Eugen Richter und Rudolf Virchow in Berlin

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Neue Freie Presse, Wien, 7. Februar 1890

Berlin, 7. Februar. Im Tivolisaale sprachen gestern Richter und Virchow vor einer ungewöhnlich großen Massenversammlung der Wähler des zweiten Berliner Wahlkreises, wo die Social-Demokraten dem Abgeordneten Virchow den geistesschwachen polnischen Buchbinder Janiszewski entgegenstellen. Nachdem Richter die eine Störung versuchenden Social-Demokraten energisch zur Ruhe verwiesen hatte, trat er nach einer sarkastischen Kritik des Cartellreichstages, dessen zuletzt sehr schwacher Besuch den Präsidenten v. Levetzow zu dem Ausspruche veranlaßte: „Ich bin es müde, über Bummler zu herrschen,“ gründlich und scharf den social-demokratischen Lehren entgegen. Ein socialistisches Flugblatt dieses Wahlkreises habe sich an die kleinen selbstständigen Kaufleute gewendet. Im socialistischen Staate gebe es aber weder große noch kleine Kaufleute und überhaupt keine selbstständigen Existenzen. Die Socialisten versprächen dem Arbeiter den ganzen Ertrag seiner Arbeit. Woher, fragt Richter, kommen denn dann die Arbeits-Instrumente? (Rufe: „Die sind ja da!“) Nein, fuhr Richter fort, sie sind da für die gegenwärtige Gesellschaft, nicht für die kommende; denn die Bevölkerung vermehrt sich um Ein Percent jährlich. Ferner seien dem Großbetriebe Grenzen gezogen bezüglich seiner Productivität, der Ertrag würde geringer, und dieser Verlust sei obendrein erkauft mit dem Verluste der wirthschaftlichen und politischen Freiheit. (Beifall.) Lächerlich sei es, einen Mann wie Virchow, der zeitlebens ohne den Maximal-Arbeitstag für die Wissenschaft und die Politik gearbeitet habe, als Vertreter des Kapitals hinzustellen. Die berechtigten Interessen der Arbeiter hätten die Freisinnigen immer gefördert; deßhalb hätten sie sich auch der neuen kaiserlichen Erlässe zu freuen; in ihnen stehe nichts, was die Freisinnigen nicht grundsätzlich anerkennen und vertreten könnten. Die Erlässe seien eine Huldigung für den Parlamentarismus gegen den Ministerialismus, doch sei nicht byzantinischer Trubel am Platze; die Reform sei erst angekündigt, die Ausführung sei das beiweitem Schwierigere. Die bisherigen Ansichten des Kanzlers seien zurückgestellt, das Invaliditäts-Gesetz gebe zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben, es nehme viel mehr, als es gebe. Für die Arbeiter sei wichtig die Verkürzung der Dienstzeit, die Bekämpfung der Verbrauchssteuern. Die Social-Demokraten sollten mit den Freisinnigen den gemeinsamen Gegner, das Junkerthum bekämpfen. Die Wahlen würden noch über etwas mehr, als über das Socialisten-Gesetz entscheiden. Wer wisse, mit welchen leitenden Staatsmännern man es noch im Laufe der nächsten Legislatur-Periode zu thun bekomme? Puttkamer lebe ja noch, der sage, es gebe auch eine Dynastie ohne Parlament. Gewiß, in Rußland gebe es eine absolute Dynastie (stürmischer Beifall), aber fragt mich nur nicht wie. (Erneuter Beifall.) Wir fragen nicht nach dem kommenden Mann, sondern nach dem kommenden Volke, nicht wie regiert werden wird, sondern wie regiert werden soll. Der Wahlkreis schulde sich und der liberalen Sache die Wiederwahl Virchow’s. (Minutenlanger Beifall.) Virchow sagte: „Wenn Sie mich wiederwählen wollen, so thun Sie es nicht mir zum Dank, sondern weil Sie mir zutrauen, daß ich noch im nächsten Reichstage etwas wirken kann für die Vertheidigung der Volksfreiheit. Die Voraussetzung einer jeden Social-Reform ist die von uns immer verfochtene Unabhängigkeit des Staatsbürgers.“ Auch Virchow setzte sich mit der Social-Demokratie auseinander und erinnerte daran, daß die Liberalen den Arbeitern das Coalitionsrecht geschaffen haben. Er schloß mit der Aufforderung zum Festhalten an dem klaren und bündigen freisinnigen Programm.

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