Rickert in Magdeburg

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Neue Freie Presse, 12. Februar 1890

Nach Berliner Meldungen besteht die Absicht, den neuen, am 20. d. zu wählenden deutschen Reichstag in einigen Wochen für eine Frühjahrssession einzuberufen. Man hält es für wahrscheinlich, daß dem Reichstage neue Vorschläge zur Regelung der Socialisten-Frage vorgelegt werden dürften. — Zur Wahlbewegung ist eine zu Magdeburg in einer freisinnigen Wählerversammlung vor 3000 Köpfen gehaltene Rede Rickert’s von Interesse. Wie Richter an vielen Orten und Hänel in Kiel so hat nunmehr Rickert die kaiserlichen Erlasse mit größter Befriedigung begrüßt. Die Freisinnige Partei, betonte er, acceptire die Ziele, welche die Erlässe ins Auge faßten, und lege besonderen Werth auf die Herbeiführung einer internationalen Verständigung zur Besserung der Lage der arbeitenden Classen. Sie. hoffe, daß, wenn erst auf dem Boden der Social-Politik eine Verständigung der Nationen zu Stande komme, damit auch der Weg geöffnet werde, mittelst internationaler Verträge die Zoll- und Handelsspolitik des Reiches zu reformiren und den freien Verkehr zwischen den Völkern, der jetzt durch die chinesische Mauer der Schutzzölle abgesperrt werde, wieder zu eröffnen. Aus einem Artikel der Freisinnigen Zeitung: „Gegen die Socialisten“, welcher den Standpunkt der Freisinnigen Partei den Socialisten gegenüber mit knapper Schärfe und Klarheit kennzeichnet, sei nachstehende Stelle herausgehoben:

Die Freisinnige Partei verspricht zwar den Arbeitern keine goldenen Berge durch Staatshilfe, weil sie weiß, daß der Staat nichts hat wie dasjenige, was er vorher der Gesammtheit der Bürger in Gestalt von Steuern abgenommen. Aber die Freisinnigen richten ihre ganze Kraft zunächst darauf: die Minderwohlhabenden zu schützen gegen eine ungerechte Vertheilung der Staatslasten. Nicht für Kapitalisten und Reiche, sondern gerade im Interesse der unteren Classen bekämpfen die Freisinnigen auf das entschiedenste die Vermehrung der indirecten Steuern, die Erhöhung der Zölle und jegliche Vertheuerung der nothwendigen Lebensmittel durch Staatseinrichtungen.

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