Georg von Vollmar in München

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Neue Freie Presse, Wien, 7. Februar 1890

München, 7. Februar. In einer social-demokratischen Wählerversammlung begrüßte gestern Vollmar die kaiserlichen Erlässe, sprach jedoch sein Bedauern darüber aus, daß dieselben lediglich einen privaten Charakter haben, weil die ministerielle Gegenzeichnung fehle. Der Kaiser documentire durch die Erlässe die Berechtigung der socialistischen Forderungen, was für die Social-Demokratie von unschätzbarem Werte sei. Die Arbeiter-Partei sei vorerst befriedigt, werde aber die Durchführung der Erlässe peinlichst überwachen, und deßhalb sei die Entsendung möglichst vieler social-demokratischer Abgeordneten in den Reichstag nöthig.

Hintergrund

Mit den Februarerlassen von Kaiser Wilhelm II. wird klar, wie zerrüttet das Verhältnis zwischen ihm und Kanzler Bismarck mittlerweile ist. Dieser zeichnet die Erlasse nicht gegen, sodaß sie als private Äußerung des Kaisers dastehen.

Georg von Vollmar positioniert sich hier recht schnell. Noch ist das Sozialistengesetz in Kraft (bis Herbst 1890), auch wenn seine weitere Verlängerung gerade im Reichstag gescheitert ist. Vollmar ist zu einer Mitarbeit im Rahmen der bestehenden Ordnung bereit und hat auch grundsätzlich nichts gegen eine Kooperation mit den „bürgerlichen“ Parteien einzuwenden — naheliegend wäre hier etwa die Freisinnige Partei mit einem außer auf wirtschaftlichem Gebiet durchaus ähnlichen demokratischen Programm. Seine Einstellung bringt Vollmar in der Formulierung zum Ausdruck: „Dem guten Willen die offene Hand, dem schlechten die Faust!“

1891 wird Vollmar dann in seinen Reden im Münchner Lokal „El Dorado“ eine reformistische Ausrichtung gegenüber der Parteileitung der SPD vertreten, was sich mit den hier geschilderten Aussagen bereits andeutet. Allerdings wird sich die weiter auf Revolution, wenigstens den Worten nach, erpichte Linie Bebels durchsetzen. Später wird Vollmar dann die Revisionisten in der Partei unterstützen (die übrigens interessanterweise auch von Eugen Richter wohlwollend betrachtet werden). Wieder setzt sich Bebel erfolgreich durch.

Es wird den Freisinnigen und insbesondere Eugen Richter oft vorgehalten, daß sie sich nicht als Fußtruppen für die Sozialdemokraten bereitgestellt hätten. Eine Zusammenarbeit war aber mit der Fundamentalopposition der SPD nicht vereinbar, deren Ziel weiter der Aufbau des Sozialismus blieb, während sie sich auch auf ihre demokratischen Wurzeln hätten besinnen können.

Aus unserer Sicht verhält es sich hier genau umgekehrt: In der SPD gab es durchaus Ansatzpunkte, das schädliche Programm zu überwinden. Hätte man dies geschafft, so wäre es eine breite Front auf der Linken möglich gewesen, die einiges hätte durchsetzen können. Im marxistischen Jargon würde man das Verhalten der SPD wohl als „objektiv reaktionär“ bezeichnen.

Siehe auch:

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