Die Antisemiten im österreichischen Abgeordnetenhaus

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Neue Freie Presse, Wien, 15. Februar 1890

Im Jahre 1830, als die Juden-Emancipations-Bill zum erstenmal auf der Tagesordnung des englischen Parlaments stand, machte einer der Redner für die Bill, Sir James Macintosh, die Bemerkung, die Stärke der Sache der Juden bringe einen wesentlichen Nachtheil für ihre Fürsprecher mit sich, denn es sei kaum möglich, eine Rede für sie zu halten, ohne die Zuhörer durch die Wiederholung von Wahrheiten zu ermüden, welche allgemein zugegeben werden. Auch manche der späteren Redner, unter ihnen Macaulay, der berühmte Essayist, gaben ähnlichen Empfindungen Ausdruck. Welches Gefühl muß da den gebildeten und patriotischen Oesterreicher erfüllen, wenn er auf die viertägige Debatte zurückblickt, welche sechzig Jahre später unser Abgeordnetenhaus über die nämlichen, schon damals von den besten Köpfen als unbestreitbar angesehenen Wahrheiten geführt hat! Es ist manches gute Wort in dieser Debatte gefallen, es sind sogar ganz hervorragende Reden über die sogenannte Judenfrage gehalten worden; aber daß sie gehalten werden mußten, daß es hundert Jahre nach der Erklärung der Menschenrechte und dreiundzwanzig Jahre nach der Verkündigung des Staatsgrundgesetzes über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger eine solche Frage noch gibt, daß sich Abgeordnete im Reichsrathe finden, die es nicht blos nicht ermüdet, allgemein anerkannte Wahrheiten nochmals beweisen zu hören, sondern hundertmal widerlegte Unwahrheiten neuerdings vorzubringen, das mäßigt sehr stark die Befriedigung über diese Debatte und läßt den Stolz auf die entfalteten Rednertalente nicht aufkommen.

Ueber das Gesetz, betreffend die äußeren Rechtsverhältnisse der jüdischen Religions-Gemeinschaft, welches, man kann nicht einmal sagen den Anlaß, sondern nur den Vorwand für die an Aufregung und Zwischenfällen reiche Antisemiten-Debatte bot, wäre wahrlich kein Wort zu verlieren gewesen. Würde das jüdische Bekenntniß noch nicht zu den vom Staate anerkannten Confessionen gehören, und hätte es sich darum gehandelt, diesem Bekenntniß durch das Gesetz die staatliche Anerkennung zu gewähren, dann wäre die Opposition der Antisemiten allenfalls noch begreiflich gewesen. Aber das Gesetz ist wesentlich dazu bestimmt, das der Staatsgewalt über jede Kirech zustehende Aufsichtsrecht auch bezüglich der jüdischen Religions-Genossenschaft sicherzustellen, somit dem Staate die Ueberwachung zu erleichtern und ihm die Mittel zu geben, wenn wirklich in dem jüdischen Bekenntniß die socialen und wirthschaftlichen Gefahren schlummern sollten, welche die Führer der antisemitischen Bewegung darin wittern, diesen Gefahren wirksam zu begegnen. Ja, während sonst bei kirchenpolitischen Gesetzen dieser Art die in Frage stehende Religions-Genossenschaft das Bestreben zeigt, ihre Autonomie möglichst auszudehnen, die staatliche Einflußnahme herabzudrücken, hat sich bei diesem Gesetze, dem Zeugnisse des Cultusministers und seines Vertreters zufolge, das Merkwürdige ereignet, daß die Regierung umgekehrt ein Drängen nach ausgedehnterer Einflußnahme des Staates abzuwehren hatte. Die Logik des Antisemitismus müßte demnach ein solches Gesetz eher fordern, als bekämpfen — wenn der Antisemitismus eine Logik hätte! Hat doch der Abgeordnete Türk seine Rede damit begonnen, daß er eigentlich nicht habe sprechen wollen, weil seine Gegnerschaft gegen die Juden keine religiöse, sondern eine nationale, sociale und wirthschafliche sei, und darauf ließ er eine Rede folgen, die sich fast ausschließlich mit der Lehre des Talmud beschäftigte. Herr Lueger war sogar noch offenherziger, indem er geradezu bekannte, daß das, was er spreche, gar nicht zur Sache gehöre.

Die ganze Debatte war also eingestandenermaßen nicht mehr als eine mit Begierde ergriffene Gelegenheit, die parlamentarische Tribüne wieder einmal der antisemitischen Agitation dienstbar zu machen, und, die von dem Stammpublicum solcher Vorstellungen reichlich besetzte Galerie gab auch so lange Beweise ihres Verständnisses für die beabsichtigte Wirkung, bis das Parlament von seinem Hausrecht Gebrauch machte. Ist aber der Zweck erreicht worden? Wir glauben nicht, daß Herr Lueger, der es liebt, bei Jedermann zwischen dem, was er öffentlich äußert, und dem, was er daheim im stillen Kämmerlein denkt, einen Unterschied vorauszusetzen, wenn er mit sich allein ist, diese Frage zu bejahen sich getraut. Das Leitmotiv, welches alle Antisemiten-Reden durchzieht, ist in dieser Debatte nicht zum erstenmale von unserem Abgeordnetenhause vernommen worden; aber wenn wir uns recht erinnern, hat die unendliche Melodie dier vereinigten Christen sonst eine ganz andere Wirkung gemacht. Was war das ehedem für ein geschäftiges, erwartungsvolles Drängen, wenn einer der Matadore vom Berge das Wort ergriff! Für einen starken Theil des Hauses war das Judenschlachten ein Fest wie das Schweineschlachten. Die Frommen von rechts fühlten sich zu den Demagogen von links mächtig hingezogen, mitten im Haufen erschien die hagere Gestalt des Prinzen von Liechtenstein, und sein beifälliges Nicken ermunterte den Redner, wie sonst die römischen Imperatoren die Fechter im Circus zu ermuntern pflegten. Eine Entgegnung wurde sehr selten vernommen; wer nicht gerade zu den Zustimmenden gehören wollte, dem galt doch da antisemitische Zwischenspiel als eine nicht unwillkommene Zerstreuung inmitten der trockenen Parlamentsarbeit, und wenn Herr Smolka noch vor nicht gar langer Zeit eine Urgenz des nunmehr beschlossenen Judengesetzes mit der Bemerkung beschwichtigte, erst komme das Geschäft und dann das Vergnügen, so schöpfte er aus der reichen Erfahrung des Hauses. Wir wissen nicht, ob es daran liegt, daß der Prinz von Liechtenstein dem Abgeordnetenhause den Schmuck seiner Mitgliedschaft entzogen hat, oder ob es daher kommt, daß schließlich der parlamentarische Gaumen auch gegen den Hochgeschmack des antisemitischen Gewürzes sich abstumpft; aber die Sache ist diesmal ganz anders verlaufen. Herr Türk suchte vergeblich die erschlaffenden Nerven seiner Hörerschaft zu reizen, nicht einmal seine Jägerndorfer Magd, die im Schlafe geschröpft wurde, vermochte das ersehnte Gruseln hervorrufen. Herr Lueger kämpfte fruchtlos gegen die heitere Stimmung des Hauses. Die unfehlbaren Bravour-Arien vom Großkapital, von der Mödlinger Schuhfabrik versagten, und er fand zu seiner Bestürzung, daß er nicht einmal mehr fürchterlich, sondern nur einfach lächerlich gefunden werde. Das Unglaubliche ereignete sihc, daß der vielgehöhnte „Rabbi“ Bloch sich nicht blos die Aufmerksamkeit, sondern sogar die Zustimmung des Abgeordnetenhauses erkämpfte; ein Gegner nach dem andern erhob sich, Weiflof nannte die antisemitische Spiegelfechterei eine Erbärmlichkeit, und die Debatte schloß unter dem tiefen Eindrucke des Wortes des Abgeordneten Gniewosz, daß die Fahne unrein sei, unter welcher die Antisemiten kämpfen.

Das wird vielleicht Manchem zu denken geben, der bisher geglaubt hat, den Antisemitismus mitmachen zu müssen, wie die Mode der Butzenscheiben oder der altdeutschen Möbel. Der tiefe Gedanke, der dem Repräsentativ-System innewohnt, daß da Parlament nicht blos der Bote der Massen, sondern der geläuterte Ausdruck der Volksmeinung sein soll, hat sich hier merkwürdig sieghaft erwiesen. Die Führer der antisemitischen Bewegung machten endlich die Bemerkung, daß die Caucusberedtsamkeit, die sich so oft unfehlbar bewies, um die Massen zu berauschen, vor einer Versammlung gebildeter und selbstdenkender Männer nicht die gleiche Wirkung übt, und Herr Lueger wird es allmälig begreifen lernen, daß es doch nicht „Alles eins“ ist, ob er bei der „Schönen Schäferin“ oder im österreichischen Abgeordnetenhause spricht. Vielleicht nie sind in einer Debatte so viele Unwahrheiten und falsche Behauptungen gewissermaßen auf der Stelle und documentarisch widerlegt worden wie hier, und dies geschah denselben Männern, die seinerzeit einen Gesetzentwurf eingebracht haben, der sozusagen ein Recht der Oeffentlichkeit auf Wahrheit begründen und dasselbe durch Strafsanctionen schützen sollte. Das kann und wird seine Wirkung auch nach Außen nicht verfehlen. Vielleicht nicht auf einmal, aber doch allmälig wird auch den Massen, die aus ihrer wirthschaftlichen Bedrängniß und der Noth des Tages zu dem politischen Alkohol sich flüchten, der ihnen von den Antisemiten-Führern geboten wird, die Erkenntniß aufdämmern, was das für Leute sind, die ihrem geängstigten und nach Erleichterung dürstenden Gemüthe als Halbgötter erschienen. Den Antisemitismus mit dieser Debatte für vernichtet zu halten, wäre Thorheit, aber den Herren Antisemiten ist in diesen vier Sitzungen eine Lection ertheilt worden, und das ist immerhin etwas, vielleicht der Anfang der so dringend nothwendigen Besserung.

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