Frauenstudium in Belgien

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Berliner Gerichtszeitung, 4. Februar 1890

— Frauenemanzipation in Belgien. Brüssel, 30. Januar. Die Anhänger der Frauenemanzipation haben einen wichtigen Sieg zu verzeichnen. Die belgische Kammer hat sich gestern für die Zulassung der Frauen zum medizinischen Studium ausgesprochen. Der Abgeordnete Magis stellte bei der Beratung über die medizinische Fakultät den Antrag, anstatt der vagen Bestimmung, welche den Frauen das Recht gab, „gewisse ärztliche Funktionen auszuüben etc.“, ihnen das Recht auf Ausübung der ärztlichen und der Apothekerpraxis zuzugestehen. Abg. Houzeau beantragte bei dieser Gelegenheit auch die Zulassung der Frauen zur Advokatur. Herr Woeste stellte sich beiden Anträgen sofort entgegen und hielt eine lange Rede über den wahren Beruf des Weibes als Hausmutter und Erzieherin der Jugend. Minister Vandenpeereboom schloß sich ihm alsbald an. Aber selbst ein Teil der Rechten, war für die Zulassung der Frauen zum ärztlichen Berufe, und so wurde ihnen denn die Ausübung der ärztlichen Praxis von der Kammer zuerkannt. Die Linke stimmte auch für die Zulassung der Frauen zur Advokatur, der Antrag wurde jedoch von der Mehrheit abgelehnt. Wir werden also in einiger Zeit in Belgien weibliche Ärzte haben.

Anmerkungen

In den 1890ern wurde von Seiten der Freisinnigen versucht, eine ähnliche Gesetzgebung auch in Deutschland einzuführen, was aber scheitert. Ab 1900 können Frauen dann in Baden studieren, ab 1904 in Württemberg und erst ab 1908 in Preußen. Mit Sondergenehmigungen hatten Frauen allerdings schon vorher bisweilen promovieren dürfen, die erste 1754.

Die Schweiz war hier schon lange weiter. Seit 1863 konnten sich Frauen einschreiben. 1867 promovierte Nadeschda Prokofjewna Suslowa an der Universität Zürich in Medizin und die erste Schweizerin dann 1874. Auch in anderen Ländern waren Universitäten seit langem für Frauen offen. So war die University of Iowa bereits 1855 koedukativ. Der Zugang war für Frauen frei seit 1871 in Neuseeland, 1873 in Schweden, 1875 in Dänemark, 1876 in Großbritannien, den Niederlanden und Italien, 1877 in Chile, 1879 in Brasilien, 1880 in Australien, Frankreich und Kanada, 1883 in Rumänien, 1884 in Norwegen, 1887 in Mexiko, 1888 in Serbien und 1890 in Griechenland. Deutschland stellte hier die letzte Nachhut. Immerhin durften Frauen ab 1891 mit Genehmigung Vorlesungen hören.

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