Verhaftung eines sozialdemokratischen Agitators

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Berliner Gerichtszeitung, 18. Februar 1890

Ueber die Verhaftung des sozialdemokratischen Agitators und früheren Stadtverordneten Fritz Görcki berichtet das „Berl. Tgbl.“ folgendes: Der Verhaftete hat sich schon seit Jahr und Tag bedeutender Wechselfälschungen schuldig gemacht; so lange er indes mit seinem Schwiegervater, dem Rentier Vogt, in gutem Einvernehmen stand, wurden die von Görcki auf den Namen seines Schwiegervaters gefälschten Wechsel von demselben immer pünktlich eingelöst. Seit Mai vorigen Jahres hat nun aber die Tochter des Herrn Vogt das Vaterhaus wieder aufgesucht und die Ehescheidungsklage gegen Görcki auf Grund seines Lebenswandels, Ehebruchs und gröblicher Mißhandlung eingeleitet. Die Klage schwebt zur Zeit noch, und ist zur Beweisaufnahme Termin auf den fünften künftigen Monats vor der vierten Civilkammer des Landgerichts II anberaumt. Selbstverständlich war unter solchen Umständen dem Schwiegervater die Geduld ausgegangen; er löste die von seinem Schwiegersohn gefälschten Wechsel nicht mehr ein, und so kam die Sache zur Kenntnis der Behörden. In der zweiten Hälfte des verflossenen Jahres hat Görcki nicht weniger als vier Wechsel über je 5000 Mk. und in allerletzter Zeit noch einen fünften Wechsel über 1500 Mk. auf den Namen des Herrn Vogt gefälscht. Bei der Unterschlagung handelt es sich um die Summe von 1400 Mk.: ein Herr Dorsch hatte nämlich dem Görcki einen auf Herrn Backhaus gezogenen Wechsel über 1500 Mk. zum Diskontieren gegen eine Vergütung von 100 Mk. übergeben. Görcki versilberte auch den Wechsel, anstatt aber die Valuta an Dorsch abzuliefern, verwendete er das Geld in seinem eigenen Nutzen. Bei dem Diskontieren fälschte Görcki übrigens die Unterschrift seiner Ehefrau. Eine weitere Wechselfälschung bezw. Unterschlagung hat sich Görcki dann auch noch einem Herrn Paap gegenüber schuldig gemacht, den er ebenfalls um eine hohe Summe schädigte. Görcki, welcher im Juni 1852 zu Breslau geboren ist, hat eine gute Erziehung genossen. Sein Vater ist Rechnungsrat und hat sich seit etwas Jahresfrist pensionieren lassen. Von dem Sohn sagte er sich los, als dieser sich dem Schlossergewerbe widmete. Sein agitatorisches Auftreten in Berlin, woselbst er zunächst in der Lehmann’schen Fabrik, Naunynstraße, Beschäftigung fand, ist bekannt. Nachdem er als Kandidat der sozialdemokratischen Partei zum Stadtverordneten gewählt worden war, richtete man ihm ein am Kottbuser Platz belegenes, elegantes Cigarrengeschäft ein. Von dieser Zeit an datiert Görckis Vermögens-Verfall; er pflegte sehr großspurig aufzutreten und für seine Person ungeheure Summen zu verbrauchen. Als seine Gläubiger das Ladeninventar und die Waren durch den Gerichtsvollzieher pfänden ließen, befriedigte der zukünftige Schwiegervater Görckis die Gläubiger durch Zahlung einer Summe von 4500 Mk. Im Februar 1887 heiratete Görcki die Tochter des Herrn Vogt, ein hübsches und gebildetes Mädchen, und etablierte im Hause seines Schwiegervaters eine Schlosserwerkstatt. Diese vernachlässigte er aber mehr und mehr, so daß er bald von den Geldern seines Schwiegervaters leben mußte, der trotzdem die Hoffnung nicht aufgegeben hatte, seinem Schwiegersohn das Geschäft zu erhalten. Die Geldbeträge, welche Görcki zur Anschaffung von Material etc. erhielt, verpraßte er in schlechter Gesellschaft. Kurze Zeit versuchte es Görcki dann mit einer Maschinenfabrik in der Wallstraße, welche ihm der Schwiegervater hatte einrichten lassen; aber auch diese vermochte der letztere nicht zu halten. Endlich entschloß sich derselbe noch, seinem Schwiegervater die Mittel zu einem Bau auf dem Grundstück Verlängerte Winterfeldtstraße 2 herzugeben. Von den Baugeldern vergeudete Görcki etwa 30 000 Mk., davon 5000 Mk., in wenigen Tagen. Die um ihre Arbeitslöhne geprellten Bauhandwerker ließen ihre Forderungen hypothekarisch auf das Grundstück eintragen. Seit September steht das Haus unter Administration und gelangt am 24. d. M. zur Subhastation. Während seine Ehefrau einige Tage abwesend war, verpfändete bezw. verkaufte Görcki die ganze Wohnungseinrichtung, Gold- und Schmucksachen seiner Frau und verpraßte den Erlös in Gemeinschaft liederlicher Dirnen. Unter solchen Umständen zog es die bedauernswerte Frau denn doch vor, in das Vaterhaus zurückzukehren und auf Ehescheidung anzutragen. Görcki mochte das Ende seines Treibens längst vorausgesehen haben; denn er äußerte wiederholt, daß er sich bei seiner etwaigen Verhaftung eine Revolverkugel durch den Kopf jagen würde. Er wurde in der Wohnung des Bauunternehmers Kraatz in der Chausseestraße, von welchem er ein kleines Zimmer abgemietet hatte, verhaftet.

Anmerkung

Nach Kaufkraft kann man sehr ungefähr von einem Kurs von 1 Mark = 10 Euro ausgehen. Allerdings liegen die Einkommen 1890 weit niedriger als heute, das Durchschnittseinkommen bei etwa 650 Mark pro Jahr. Arbeiter in den Städten verdienen allerdings besser und können durchaus auch 1000 Mark und mehr verdienen. Setzt man die verausgabten Summen dazu ins Verhältnis, so kann erkennen, auf was für einem großen Fuß der Proletarierführer und Exproprieteur Görcki lebt.

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