Eugen Richter in Bockenheim

Dieser Artikel wurde 2105 mal gelesen.

Neue Freie Presse, Wien, 5. Februar 1890

Wien, 4. Februar. (Zur Tagesgeschichte.) Bekanntlich ist Sonntag Abend eine in Bockenheim bei Frankfurt a. M. einberufene freisinnige Wählerversammlung, in welcher der Abgeordnete Eugen Richter sprechen wollte, angeblich aus Gründen der öffentlichen Sicherheit, kurz nach der Eröffnung aufgelöst worden. Das „höchst gefährliche Gedränge“, behauptet die „Post“, habe die Auflösung veranlaßt. Dies wird von Herrn Eugen Richter selbst in einer in der Freisinnigen Zeitung abgedruckten Darstellung der Bockenheimer Vorgänge entschieden in Abrede gestellt. Nach Richter’s Erklärungen wurde er mit seiner Begleitung aus dem Vorstande des Freisinnigen Vereins sofort beim Eintritte in das Versammlungslocal von einer Anzahl Schutzleute barsch und herrisch zurückgehalten. Der Eintritt könne zunächst noch nicht gestattet werden. Es kam dann Nachricht, daß der Polizei-Wachtmeister Zöller die Versammlung sofort für aufgelöst erklärt hätte, als der Vorsitzende des Vereins dieselbe für eröffnet erklärte. Die Auflösung geschah unter Berufung auf „die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit“. Das Local soll nach Ansicht der Polizei überfüllt gewesen sein. Diese „Ueberfüllung aber hatte die Polizei vorher selbst zugelassen. Die versammelte Menge hatte zur Gewinnung des Mittelganges, den die Polizei in der Breite von zwei Metern verlangte, alle Stühle und Tische aus dem Saale herausbefördert. So hätte Richter ohne jegliches Gedränge bis vor die Rednerbühne gelangen können. Im allgemeinen Wirthslocal des Gasthofes wurde später Richter von einer Anzahl Gäste ein Hoch gebracht. Sofort erschien Wachtmeister Zöller mit einer Anzahl Schutzleute und erklärte in heftiger, herrischer Weise, daß jedes Hochrufen als Fortsetzung der aufgelösten Versammlung verboten sei. Er cernirte die Tische durch eine Kette von Schutzleuten mit der Weisung, jeden Hochrufer sofort zu sistiren. Auch dürfe im Wirthslocal sich Niemand stehend aufhalten. Ein Mitglied des Vorstandes wurde aufgefordert, sich entweder zu setzen oder das Local zu verlassen. Als dieser Herr bemerkte, daß er sich doch zuvor einen Stuhl suchen müsse, faßte ihn der Schutzmann beim Kragen und warf ihn gewaltsam zur Thür hinaus. Draußen verwehrte die Polizei allen Bockenheimern den Einlaß, nur Auswärtige dürften eintreten. Es waren vierzehn Schutzleute aufgeboten worden.

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter 1890, Bürgerliche Freiheit, Deutsch-Freisinnige Partei, Eugen Richter, Freisinnige Zeitung, Geschichte, Polizei, Verbote, Wahlen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar