Deutschfreisinnige Parteichronik

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Der Reichsfreund, 16. Februar 1890

Reichstagskandidaten.

Ein Wahlaufruf der vereinigten Freisinnigen und Demokraten Badens ist erschienen. Der Wahlaufruf schließt mit den Worten: „Darum, badisches Bürgertum, auf die Schanzen. Du mußt Dir selbst helfen, der Wahlzettel ist Deine Waffe. Wir haben nicht die Hilfe der Bureaukratie, aber wir haben die Macht der Wahrheit und des Rechts und das erhebende, uns über alle Verleumdungen der Gegner hinweghelfende Bewußtsein, daß einer guten Sache dient, wer kämpft für des ganzen Volkes Rechte, für des ganzen Volkes Wohlfahrt.“

Ein neuer Einbruch der Sozialdemokraten in die Versammlungsfreiheit der freisinnigen Patei ist aus Berlin zu melden. Dort hielt im 1. Wahlkreise Albert Träger am 5. abends seine von stürmischem Beifall begleitete Kandidatenrede. Nach dem Vortrage eröffnete der Vorsitzende die Diskussion und forderte Wähler aus dem 1. Wahlkreise auf, an den Kandidaten Fragen zu richten mit der Bitte, im Interesse der Versammlung eine Interpellation nicht über den Zeitraum von 10 Minuten auszudehnen. Diese Einschränkung paßte aber den in einer geringen Minderzahl anwesenden Sozialdemokraten nicht. Sie wollten als Gäste der freisinnigen Wählerversammlung Vorschriften über die von ihr zu beobachtende Geschäftsordnung machen und erhoben, als sie daran gehindert wurden, einen so wüsten Lärm, daß der Vorsitzende die Versammlung in dem Augenblick schloß, als der überwachende Polizeibeamte die Auflösung der Versammlung erklärte. Auch in Königsbergr i. Pr. ist am 6. eine freisinnige Versammlung durch Tumult der Sozialisten zur Auflösung gebracht worden. Dasselbe geschah am Sonntag in einer freisinnigen Wählerversammlung in Neustadt (Oberschlesien). Die in Forst in der Niederlausitz am Sonntag Nachmittag versuchte Auflösung einer freisinnigen Wählerversammlung, in der Eugen Richter zu Gunsten der Kandidatur Kuno Jeschke eintrat, mißlang den Sozialisten. Diese Vorfälle beweisen, in welcher Weise, diese Partei ihren angeblichen Grundsatz: „Gleiches Recht für Alle!“ zur Geltung bringt.

Im Wahlkreis Thorn hat eine freisinnige Wählerversammlung am 5. den Landgerichtsrat Rudies als Kandidaten zum Reichstage aufgestellt.

Im Wahlkreise Stendal-Osterburg ist Abg. Rickert als Kandidat der freisinnigen Partei aufgestellt worden, nachdem er in Stendal einen sehr beifällig aufgenommenen Vortrag gehalten hatte. Ein früher in Aussicht genommener Kandidat mußte wegen Erkrankung von der Kandidatur zurücktreten.

Im Wahlkreis Alsfeld ist Dr. v. Kalckstein-Berlin als Kandidat der freisinnigen Partei aufgestellt worden. Dr. v. Kalckstein hat sich in Wort und Schrift, insbesondere auch als Leiter freisinniger Vereine um die liberale Sache große Verdienste erworben.

Im bayerischen Neustadt-Rothenburg ist Herr Leonhard Seyboth, Bruder des freisinnigen Kandidaten in München, seitens der freisinnigen Partei als Kandidat aufgestellt worden.

Für Fraustadt-Lissa ist der Landtagsabgeordnete Landrichter Kolisch in Lissa als freisinniger Reichstagskandidat aufgestellt worden.

Freisinnige Partei und Volkspartei haben als gemeinschaftliche Kandidaten aufgestellt: In Aschaffenburg Herrn Karl Ruppert in Miltenberg, im 12. württembergischen Wahlkreise (Crailsheim-Mergentheim) Herrn Georg Pflüger in Creglingen.

In Elsaß-Lotn vereinigen sich die freisinnigen Stimmen auf den Landtagsabgeordneten Eugen Richter-Charlottenburg.

Für Saatzig-Pyritz haben die vereinigten Liberalen des Wahlkreises Rittergutsbesitzer Runge auf Altdamerow als Reichstagskandidaten aufgestellt.

Für den Wahlkreis St. Wendel Ottweiler-Meisenheim ist gegen den Frhrn. von Stumm als freisinniger Kandidat Herr Bierbrauereidirektor Karl Simon in Ottweiler aufgestellt worden.

Für den Wahlkreis Neuhaldensleben-Wolmirstadt ist in einer am Sonntag stattgehabten Versammlung freisinniger Wähler nach beifällig aufgenommenen Ansprachen der Herrn Max Nathan aus Magdeburg und Dr. Sachtleben aus Erxleben Oberbürgermeister von Forckenbeck in Berlin endgiltig als Reichstagskandidat aufgestellt worden.

Weiter sind als Kandidaten der Deutschen freisinnigen Partei aufgestellt:

für Memel-Heydekrug: Rechtsanwalt Scheu in Heydekrug;

für den 1. mecklenburgischen Wahlkreis (Hagenow-Grevesmühlen): Prof. Hänel in Kiel; derselbe für den 18. sächsischen Wahlkreis (Zwickau);

für den 10. sächsischen Wahlkreis (Döbeln-Rossen): Dr. med. Krieger in Leipzig;

für Lüneburg-Soltau-Wiesen: Abg. Eugen Richter-Charlottenburg; derselbe für den 13. sächsischen (Amtshauptmannschaft Leipzig), für den 15. sächsischen (Rochlitz-Flöha);

für Celle-Gifhorn-Peine: Kaufmann W. Buddenberg in Burgdorf;

für Kreuzburg-Rosenberg: Professor Dr. Rudolf Virchow in Berlin;

für den 3. sächsischen Wahlkreis (Bautzen-Kamenz): v. Forckenbeck-Berlin; derselbe für den 6. sächsischen (Dresden-Altstadt, Dippoldiswalde); für den 9. sächsischen (Freiberg) und für den 17. sächsischen Wahlkreis (Glauchau-Mehrane);

für den 8. sächsischen Wahlkreis: Rechtsanwalt Eysoldt-Dresden;

für den 20. sächsischen Wahlkreis (Marienberg): Fabrikbesitzer Max Langhammer in Chemnitz.

Vereine und Versammlungen.

Ein deutschfreisinniger Arbeiterverein hat sich in Fürstenwalde an der Spree gebildet.

Der liberale Wahlverein für Schaumburg-Lippe hat in einer letzten Generalversammlung folgende Herren in den Vorstand gewählt: Rechtsanwalt G. Langerfeldt-Bückeburg, Vorsitzender: Senator Alber Biesantz-Bückeburg. Senator Adolph Baar-Stadthagen, Landtagsabgeordneter Homeyer-Hülshagen, Landtagsabg. Brettbauer-Steinhude., Landtagsabg. Aug. D. Salfeldt-Stadthagen, Oekonom Barkhausen-Echtorf, Mühlenbes. W. Lambrecht-Stadthagen, Fabrikant G. Becker-Nordsehl, Oekonom Aldag I-Eversen, Schmiedemeister H. Schaer-Hagenburg.

Selb in Bayern. Der fortschrittliche Verein wählte am 20. Januar zum Vorsitzenden Dr. Siemens, zum Stellvertreter Wilh. Wölfel, zum Schriftführer Fuchs.

Magdeburg. Ein deutschfreisinniger „Verein Kaiser Friedrich zu Buckau“ hat sich nach einem Vortrag des Herrn Max Nathan gebildet. Es wurde ein vorläufiger Vorstand von neun Mitgliedern gewählt mit Kaufmann Alexander Koch als Vorsitzenden.

Berlin. Der Bezirksverein „Alt-Berlin“ wählte in seiner letzten Generalversammlung in den Vorstand die Herren Rechtsanwalt Sachs, Stadtverord. Jakobi, Pistorius und Woltmann. Die übrigen zwölf Vorstandsmitglieder wurden zum Teil wiedergewählt. Der Verein beschloß, dem Wahlfonds des ersten Reichstagswahlkreises 150 Mk. zu überweisen und den Vorstand zu ermächtigen, im Bedarfsfalle weiter 150 Mk. zu demselben Zweck zu verausgaben.

Berlin. Der fortschrittliche Verein der äußeren Luisenstadt zählt 500 Mitglieder. Bei der Vorstandswahl wurden die beiden Vorsitzenden: Stadtverordneter Weber und Rektor Patzke, wiedergewählt, außerdem die Herrn Protze, Schreiber, Sperling und Vogel. 300 Mk. sind für Wahlzwecke bewilligt.

Berlin. Der Bezirksverein der Rosenthaler Vorstadt wählte seine langjährigen Vorsitzenden, die Herren Stadtv. Hellriegel den Kfm. Thias wieder, ebenso durch Zuruf die Beisitzer und Rendanten. Für die Reichstagswahlen wurde der aus den Stadtverordnetenwahlen herrührende Ueberschuß von 169 Mk. bestimmt.

Berlin. Der Bezirksverein „Alexanderplatz“ wählte am 15. d. seinen bisherigen Vorstand wieder. Für den Wahlfonds im 1. Berliner Reichstagswahlkreise wurden 100 Mk. bewilligt.

Berlin. In der Generalversammlung des Dortheenstädtischen Bezirksvereins am 13. wurde der Vorsitzende, Abg. Dr. Otto Hermes, dessen Stellvertreter Stadtv. Louis Sachs, sowie sämtliche Beisitzer wiedergewählt. Der Verein zählte bei Jahresschluß 312 Mitglieder und besaß ein Vermögen von 4454 Mark.

Berlin. Der Wahlverein der deutschfreisinnigen Partei im 1. Reichstagswahlkreise wählte in seiner Generalversammlung den bisherigen Vorstand wieder, und zwar Dr. O. Hermes als Vorsitzenden, Chefredakteur Stephany als Stellvertreter, Stadtv. Leddihn und Reiß als Schriftführer, Stadtv. Sachs als Schatzmeister, dazu Vertreter aus den einzelnen Bezirken als Beisitzer.

Berlin. Im freisinnigen Bezirksverein des Wedding-Stadtteils wurden in den Vorstand wiedergewählt: Architekt Lenz, Mag.-Sekr. Glogauer, Kfm. Simonsohn, Lehrer Hohmann, Rentier Bertrand, Koppe, Kfm. Müller und Schäfer, Rektor Schumacher, Krönke. Der Verein zählt jetzt 246 Mitglieder.

Berlin. Der Bezirks-Verein im Stralauer Stadtviertel wählte in den Vorstand die Herren H. Schmalz, Bollmann, Alex Haber, Max Lustig, Kaufm. Traeger, Herrmann, Louis le Bret, I. Hirsch, Morche, Jastrow, Eger u. Lauffer.

Anmerkung

Bei  den Wahlen wird der Name des Kandidaten auf ein Blatt Papier geschrieben oder meist ein bereits vorgedruckter und von den Parteien verteilter Wahlzettel verwendet. Gewählt werden kann jeder im ganzen Land, weshalb verschiedene Kandidaten, etwa Eugen Richter oder Rudolf Virchow, in mehrerer Kreisen antreten. Es bedarf keiner offiziellen Bestätigung, die Aufstellung bedeutet nur, daß die Partei die betreffende Person als ihren Kandidaten ansieht und zu seiner Wahl aufruft.

Bei populären Politikern kann es durchaus vorkommen, daß sie in mehreren Wahlkreisen gewählt werden (etwa Eugen Richter 1881 in Berlin und in Hagen). Sie müssen sich dann für einen entscheiden, den sie vertreten wollen. Für die anderen Wahlkreise kommt es zu einer Nachwahl. Die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, werden von den Parteien taktisch genutzt. Wichtige Kandidaten in unsicheren Wahlkreisen bekommen deshalb oft noch eine sichere Kandidatur dazu. So können sie versuchen, den unsicheren Wahlkreis zu gewinnen, ohne aus dem Reichstag herausfallen zu müssen, wenn dies nicht gelingt.

Andererseits können zugkräftige Kandidaten auch in aussichtslosen Wahlkreisen und ohne lokales Personal Stimmen einsammeln, die dann in den Stichwahlen als Verhandlungsmasse zwischen den Parteien eingebracht werden können. Durch solche Abmachungen können auch kleinere Parteien ihre Kandidaten durchbringen, sodaß die Repräsentation im Reichstag zwar nicht proportional, aber grob den Verhältnissen im ersten Wahlgang entspricht. Allerdings kommt es zu einer gewissen Verzerrung aufgrund der ungleichen Wahlkreise, die Parteien wie die Freisinnigen benachteiligt, die eher städtisch ausgerichtet sind.

Siehe auch:

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