Winke für Touristen

Dieser Artikel wurde 6387 mal gelesen.

von Alexander Moszkowski, 1912

Wer reisen will,
Mach‘ kein Gebrüll,
Nehm‘ nicht viel mit,
Bezahle nit.
Zieh‘ seine Straß‘,
Pump‘ keinem was.
Und pumpe als gewiegter Mann
Beim Reisen lieber andre an!

Die beste Zeit zu einer Gebirgsreise ist der hohe Sommer, da um diese Zeit die Juli-Coupons eingelöst werden. Auch sind dann die Gasthöfe am überfülltesten, die Wirte am unzugänglichsten, der Aufenthalt im Freien also am geratensten.

Einen genauen vor Antritt der Reise zu entwerfenden Reiseplan erhält man, indem man mit einer starken Nadel in das Reisekursbuch hineinsticht. Die getroffenen Ortschaften sollte man unter allen Umständen auf der Wanderung berühren. Die Koffer sende man mit der Post voraus und verliere den Empfangsschein; auf diese Weise wird der Fußwanderer ganz unabhängig von den lästigen Gepäckscherereien.

Ausrüstung. Schwarzer Zylinder mit Gemsbart und Spielhahnfeder, wasserdichter Smoking, dickes Portemonnaie mit Schlangenhaut. Für Damen: Dekolletierter Lodenanzug mit Schleppe, nagelneue Schuhe, die über dem Spann drücken, am Absatz scheuern, das Klettern über Felsen unmöglich machen und dadurch das menschliche Dasein verlängern. Zu größeren Steilwanderungen gehört ein erfahrener älterer Herr, der einem davon abrät, und ein Notar, der das Testament aufsetzt.

In der Eisregion. Wo es im Hotel Gefrorenes gibt, tut ein Eispickel gute Dienste. Zur Orientierung hilft ein Kompaß: er zeigt selbst im dicksten Nebel die Richtung, in der Berlin oder Breslau liegt. Für diejenigen Reisenden, die gar nichts sehen wollen, empfiehlt sich das Anlegen der Schneebrille. Ist man mit der Beköstigung unzufrieden, so schnallt man sich Steigeisen an und zerkratzt damit den Hotels das Parkett.

Wanderregeln. Man beginne mit ganz kleinen Touren und lasse sie täglich kleiner werden. Erste Regel ist, morgens zeitig den Kaffee im Bette zu nehmen. Alsdann Ruhepause von 2 — 3 Stunden auf dem noch nicht übermüdeten Ohre. Auf diese Weise erhält man sich die Spannkraft für den ganzen Tag und wird noch am späten Abend ungeschwächt mit den Kellnerinnen poussieren können.

Wetter. Wer eine größere Partie vor hat, befrage den Wirt wegen des Wetters und glaube ihm nicht eine Silbe. Wer dies unterläßt, ist allen Unbilden der schönen Jahreszeit ausgesetzt. Zeichen schlechten Wetters ist, wenn es abends finster wird und der Wind aus einer der vier Himmelsrichtungen bläst. Bergaufwärtsweiden des Viehes bedeutet, daß das Vieh Hunger hat. Zirruswolken, Fallen des Barometers, Steigen des Barometers, Staub und Staublosigkeit sind gleichfalls Regenverkünder. Gutes Wetter tritt ein, wenn der Urlaub um ist und man wieder nach Berlin zurückfährt.

Zur Heilkunde. Gegen Sonnenbrand und Aufspringen der Haut schützt am besten ein längerer Aufenthalt in einem kühlen Bierkeller. Auch Lanolinsalbe, alle Stunde einen Teelöffel in Sherry Cobler genommen, kann empfohlen werden. Wunde Füße werden am vorteilhaftesten mit warmem Branntwein eingerieben und dann amputiert.

Alpines Notsignal. Das vom D. und Ö. Alpenverein eingeführte Notsignal für Hochtouristen, die sich in Not befinden und der Hilfe bedürfen, besteht wesentlich im folgenden: Der Tourist lasse zunächst in kleinen Abständen je sechs Raketen steigen und setze einen Scheinwerfer in Tätigkeit. Wird das unten im Tale noch nicht bemerkt, so löse er 101 Kanonenschüsse. Dies wird den Talbewohnern zweifellos auffallen.

Bei Libera Media sind diese Bücher von Alexander Moszkowski neu aufgelegt worden (erhältlich über Amazon, einfach auf das Bild klicken). Eine ausführliche Einleitung und zahlreiche Fußnoten zu Personen, Sachverhalten und ungewöhnlichen Wörtern helfen dem heutigen Leser beim Verständnis:

MZ klein 4    Moszkowski%20Kunst%201a%20klein

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter 1912, Alexander Moszkowski, Satire, Sport veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Winke für Touristen

  1. Pingback: Reisenews

Schreibe einen Kommentar