Räuber der Ehre (II) – Freisinnige Zeitung, 7. Mai 1892

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[Fortsetzung von „Räuber der Ehre (I), Freisinnige Zeitung, 6. Mai 1892“.]

Man begreift psychologisch nicht, wie die Verirrung einzelner Menschen so weit gehen kann, Räuber und Spitzbuben von lasterhaftem Lebenswandel, welche mit besonderer Frechheit und Dreistigkeit Uebelthaten aller Art verüben, in einem romantischen Lichte zu betrachten. Was will aber dergleichen besagen gegenüber den traurigen Gesellen, welche einen Ahlwardt in öffentlichen Versammlungen Berlins bei Ausübung seines Verleumdungsgewerbes bejubeln, durch Erheben von den Plätzen ehren oder gar mit dem Lorbeerkranz bedecken. Man wundert sich, daß die türkischen Behörden, welche auch über viele Polizeimannschaften und Soldaten verfügen, dem Brigantenunwesen in dem Balkan noch nicht den Garaus und selbst Athanas noch nicht dingfest zu machen im Stande gewesen sind. Man thut den Türken hierin Unrecht. Solche Räuberbauden würden ihr verbrecherisches Treiben nicht fortsetzen können, wenn sie nicht zahlreiche Helfershelfer in weiten Kreisen der Bevölkerung in Stadt und Land besäßen. So ist es auch mit Ahlwardt. Die antisemitischen Vereine zunächst stellen ihm eine Leibgarde. Aber darüber hinaus giebt es viele Personen, welche sich zwar schämen würden, Ahlwardt unter den Linden zu grüßen, und öffentlich an verantwortlicher Stelle gleich den Kreuzzeitungsredakteuren erklären, daß ihnen Ahlwardt’s Persönlichkeit „nicht sympathisch“ sei, aber in der That und Wahrheit eine so wohlwollende Neutralität gegenüber diesem Ehrenräuber beobachten, die sich von einer positiven Förderung seines Treibens thatsächlich nicht unterscheidet. In diese Kategorie fallen auch alle jene konservativen und „unparteiischen“ Blätter, welche sich bemühen, für das Treiben eines Ahlwardt, in der Art wie sie über seine Versammlungen und Broschüren berichten, Reklame zu machen.

Wie hart hat man beurteilt die Teilnehmer an den Straßenexcessen während des März in Berlin! Aber es giebt auch in höheren Kreisen Persönlichkeiten, welche zwar keine Ballonmützen, sondern feine Cylinderhüte tragen und doch sittlich um kein Haar breit besser sind als jene Excedenten. Wie bei den Straßenexcessen viele Personen, ohne selbst zu den Anstiftern zu zählen, aus Neugierde oder aus Uebermut sich bei Aufläufen beteiligten und dieselben dadurch erst gefährlich vergrößerten, so fehlt es auch in den Versammlungen Ahlwardts nicht an Persönlichkeiten, welche glauben, sich an solcher Judenhetze gemeinster Art, wie an einem noch dazu für sie ungefährlichen Tagessport beteiligen zu dürfen.

Solche Zustände aber, wie sie sich jetzt hier abspielen, sind ein Schimpf und eine Schande für Berlin. Wir appelliren hier nicht an Polizei und Gerichte. Ueber deren Verhalten behalten wir uns späterhin eine besondere Erörterung vor. Wir appelliren zunächst an alle anständigen Bürger von Berlin, diesem Unfug, soweit es jeder Einzelne in seinem Bereich vermag, ein Ziel zu setzen. Es gilt einfach Notwehr gegen sittliche Gemeinheit zu üben. Anständige Bürger meiden überhaupt solche Lokale, in welchen sonst übelberüchtigte Frauenzimmer ihrem Gewerbe nachgehen. Man sollte ebenso seitens aller Komitees und Vereine die Besitzer öffentlicher Lokale in Acht und Bann thun, welche im Interesse des größeren Bierabsatzes ihre Räumlichkeiten dem Verleumdungsgewerbe Ahlwardts zur Verfügung stellen. Man sollte keine öffentlichen Lokale besuchen, in denen Schandblätter, welche wie die „Staatsbürgerzeitung“ die Verleumdungen Ahlwardts weiter verbreiten, ausliegen. Man sollte Buchhändlern und Kolporteuren alle und jede Beziehungen abbrechen, welche solche Schandschriften verbreiten.

Wir appelliren aber auch an die Militärbehörde. Der einfachste Arbeiter ist berechtigt, von seinem Auftraggeber ein Zeugnis zu verlangen über seine Führung, seine Redlichkeit und seine Treue. Die Militärverwaltnng hat, wie wir erfahren, der Firma Loewe ihren besonderen Dank ausgesprochen für die sorgsame Art, wie sie das Geheimnis des neuen Gewehrs in ihrer Fabrik vor den Spähern des Auslandes zu behüten gewußt hat. Die überwachende Kommission von Offizieren hat sich nach Beendigung der Waffenlieferung von den Geschäftsinhabern unter Bekundung ihrer vollen Zufriedenheit verabschiedet. Bei einem Besuch, welchen unlängst das Offizierkorps der Militärschießschule der Loewe’schen Fabrik abstattete, bezeugte der Kommandeur, daß bei den Truppenteilen sich gerade die in der Loewe’schen Fabrik hergestellten neuen Gewehre einer großen Beliebtheit erfreuen.

Aber Alles dies sind doch nur Kundgebungen, deren Notorietät nicht über den kleinen Kreis der Beteiligten hinausreicht. Unseres Erachtens ist der Kriegsminister verpflichtet zu einer öffentlichen Ehrenerklärung gegenüber der in ihrer Geschäftsehre verleumdeten Firma, ohne deren Vertragstreue und Eifer Deutschland heute nicht so gerüstet dastehen würde, wie es thatsächlich der Fall ist. Es kann nicht darauf ankommen, ob die Fabrik selbst um eine solche Erklärung nachsucht, und ebenso wenig sollte eine solches Erklärung bis dahin verzögert werden, bis über diese oder jene angebliche Inkorrektheit eines einzelnen Büchsenmachers oder Aufsehers die Untersuchungsakten geschlossen sind. Ueber den Gesamtcharakter der Ahlwardt’schen Broschüre kann bei der Militärverwaltung nicht der mindeste Zweifel obwalten.

Eine solche öffentliche Erklärung ist die Militärverwaltung aber vor allem sich selbst schuldig. Wenn auch nur der zehnte Teil wahr wäre von den Beschuldigungen, zu welchen die Ahlwardt’schen Behauptungen sich zuspitzen, so würde damit der Militärverwaltung ein Unfähigkeitszeugnis ausgestellt sein inbezug auf die Auswahl und die Ueberwachung der Waffenlieferanten, welches den Wunsch hervorrufen müßte, einen sofortigen Wechsel in dem gesamten beteiligten Personal des Kriegsministeriums herbeizuführen.

Die Militärverwaltung ist ein öffentliches Hervortreten aber auch der Armee selber schuldig. Die Ahlwardt’sche Broschüre ist ja in der raffinirtesten Weise darauf zugespitzt, den Soldaten Mißtrauen einzuflößen in die Waffe, welche ihnen in die Hand gegeben wird, das Ausland zu provoziren zu einem Krieg im Vertrauen auf die Ausrüstung der deutschen Armee mit untauglichen Waffen. Nur die Unsicherheit der Frage, wer das beste Gewehr hat, so äußerte vor Kurzem Fürst Bismarck, sichert den Fortbestand des europäischen Friedens. Wenn in dieser Behauptung auch nur ein Körnlein Wahrheit enthalten ist, so hat die Militärverwaltung die Pflicht, auch an ihrem Teil dazu beizutragen, dem öffentlichen Skandal, welchen das fortgesetzte Treiben Ahlwardts hervorruft, ein Ende zu bereiten.

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