Vom Sitzenbleiben und Nichtaufstehen

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Julius Stettenheim, 1896

In den weiten Räumen des Gedächtnisses eines jeden Menschen befindet sich eine Schreckenskammer, deren Inhalt nicht erfreulich ist, auch dann nicht, wenn er aus demselben sehr weise Lehren für das ganze Leben gezogen hat. Man bewahrt in dieser Schreckenskammer die Erinnerung an Ereignisse auf, welche, als man sie erlebte, so unangenehm waren, daß man. am allerwenigsten daran dachte, ihnen einen Platz für Lebenszeit einzuräumen. Man thut das auch nicht. Aber es sind Ereignisse, die sich nicht exmittiren lassen, deren jedes mit aller Bestimmtheit erklärt: J’y suis et j’y reste.

Um von meiner Schreckenskammer zu reden, so ist diese wie wohl auch jede andere nichts für nervöse Menschen, genau wie die in Castan’s Panoptikum. Ich bewahre z. B. einige derbe Züchtigungen auf, welche ich erstens in der Schule dafür empfing, daß ich nicht aufstand, und zweitens im Hause dafür, daß ich sitzen blieb. In der Schule mußten wir uns erheben, wenn an uns eine Frage gestellt wurde. Wenn sich nun ein Lehrer mit seiner unbegreiflichen Wißbegierde zu mir wendete, um von mir eine wichtige historische oder andere Frage beantwortet zu hören, so blieb ich sitzen, um über dieselbe nachzudenken oder doch so zu thun, denn ohne Hilfe von guten Nachschlagebüchern half mir das Nachdenken auffallend wenig, das auf diesem Gebiete auch heute noch nicht viel selbstständiger geworden ist. Ich stand also nicht auf, weil ich unbeschreiblich dumm aussah, wenn ich dastand, den Lehrer anstarrte und nun zu fragen schien: „Wer von uns Beiden wird es am längsten aushalten?“ Diese Schonung meines männlichen Stolzes verstand aber der Lehrer meist nicht zu würdigen, er hielt mich für unhöflich, was ich nie im Leben gewesen bin, und er ehrte das Lineal, welches er in Händen hielt, dadurch, daß er es auf meine schon damals sehr empfindlichen Fingerspitzen niederfallen ließ. Dann erhob ich mich natürlich, es fiel mir erst recht keine Antwort ein, und eine zweite Züchtigung endete das kurze, resultatlos verlaufende Verhör.

So wenig unterhaltend dergleichen Scenen waren, die sich zwischen meinen Lehrern und mir in erschreckend häufigen Wiederholungen und verblüffender Aehnlichkeit abspielten, so habe ich doch daraus die Lehre gezogen, daß das Aufstehen vor achtunggebietenden Menschen — von solchen, die wir lieben, nicht zu reden — einen Akt der Höflichkeit bedeutet, der erst dann seine schöne Bedeutung gewinnt, wenn wir sehen, wie ungezogen das Gegentheil ist. Und es ist so ungemein leicht, sich zu erheben, wenn man nicht gelähmt ist, und es ist so ungemein schwer, sitzen zu bleiben, wenn man gut erzogen ist! Ich war einmal in der Journalistenloge des Reichstages, als Fürst Bismarck seine Rede mit der Bitte unterbrach, sitzend weitersprechen zu dürfen, das Stehen verursache ihm so große Schmerzen. Er fürchtete, sich zu beleidigen, wenn er sich ohne triftigen Grund niedersetzte.

Das zweite Haar, welches ich im Sitzenbleiben gefunden habe, sprießte an den Tagen, an welchen ich nach Hause kam und meinem Vater die Censur übergab, aus welcher hervorging, daß ich in irgend einer unteren Klasse ein verhängnißvolles Talent zum Seßhaften verrieth. Dann hielt mein Vater eine eindringliche Rede, zu welcher er sich niedersetzte, und die. regelmäßig damit schloß, daß ich mich plötzlich horizontal, das Gesicht nach unten gekehrt, auf seinen Knieen befand, und daß ich, während er schwieg, selbst das Wort ergriff, welches Au! lautete. Hierauf wurde es mir in den nächsten Stunden ziemlich schwer, mich zu setzen, und ich nahm mir dann vor, die Züchtigung nicht auf mir sitzen zu lassen, sondern fleißiger zu werden, um nicht länger als nöthig in der bei meinem Vater so sehr unbeliebten unteren Klasse sitzen zu bleiben.

Die Sozialdemokraten, welche ja keine Freunde von Urtheilen sind, die sie zum Sitzen verdammen, haben sich in der ersten Sitzung des deutschen Reichstags nicht zu entschließen vermocht, Höflichkeit und Erziehung wenigstens zu heucheln und sich zum Hoch auf den Kaiser von ihren Plätzen zu erheben. Sie, die außer sich wären, wenn sie an irgend einer Philistertafel ein Hoch auf den Gastgeber oder die Damen ausbrächten und irgend ein Knote sitzen bliebe, wenn das entsetzliche „Hoch soll er“ oder: „Hoch soll’n sie leben“ angestimmt wird, sie fanden, daß es ein Heldenstück sei, bei dem Hoch auf den Kaiser sich nicht von ihren Sitzen zu erheben. Die übrigen Volksvertreter thaten ihnen leider den Gefallem die Ungezogenheit zu bemerken. Man darf derlei nicht bemerken, weil man einer Ungezogenheit keine Ehre anthun darf. Aber man war unvorsichtig genug, man rief „Pfui!“ und „Hinaus!“, der Präsident rügte sogar das Sitzenbleiben, und so hatte Inst« Abgeordnete Singer Gelegenheit, das Geschehene zu bemänteln, indem er zu einer politischen That erhob, was doch nichts war als ein Mangel an Erziehung und Klugheit. Mit demselben Recht hätte ich das Sitzenbleiben in der Klasse und das vor dem examinirenden Lehrer zu einer politischen Handlung, zum „Männerstolz vor Lehrerthronen“ stempeln können. Man sollte die Sozialdemolmten bei solchen Gelegenheiten mindestens mit demselben Mitleid behandeln, mit welchem man Damen behandelt, welche aus irgend einem Grunde sitzen geblieben sind.

Man sieht wohl ein, daß ich das kleinliche Gebahren der Sozialdemokraten nicht tragisch nehme, genau wie meine Leser, von denen ich nicht glaube, daß sie in dem Nichtaufstehen etwas Anderes entdecken als eine in der guten Gesellschaft unmögliche Rüpelei oder billige Form, von sich reden zu machen, ohne daß etwas der Rede Werthes gethan ist. Der gute Ton hat ja auch kein Mittel, Jemand, der sitzen oder liegen bleiben will, zum Aufstehen zu zwingen. Der berühmte Afrikareisende Peters erzählte mir einmal von schwarzen Trägern, welche auf den Märschen plötzlich die Lust am Laufen verlieren, sich auf den Boden legen und nicht aufstehen wollen. Wenn dann Zureden nichts mehr hilft, so läßt der Kommandant der Truppe das Gras rings um den schwarzen Herrn anzünden und alsbald entschließt sich dieser, sich zu erheben und den Marsch fortzusetzen. Da aber nun solche oder ähnliche Mittel in Europa und namentlich in unseren gesetzgebenden Versammlungen nicht anwendbar sind, — was würde man sagen, wenm der Herr Präsident die Plätze um die der Sozialdemokraten in Brand stecken ließe, um diese zum Aufstehen zu nöthigen? —, so sollte man die Sozialdemokraten bei vorkommenden Ungezogenheiten ruhig links sitzen lassen und sie so nöthigen, sich dem Urtheil jedes Gebildeten auszusetzen.

Viel könnten übrigens die allverehrten Gattinnen der Sozialdemokraten thun, um ihre Männer zu höflichen Mitgliedern des Reichstages zu erziehen. Daß die Sozialdemokraten meist Pantoffelhelden sind, das merke ich daran, daß diese öffentlich jede Gelegenheit ergreifen, um zu zeigen, was für Männer sie sind. Ich habe es zu oft beobachtet und beobachte es täglich, wie Männer in Abwesenheit der Frauen die Allgewaltigen spielen, von denen ich weiß, daß sie zu Hause nicht wagen, den Mund aufzuthun, einen Willen zu haben angesichts des Stirnrunzelns ihrer besseren Hälfte. Zu diesen Männern gehören in erster Linie die Männer des Zukunftstaats, welche, wenn ihre Frauen nicht dabei sind, die Wirthschaftsordnung umstürzen wollen und auf den Tribünen so schreien, daß sie ihr eigenes Wort nicht hören können. Die Frauen solcher Männer würden mit leichter Mühe ihre Gatten zu halbwegs höflichen und artigen Mitgliedern der vornehmsten Körperschaft erziehen können.

Von hundert Mitteln und Mittelchen, welche ihnen zu diesem schönen Zweck zu Gebote stehen, soll hier nur das kleinste angegeben werden, um daran zu zeigen, wie leicht die Erziehung ihrer Männer zu handhaben ist.

Die Gattin des Sozialdemokraten bleibt eines Morgens etwas länger im Bett, als sie es sonst zu verlassen pflegt. Der Mann fängt deshalb, wie der Hirsch nach dem Wasser, nach dem Kaffee zu schreien an: „Aber so stehe doch auf und sorge für das Frühstück!“

„Nein, ich stehe nicht auf, Du Weltverbesserer,“ antwortet sie entschieden.

„Aber was soll denn das heißen, Rieke,“ ruft er zurück, „es ist ja neun Uhr, so spät ist es ja noch nie gewesen.“

„Das gebe ich zu,“ sagt sie, „das stimmt auffallend, mein lieber Tribun, aber aufstehen werde ich trotzdem nicht.“

„Aber, um Himmels. willen, warum nicht? Was fällt Dir denn eigentlich ein?“

„Mir fällt eigentlich ein,“ antwortet sie, „daß es gut ist, dann und wann bei den passendsten Gelegenheiten gegen die gute Sitte zu verstoßen, damit die Ungebildeten sehen, daß man etwas Tüchtiges ist.“

Der arme Gatte wird außer sich sein, er wird seine Frau für toll und miserabel erzogen erklären, aber er wird doch dahinter kommen, daß er es genau so macht, wie sie, und er wird den Entschluß fassen, sich zu bessern. Vielleicht.

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