Zwei Niederlagen für Rußland

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Neue Freie Presse, Wien, 14. Februar 1890

Man mag gegenwärtig in Petersburg über die Wahrheit des alten Sprichwortes nachdenken, daß ein Unglück selten allein kommt. Kaum ist in Bulgarien die Verschwörung des Majors Panitza entdeckt worden, durch welche Herr Hitrowo so schwer bloßgesteilt erscheint, daß er sich nach ider russischen Hauptstadt verfügen muß, um dort persönlich Bericht zu erstatten — und schon hat die russische Politik auf der Balkan-Halbinsel eine zweite Schlappe erlitten. Mit sechsundachtzig gegen siebenundsechzig Stimmen ist in der gestrigen Sitzung der rumänischen Kammer der Antrag, den früheren Minister Joan Bratiano in Anklagestand zu versetzen, abgelehnt und dadurch abermals eine russische Intrigue vereitelt worden. Man erinnert sich, daß Joan Bratiano einst der eifrigste Verfechter der Freundschaft Rumäniens für Rußland war. Er änderte seine Anschauung und die auswärtige Politik seines Landes, als dieses unabhängig geworden war und er zu der Erkenntniß kam, daß der größte, ja der einzige Feind der jungen rumänischen Selbstständigkeit Rußland sei. Das war sein Verbrechen und dafür sollte er büßen. Die Anklage wider ihn und seine Collegen im Ministerium ward von Herrn Hitrowo als eine patriotische That bezeichnet, von den Parteigängern Rußlands unterstützt. Der Mann, welcher sich unterstanden hatte, Rumünien und Rußland loszureißen, sollte moralisch vernichtet, für immer gebrandmarkt werden. Der Plan schlug fehl — ein Fiasko in Sophia folgt das Fiasco in Bukarest.

Die Idee, Bratiano vor Gericht zu schleppen, tauchte auf. Ihr eifrigster Beförderer war der Abgeordnete Blahremberg, einer der argsten Fanatiker unter den rumänischen Russenfreunden. Der Widerstand der Regierung verhinderte die Verwirklichung. Auch als der unerbittliche Blahremberg im Herbst 1888 die neugewählte Kammer mit einem förmlichen Antrag überraschte, die Anklage gegen Bratiano zu erheben, scheiterte der Versuch an dem Widerstand des Ministeriums CarpRosetti. Allein ein anderer Volksvertreter, Herr Isvoreanu, bemächtigte sich des Antrages, brachte ihn nochmals in etwas abgeschwächter Form ein, und nun gelang der Anschlag: die Kammer stimmte der Einsetzung eines Untersuchungs-Ausschusses zu. Er wurde aus den schlimmsten Feinden Bratiano’s zusammengestellt und begann mit dem Eifer des Hasses seine Arbeit, die König Karl ausdrücklich als unpatriotisch bezeichnet haben soll. Als die gesetzliche Frist, binnen welcher der Ausschuß Bericht zu erstatten hatte, verstrichen war, mußte er einen Aufschub begehren, weil zu wenig belastendes Material beisammen war, und mit Mühe und Noth brachte er endlich am 29. Januar seinen Bericht zur Verlesung, welcher in dem Antrag gipfelte, Joan Bratiano sowie seine Amtsgenossen Sturdza, E. Statescu, Aurelianu und Radu Mihai anzuklagen, daß sie ihre verfassungsmäßigen Befugnisse überschritten und den Staatsschatz benachtheiligt hätten.

Fünf Sitzungen der Kammer wurden beinahe ganz von dem endlosen Redebandwurm ausgefüllt, durch welchen Blahremberg den Antrag begründete. Was da alles für Dinge vorkamen, ist schier unglaublich. Ein Sündenregister, weit länger als das Verzeichniß der Schönen Don Juan’s, ward vor der Kammer aufgerollt. Es fehlte nur, daß Bratiano auch für Mißwachs und Hagelschlag verantwortlich gemacht worden wäre. Seine Schuld ist es nach Blarhemberg’s Behauptung, daß im letzten Kriege gegen die Türkei die von Broadwell gelieferten Granaten zu früh platzten und die eigenen Leute tödteten. Bei den Getreide-Lieferungen des Generals Pilat und den Specklieferungen der Frau Strat sei der Staat schmählich betrogen worden. Die Befestigungsarbeiten bei Bukarest habe man begonnen, bevor die Kammer ihre Zustimmunge ertheilt hätte. Eine Gewehrlieferung sei einer erst in Errichtung begriffenen Fabrik zugewendet worden, statt einer schon bestehenden, die um fünf Francs für das Stück weniger verlangt hätte. Durch die einfache Randbemerkung habe Bratiano dem Obsteren Alcaj eine Tuchlieferung zugewendet, und so weiter ohne Grazie. Da uns erst die Berichte über drei von den fünf Sitzungen vorliegen, so können wir nicht wissen, welche Schandthaten Herrn Blahremberg dem gestürzten Minister außerdem vorgeworfen hat. So viel wir von seiner Rede übersehen, enthielt sie nirgends auch nur den kleinsten Beweis für die Anklagen, sondern der Vertreter der Moral sagte immer nur: „Es ist zu vermuthen, daß Herr Bratiano bei dieser Gelegenheit etwas in die Tasche steckte.“ Auch war die Anklage selbst nicht auf unerlaubten Gewinn, Bestechlichkeit oder Betrug, sondern nur auf Uebertretung des Verantwortlichkeits-Gesetzes gerichtet. Außerdem kamen in dem Ausschußberichte arge Verstöße gegen die Wahrheit vor. Einer der stärksten ist der Vorwurf gegen Sturdza, er habe die Einziehung der Silber-Rubel, welche nach dem Kriege in Rumänien im Umlaufe waren, blos deßhalb angeordnet, um den Actionären der Nationalbank einen Gewinn zuzuwenden. Zu der Zeit, da diese Verfügung Sturdza’s erschien, existirte aber die rumänische Nationalbank noch nicht.

Es ist nicht unsere Aufgabe, den Minister reinzuwaschen. Aber wenn wir erwägen, daß weder in dem Abschlußberichte selbst, den Carp offen und derb eine Schmach vor dem In- und Auslande nannte, noch in dem bis jetzt bekannt gewordenen Theile der Rede Blahremberg’s auch nur eine einzige Beschuldigung durch Thatsachen begründet ward, so sind wir zu dem Glauben geneigt, daß der Versucht, Bratiano vor die Richter zu stellen, nicht der Tugend der Ankläger, sondern einzig dem politischen Hasse entsprang. Außer Bratiano’s persönlichen Feinden ist Niemand ernstlich für den Ausschußbericht eingetreten. Die Regierung verhielt sich vollkommen passiv, nur richtete der Minister-Präsident General Mann die nicht unpassende Bitte an die Kammer, sie möge vorsichtig urtheilen, damit man ihr nicht nachsage, sie habe ihre Leidenschaft und Rachelust befriedigen wollen. Die Kammer entsprach dieser Mahnung; Bratiano wird nicht angeklagt werden, die wider ihn geschmiedete Waffe ist in den Händen seiner Gegner zerbrochen.

Die Niederlage, welche sie erlitten haben, trifft Rußland. Wer noch den leisesten Zweifel daran hegen konnte, von welcher Seite die Anklage wider ihn ausging, den belehrt ein Artikel der Moskauer Zeitung, der gerade noch rechtzeitig erschien, um von den rumänischen Volksvertretern vor der gestrigen Sitzung gelesen zu werden. Darin wird erklärt, es handle sich nicht sowol um die Verurtheilung Bratiano’s, als um die seiner Politik. Nicht er werde vor Gericht stehen, sondern die Friedensliga, in deren Arme er Rumänien geführt. Nicht das rumänische Volk, das Eines Glaubens mit Rußland und ihm dankbar sei, habe Rumänien an die Seite Deutschlands und Oesterreichs gebracht, sondern das „hohenzollern’sche Fürstlein“, dem man die Mission übertragen habe, alles Land an den Ufern der unteren Donau zu — germanisiren. Der Beschluß der rumänischen Kammer werde entscheiden, ob das gute Recht oder die deutsche Gewalt in Rumänien mehr gelte; ob das Land ein unabhängiges Königreich oder „eine Satrapie der Despoten der Friedensliga“ sei. Deutlicher kann der russische Standpunkt nicht dargelegt werden. Man sieht, wenn man diesen offenherzigen Erguß der Moskauer Zeitung liest, förmlich hinein in das Gewirr der geheimen Fäden, welche die russische Politik über die Balkan-Halbinsel ausspannt. Man begreift, warum Herr Hitrowo in allen ihm zur Verfügung stehenden Organen verkünden ließ, Bratiano werde der verdienten Strafe nicht entgehen; warum die Anhänger Rußlands, und sie fast allein, Bratiano um jeden Preis zu verderben trachteten. So wichtig und politisch bedeutsam der gestrige Kammerbeschluß für Rumänien war — er gewinnt einen heitern Hintergrund durch die enttäuschten Gesichter, die es auf der russischen Gesandtschaft in Bukarest und wol auch an den Ufern der Newa gegeben haben mag. Major Panitza im Kerker und Bratiano gerechtfertigt — es ist zu viel auf einmal!

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