Räuber der Ehre (I) – Freisinnige Zeitung, 6. Mai 1892

Dieser Artikel wurde 7220 mal gelesen.

Vor zwei Jahren etwa war die europäische Presse angefüllt mit Berichten über die Unsicherheit in den Balkanländern aus Anlaß des Ueberfalls eines Eisenbahnzuges und der Fortschleppung der Reisenden zur Gelderpressung durch eine Räuberbande. Man schalt auf türkische Zustände, welche einen Hohn darstellten auf die Civilisation unseres Jahrhunderts.

Aber es giebt nicht blos ein Recht auf Eigentum und auf persönliche Freiheit. sondern auch ein Recht auf Ehre. Ein Angriff auf die Geschäftsehre kann zugleich für die Vermögensverhältnisse schwerere Folgen haben, als die Erpressung, der ein Berliner Kaufmann damals von der Räuberbande des Athanas ausgesetzt war.

Was erleben wir aber gegenwärtig in der Reichshauptstadt selbst? Zwar beherbergt dieselbe keinen Athanas, aber einen Ahlwardt, der mit seinen Spießgesellen nicht etwa im Dunkel der Nacht, sondern in großen öffentlichen Versammlungen Tag für Tag vor Tausenden von Menschen die Ehre von Beamten und Privatpersonen in der nichtswürdigsten Weise gewerbsmäßig zur Erzielung von Eintrittsgeldern in den Staub zieht durch frivole Beschuldigung des Landesverrats und der Bestechung. Auf der belebtesten Straße Berlins, auf der Friedrichstraße, werden allabendlich die Broschüren desselben Ahlwardt mit gleichen Beschuldigungen von Kolporteuren in einer jeden anständigen Menschen beleidigenden Form zum Verkauf ausgeboten.

Im Mittelalter hat man das abergläubische Volk gegen die Juden durch die wahnsinnige Beschuldigung aufzuhetzen versucht, daß dieselben darauf ausgingen, Christenkinder zu schlachten und deren Blut mit ihren Osterspeisen zu mischen. Aber nicht entfernt kommt dieser Wahnsinn doch den hirnverbrannten Beschuldigungen gleich, welche Ahlwardt in Verbindung mit seinem Anhang aus den antisemitischen Volksvereinen in seinen Reden und jetzt in die Menge schleudert „Die geheimen Obern des internationalen Judentums“, so lautet die wahnsinnige Beschuldigung, „sollen Isidor Loewe, dem persönlichen Gesellschafter der Aktienkommanditgesellschaft Ludwig Loewe, befohlen haben, Deutschland wehrlos zu machen durch die gewissenlose Ausführung einer Lieferung von 400 000 Gewehren, mit welcher die Militärverwaltung diese Fabrik betraut hatte.“ Auf diese Weise sollten die deutschen Soldaten ein Gewehr erhalten, welches im Felde seinen Dienst versagt und eine Niederlage Deutschlands im nächsten Kriege herbeiführt. Das gesamte Judentum hat davon längst gewußt und die Börsenfürsten haben darnach ihre Spekulationen eingerichtet. Aber allen anderen ist dieser ungeheuerliche Versuch verborgen geblieben, den Herr Ahlwardt „mit vieler Mühe aufgedeckt“ hat.

Im Falle eines Krieges würden viele Tausende von Juden in den Reihen der deutschen Armee mitzukämpfen und Leib und Leben zu verteidigen haben. Auch diesen Religionsgenossen giebt also das „internationale Judentum“ untaugliche Gewehre in die Hand. Hab und Gut aller Juden in Deutschland ist nicht minder wie dasjenige der Christen im Kriegsfall feindlichen Verwüstungen ausgesetzt. Aber was kümmert dies die „geheimen Oberen“! Haben dieselben doch ihre angeblichen Weisungen einer Fabrik erteilt, welche in erster Reihe sich selbst und ihren mühsam aus kleinen Anfängen heraus durch harte Arbeit von dreißig Jahren errungenen Weltruf vernichten müßte, wenn sie sich auch nur nachlässig oder sorglos zeigen sollte in der Ausführung übertragener Arbeiten. Tausenden von Personen gewährt die Fabrik in Berlin Brot und Lohn. Eine Beschuldigung daher, daß die Fabrik im eigenen Geldinteresse schlechte Ware liefert, muß deshalb selbst Herrn Ahlwardt in ihrer Dummheit zu einfach erschienen sein, um bei seinem Publikum Glauben zu finden. Es mußte deshalb noch etwas viel Dummeres, etwas so riesenhaft Dummes, wie es noch nicht dagewesen, ersonnen werden: die Wehrlosmachung Deutschlands zu Ehren des internationalen Judentums. Ob nach der Niederlage der deutschen Armee in Folge der versagenden „Judenflinten“ die obsiegenden Russen dazu ausersehen sind, in ihrer bekannten Judenfreundlichkeit, „die jüdische Weltherrschaft“ aufzurichten, überläßt Ahlwardt der Phantasie seiner Zuhörer, sich des Weiteren auszudenken.

Die Aktionäre des Geschäfts sind ebenso Christen wie Juden; der technische Leiter desselben ist ein geachteter früherer Offizier und Oberst-Leutnant a. D.; die Beamten, Aufseher und Arbeiter sind der großen Mehrzahl nach Christen. Allen diesen hat, wie Herr Ahlwardt schreibt, der ungeheure Betrug gar nicht verborgen bleiben können. Denn, wie Herr Ahlwardt schreibt, hat man „jeden Arbeiter ungescheut in dieses System von Betrügereien blicken lassen, hat diese Leute auch ohne Furcht vor einer Anzeige ohne Weiteres entlassen.“ Alle diese braven Christen waren nach Ansicht Ahlwardt’s zu feige, um den Landesverrat zu enthüllen.

Ein ganzes Offizierkorps, bestehend aus einem Major und 10 Offizieren, ist mit 40 Unteroffizieren und Büchsenmachern bestellt gewesen, um unausgesetzt die Herstellung, das Ausprobieren und die Ablieferung der Gewehre zu überwachen. Arbeiter waren dazu ihrem Kommando unterstellt. Aber was alle Schreiber und Arbeiter der Fabrik angeblich wußten, haben die Revisionsoffiziere nicht wahrzunehmen gewußt, während die Büchsenmacher bestochen waren. Endlich hat sich denn an Ahlwardt ein aus schimpflichen Gründen entlassener Schreiber der Fabrik, der schon früher wiederholt Gefängnisstrafen erlitten hat, gewandt und ihm den ganzen Plan des Landesverrats anvertraut. Ahlwardt hat sich alsdann noch weiter bei entlassenen Arbeitern umgesehen und aus dem ganzen Klatsch und Tratsch sich ein System von Behauptungen zurecht gemacht, welches seine Anschuldigungen den Schein einer thatsächlichen Unterlage geben soll.

Ahlwardt selbst hat sich so wenig über den Sachverhalt unterrichtet, daß er die Fabrik der Lieferung schlechten Materials für Läufe und Visire anklagt, ohne zu wissen, daß alles Material der Fabrik vom Staate geliefert worden ist. Ein Oberbüchsenmacher in Spandau wird der Bestechung und des Verrats beschuldigt. Es hat sich aber sofort herausgestellt, daß dieser nach Vereinbarung der Militärbehörde mit der Fabrik es übernommen hatte, gegen eine geringe Vergütung die kleinen Schäden an den Gewehren zu beseitigen, welche einzelne derselben auf dem Wagentransport von Berlin nach Spandau etwa erlitten. Plomben sollen die Beauftragten der Fabrik vor der Verladung der Gewehre abgenommen haben behufs Vertauschung von Gewehren. In Wahrheit hat es sich hierbei um Plomben gehandelt nicht zur Sicherung der Militärbehörden gegen die Fabrik, sondern zur Sicherung der Fabrik selbst und des Gewehrgeheimnisses gegen die Neugierde von Kutschern auf dem Wagentransport von Berlin nach Spandau. Gewehre sollen aus der Fabrik fortgebracht sein zum Verrat an das Ausland. In Wahrheit handelt es sich hierbei um Privatgewehre von Offizieren zu Jagdzwecken, nicht um Militärgewehre zum Kriegsgebrauche. Es lohnt nach diesen Proben um so weniger, auf weitere Einzelheiten einzugehen, als sich, wenn wirklich das eine oder das andere von den Einzelheiten in der Broschüre nachweisbar wäre, daraus nur ergeben würde, daß hier wie überall bei einem großen Betriebe trotz aller Instruktionen der Betriebsleiter und aller Aufsicht von dritter Seite Inkorrektheiten einzelner Personen vorkommen können aus Nachlässigkeit oder Bequemlichkeit für welche weder die Militärbehörden noch die Fabrik selbst eine Verantwortlichkeit trägt.

In derselben Broschüre, in welcher sich Ahlwardt auf seine drei oder vier angeblichen Zeugen stützt, klagt derselbe, er habe bei seinen Zeugenbeweisen bisher Unglück gehabt und könne auf „keine versprochene Treue, am wenigsten auf die Heiligkeit des Eides vertrauen“. Alle seine in früheren Angelegenheiten aufgerufenen Zeugen haben ihn an die Juden verraten und seine Hauptzeugen aus früheren Prozessen seien sogar „von Schlagflüssen betroffen.“ An dieser Stelle der Broschüre artet die Verleumdungssucht offenbar bis zur Unzurechnungsfähigkeit aus.

Es gehört die Ueberwindung eines sittlichen Ekels dazu, um sich soweit überhaupt mit Ahlwardt und seinen Veröffentlichungen zu befassen, einer Persönlichkeit, die sich schon in dem Prozeß Manché als Schlepper in dem verwerflichsten Ordens- und Titelschacher herausgestellt hat, wegen Verleumdung der städtischen Behörden zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt ist und der Aburteilung wegen neuer Verleumdnngen von den verschiedensten Seiten entgegensteht; den Rektortitel führt Ahlwardts noch, weil das Provinzialschulkollegium noch immer nicht die Akten aus den Gerichtsverhandlungen zurück erlangt hat, um seine Absetzung auszusprechen.

Wenn wir von unserer ursprünglichen Absicht, unsere Leser mit der Betrachtung über diese Persönlichkeit möglichst zu verschonen, abgehen, so geschieht es deshalb, weil das Verhalten großer Kreise der Bevölkerung in Berlin und außerhalb gegenüber Ahlwardt uns die Ueberzeugung beigebracht hat, daß in Folge der jetzt zwölfjährigen antisemitischen Hetzereien die Demoralisation weiter Volkskreise in Deutschland einen größeren Umfang angenommen hat, als wir bisher selbst für möglich hielten.

 

Siehe auch: Räuber der Ehre (II) – Freisinnige Zeitung, 7. Mai 1892

Dieser Beitrag wurde unter 1892, Antisemitismus, Freisinnige Zeitung, Geschichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Räuber der Ehre (I) – Freisinnige Zeitung, 6. Mai 1892

  1. Pingback: Räuber der Ehre (II) – Freisinnige Zeitung, 7. Mai 1892 | Freisinnige Zeitung

  2. Pingback: Nieder mit den Antisemiten! | Freisinnige Zeitung

Schreibe einen Kommentar