Same-Sex Marriage 1890

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Berliner Gerichtszeitung, 4. Februar 1890

— lnteressante Mitteilungen zum Fall Charlotte Vay, der Gräfin in Männerkleidern, gehen von ärztlicher Seite der Wiener „Deutschen Ztg.“ zu, und es dürften die Mitteilungen wohl geeignet sein, über jene seltsame Angelegenheit etwas helleres Licht zu verbreiten. Eheschließungen zwischen Weib und Weib blieben nicht, wie man annehmen könnte, in den Annalen der Kriminalstatistik vereinzelt dastehende Erscheinungen. So berichtet der bekannte Professor der Physiologie Paolo Mantegazza von einer Frau in London, die sich, als Mann verkleidet, schon dreimal mit verschiedenen Frauen verheiratet hatte. Von aller Welt als Weib erkannt, wurde sie endlich vor Gericht gestellt und zu sechs Wochen schweren Kerkers verurteilt. Von demselben Gelehrten wird erzählt, daß zwei Frauen 30 Jahre lang wie Mann und Weib zusammenlebten, und erst auf dem Totenbett wurde von der „Gattin“ den Umstehenden das Geheimnis enthüllt. Auch der Professor der Psychiatrie an der Niederösterreichischen Landesirrenanstalt, Richard Freiherr v. Krafft-Ebing vermeldet zahlreiche ähnliche Fälle. Ganz besonders gedeihen derartige Verhältnisse in den weiblichen Strafanstalten. Alle derartigen weiblichen Individuen empfinden vor dem andern Geschlecht einen wahren Abscheu. Ihr ganzes Empfinden, Denken, Streben, überhaupt ihr Charakter ist ganz männlich; auch in der Tracht, Kleidung und Beschäftigung giebt sich dies kund. Die höchste Freude eines solchen Weibes ist es, männliche Kleidung zu tragen. Es hat nur Neigung für männliche Beschäftigung, Spiele und Vergnügen. Seine Ideale sind weibliche Persönlichkeiten, die durch Geist, Thatkraft und Schönheit sich besonders auszeichnen; sein Interesse im Theater oder im Cirkus erregen nur weibliche Künstler, gleichwie in Kunstsammlungen nur weibliche Statuen und Bilder seinen ästhetischen Sinn erwecken. Diese seltsamen Thatsachen haben vielfach zu der ganz irrigen Anschauung geführt, daß die Betreffenden ein männliches Gehirn bei weiblicher Körperbeschaffenheit hätten. Den meisten fehlt sogar das Bewußtsein von der Krankhaftigkeit ihres Zustandes. Sie fühlen sich glücklich in ihrer Empfindung und unglücklich nur insofern, als gesellschaftliche und strafrechtliche Schranken ihnen im Wege stehen. Die Wissenschaft hat über diese eigenartige Verirrung noch nicht ihr letztes Wort gesprochen. Professor Krafft-Ebing nimmt an, daß hier eine erbliche Belastung des Nervensystems vorliege.

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