Die Türen auf!

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von Alexander Moszkowski, 1912

Die dritte Klasse der 314. Gemeindeschule ist heute schon kurz nach 7 Uhr von einer dichten Menschenmasse belagert. Um 8 Uhr ist das Auditorium im Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Durch die Zusammenrückung der Schüler auf die vorderen fünf Bänke wird so viel Raum gewonnen, daß deren Angehörige und die Vertreter der Presse höchst unbequem sitzen können.

Gemeindeschullehrer Peschke eröffnet den Unterricht mit dem Hinweis darauf, daß eine große Anzahl der bedeutendsten Schulautoritäten in Angaben, Resolutionen und Zeitungsartikeln die Offentlichkeit des Unterrichts befürwortet hätten. Dieser höchst modernen Forderung könne man sich nicht länger verschließen. Die Eltern der Schüler besäßen ein Recht auf Teilnahme an der Schul-Erziehung, und so habe man denn nach reiflicher Erwägung die klösterliche Enge der Schule durchbrochen, um Licht, Luft und Öffentlichkeit hineinzulassen.

Vor Eintritt in den Stundenplan beantragt Vater Drewes, der Erzeuger des gleichnamigen Gemeindeschülers, für heute mit der sexuellen Aufklärung zu beginnen.

Mama Kiekebusch widersetzt sich diesem Verlangen. Sie habe ihre Tochter Selma mitgebracht und halte deshalb den Kursus der sexuellen Aufklärung für unpassend. Aber gegen Geographie hätte sie nichts einzuwenden.

Schullehrer Peschke: So schätzbar uns auch die Winke sind, die uns aus dem Kreise der Zuhörerschaft zugehen, so energisch muß ich daran festhalten, daß unser eigentlicher Lehrplan durch die Anwesenheit der Verwandten keine Verschiebung erleidet. Wir haben heut als erste Stunde Naturgeschichte, Zoologie, und dabei bleibt es.

Onkel Kägebrink: Na man los!

Schullehrer Peschke: Ich ersuche zunächst den geehrten Herrn, der sich soeben zu Worte gemeldet hat . . .

Der Onkel: Kägebrink ist mein Name, der zweite Junge dort von der Ecke ist mein Neffe, und ich wollte ihn hier ein bißchen beaufsichtigen.

Schullehrer Peschke: Also ich ersuche Sie, Herr Kägebrink. die Zigarre aus dem Munde zu nehmen.

Der Onkel: Wat? hier darf man nicht rauchen? wo wir uns in ’nem öffentlichen Lokal befinden? Denken Se denn, ick bin hergekommen, um mir von ’nem Pauker unter de Fuchtel kriegen zu lassen? Ick bin dreiundvierzig Jahre und hab’n Engrosgeschäft! Kümmern Se sich um Jhre Jungens und nich um meinen Tabak!

Herr Krause senior: Abgesehen davon sollten Sie als vorsitzender Präzeptor lieber dafür sorgen, daß die hier anwesenden Damen die Hüte abnehmen. Ich sitze hier gerade hinter so’n Hurrakikeriki von Hut und kann nicht die Spur sehen, wie mein Sohn in Naturgeschichte erzogen wird.

Schullehrer Peschke: Nochmals bitte ich die Herrschaften, das zarte Pflänzchen der Öffentlichkeit zu schonen und mich nicht zu zwingen, Ihnen im Betragen eine schlechte Note zu erteilen. Wir beginnen nunmehr mit dem zoologischen Unterricht. Petzold! nenne mir einige Süßwasserfische aus unsern Gegenden.

Schüler Petzold: Schlei in Dill, Karpfen in Bier, Aal in Gelee.

Der alte Petzold: Da läuft einem ’s Wasser im Munde zusammen. Sagen Sie mal, Herr Lehrer, wo is hier de Restauratschon?

Schullehrer Peschke: Ruhe! Hier wird nur geistige Nahrung verabreicht!

Der alte Petzold: Und zu so’n traurigen Betrieb jagen Sie die Anverwandten frühmorgens um acht aus de Betten? Det hat doch unsereins nicht nötig auf nüchternen Magen. Ich werde mich über so ’ne Behandlung beim Kultusminister beschweren.

Schüler Bobski: Herr Lehrer, ich möchte mal rausgehn!

Schullehrer Peschke: Das hättest du vorher besorgen können; sitzen bleibst du!

Mutter Bobski: Na haben Se Worte, meine Herrschaften, vor so ’ne Pädagogik? Denken Se denn, Herr Lehrer, der Junge hat ’ne Blase mit ’n Zinkeinsatz? Da brauchen wir Mütter uns ja nich mehr zu wundern, wenn uns de Kinder krank nach Hause kommen. Jetzt kriegen wir ja mal ’n Einblick in de Sache, wie’s angestellt wird, daß unsern Lieblingen die Jedärme auseinanderjeplatzt werden!

Schullehrer Peschke: Zur Wahrung der Schulautorität muß ich trotz der liebevollen Erinnerung deiner Mama dich ermahnen, auf deinem Sitz bis zum Schluß der Klassenstunde auszuharren. Weiter in der Zoologie.
Karfunkel! wo kommt der Pavian vor?

Der Hintermann des Schülers (sagt vor): In Borneo, auf den Zedern.

Schüler Karfunkel (mißverstehend): Da vorne, auf dem Katheder.

Schullehrer Peschke: Diese Frechheit heischt Strafe; komme mal vor, Junge, ich werde dich überlegen.

Vater Karfunkelstein: Das werden Sie ergebenst bleiben lassen. Mein Junge ist Darwinianer und eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Pavian werden Sie doch selbst nicht bestreiten, Herr Lehrer. Ich lehne Sie also wegen Befangenheit ab.

(Trotz dieses Protestes wird die Öffentlichkeit zeitweilig ausgeschlossen, auch für die Herren Vertreter der Presse, und zwar zur sofortigen Vollstreckung einer Ungebührstrafe, die der Schüler Karfunkelstein verwirkt hat. Langsam leeren sich die Tribünen. Bis zum Druck dieses Buches war die Öffentlichkeit des Unterrichts noch nicht wieder hergestellt.)

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