werden, es werden den Leutem große Versprechungen gemacht was sie erhalten sollen, und was für gewinnste Sie machen werden, die Männer sind so verblendet, daß Sie alles glauben und für Wahrheit halten, die Frauen ihr Zurückhalten hilft nichts, es wird Ihnen gesagt, Graf Bismarck wil, das alles was wir essen soll vielfältig versteuert werden, das muß abgesetzt werden, von Frankreich bekommen Sie Geld und Militair zu Hülfe das sie alles ausführen die sollen in Zivilkleidung in unser Land rin gebracht werden, alles öffentliche reden findet im Schützenhause statt, die Heimlichkeiten werden bei Dessau in dem feinen Hause vorgenommen, die Aufwiegler haben Papiere mit königlichen Stempeln vorgezeigt, das sie Gerechtigkeit hätten hier herzugekommen. Sie verehrter Herr Bürgermeister sollen ebenfalls abgesetzt werden und nicht länger wie bis April hier sein kurz die Aufwiegelung ist so groß, daß wir einer Revolution entgegen gehen, es ist schrecklich die Vaterlandsverrätherei mit anzuhören wir armen Frauen bitten Ihn unterthänigst, schreiten Sie ein ehe es zu spät wird. Dienstag abend soll hier wieder große Zusammenkunft sein, da werden Sie noch mehr Aufwiegelei wegen der Wahlen veranstalten, wir Frauen fühlen uns nothgedrungen Ihnen dies anzuzeigen und Ihnen zu bitten einzuschreiten das dem Unglück gewehrt wird welches schon viel größer ist als man denkt, Hochachtungsvoll mehrere Frauen.“ — Die betreffende Versammlung, in der Herr Rechtsanwalt Flatau aus Berlin sprechen sollte, wurde kurz nach ihrer Eröffnung aufgelöst.

Zur Unterstützung der Meinung der „Nordd. Allg. Zeitung“ läßt sich geltend machen: 1. daß dieser uns bereits bekannte Brief in dem amtlichen Kreisblatt, der „Schneidemühler Zeitung“, am Dienstag erschien in einer Nummer, die am Nachmittage, wenige Stunden vor der Versammlung ausgegeben wurde; 2. daß der Herr Bürgermeister der Versammlung beiwohnte.

Kein vernünftiger Mensch wird freilich glauben, daß der verrückte Brief wirklich von Arbeiterfrauen herrührte. Unbegreiflich freilich ist es, daß der Bürgermeister Wolf diesen Brief ungenannter Personen im amtlichen Blatt veröffentlichen ließ, — fast so unbegreiflich, wie die anscheinende Annahme des Kanzlerblattes, daß dieser Brief den Bürgermeister Wolf bestimmt haben könnte, den Polizeikommissar zu einer gesetzwidrigen Auflösung einer Versammlung, in welcher ein Berliner Rechtsanwalt zum Reichstagskandidaten proklamirt werden sollte, zu bewegen. Eine so schreiende Gesetzesverletzung verdiente ja eine Disziplinarbestrafung beider Beamten.

Selbstverständlich haben sich die Veranstalter der Versammlung durch solche Hindernisse nicht abschrecken lassen. Am Dienstag, den 28. Januar hat eine Wählerversammlung stattgefunden. Ueber tausend Wähler aus Land und Stadt nahmen Teil und hunderte mußten umkehren, weil der Saal voll war. Die drei Redner Rechtsanwalt Dr. Ludwig Flatau aus Berlin, Landtagsabgeordneter Knörcke ebendaher und Georg Isaac aus Charlottenburg ernteten stürmischen Beifall. Hochrufe auf die Redner wurden noch auf der Straße fortgesetzt.

Demnach wird ein heißer Wahlkampf entbrennen. Der bisherige Reichstags-Abgeordnete, der Polizeipräsident von Colmar-Meyenburg, welcher wieder kandidirt, wird der Polizei von Schneidemühl wenig Dank wissen, denn er weiß recht gut, daß ungesetzliche Verhinderungen oder Auflösungen von Wahlversammlungen der Gegner leicht zur Ungiltigkeitserklärung der Wahl führen können! Und das eine ist schon sicher, einen Reichstag, der so glimpflich wie der letzte über Wahlbeeinflussungen und Wahlhindernisse der Polizei oder der Staats- und Kommunalbeamten hinweggeht, bekommen wir das nächste Mal nicht. Der nächste Reichstag wird kein Erbarmen haben mit Abgeordneten, die ihr Mandat Wahlbeeinflussungen verdanken.

Uebrigens wird noch berichtet, daß der Arbeiter Dessau, welcher die aufgelöste Versammlung geleitet hat und in dessen Hause nach dem Briefe die Heimlichkeiten der Aufwiegler und Vaterlandsverräter vorgenommen sein sollten, von seinem Arbeitgeber aus der Arbeit entlassen sei — angeblich auf Verlangen der Polizei.

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