Zum 20. Februar 1890!

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Der Reichsfreund, 20. Februar 1890

Der Wahltag ist da! Ein verhängnisvoller Tag für das deutsche Volk und seine Zukunft. Heute hat das deutsche Volk sich zu entschließen, ob es sich von dem Alp, der es seit drei Jahren belastete und ihm die Kraft freier Entwickelung raubte, endlich befreien will, — von dem Alp der Kartellmehrheit des Reichstags, von dem aus Lug und Trug entstandenen Angstprodukt des 21. Februar 1887.

Diese Nummer des Reichsfreund wird um dieselbe Stunde in die Welt gesandt, wo in den hunderttausend Wahlbezirken der 397 Wahlkreise des Reiches die Wahlurnen ausgeschüttet und die Stimmzettel gezählt und gesondert werden.

Wir hegen die feste Zuversicht: der heutige Tag wird uns die Befreiung bringen:

Die Kartellmehrheit wird zerstört!

Liebedienerei und Strebertum mögen trauern, für Ducker und Mucker, für Dunkelmänner und Rückwärtsdränger ist wenig Aussicht, künftig etwas durch den Reichstag zu erschnappen, Agrarier und Schutzzöllner, Landjunker und Schlotjunker, die es so trefflich verstanden haben, durch Ausbeutung der wirtschaftspolitischen Irrtümer des mächtigen Kanzlers der breiten Masse des Volkes, den kleinen Leuten schwere Lasten aufzubürden, um zu Gunsten des eigenen Geldbeutels die Klinke der Gesetzgebung zu erfassen — werden bald begreifen, daß sie ausgewirtschaftet haben.

Das Kartell unterliegt hoffentlich für immer. Leider hatten die Reichstagswahlen von 1887 und die preußischen Landtagswahlen von 1888, überhaupt die politischen Erfahrungen der letzten Jahre den alten Stamm fester freisinniger Männer in Stadt und Land so mit Unmut über die Leichtgläubigkeit der Wähler und mit Mißtrauen zu deren Mut erfüllt, daß man in den meisten Kreisen erst sehr spät, in vielen Kreisen zu spät, erkannte, daß sich trotz alledem in der Wählerschaft nach Ausschreibung der Wahl plötzlich ein wunderbarer Umschwung vollzog.

Im Volk erwachte der Zorn über die frechen Lügen, durch welche in den letzten Reichstagswahlen die Mehrheit zu Stande gebracht worden ist. Jetzt wußte man es, daß auf die Kartellbrüderschaft von 1887 das Wort des alten Dichters anzuwenden:

Sie sagen von gar seltsamen Sachen
Und lügen, daß die Balken krachen.

Das Volk hatte die Ursache der schamlosen Lügen nur zu gut erkannt. Plötzlich wurde von allen Seiten berichtet: „Die Nacht verschwindet, es tagt! Man will vom Kartell nichts mehr wissen!“

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Die Zahl der Abgeordneten, welche heute bereits die Mehrheit bekommen, wird erheblich geringer sein, als jemals bei einer früheren Wahl. Wir rechnen auf mehr als hundert Stichwahlen. Indessen — gleichviel! Die heutigen Wahlen, deren Ergebnis am nächsten Montag verkündet wird, werden erkennen lassen, daß im nächsten Reichstage das Kartell in einer ihm gebührenden ungefährlichen Minderheit erscheinen wird.

Die deutsche freisinnige Partei, die in vielen Wahlkreisen als die Mittelpartei zwischen Kartell und Sozialdemokratie auftritt, könnte möglicherweise eine Anzahl Sitze an die Sozialdemokraten verlieren und eine noch größere Zahl Sitze, die ihr sonst sicher wären, nicht erobern, weil die Sozialdemokraten meist für gut finden, ihre Kraft in erster Linie gegen die freisinnige Partei zu wenden. Aber auch in diesem Falle wird die freisinnige Partei erheblich stärker als bisher in den Reichstag einziehen. Die Prahlereien der nationalliberalen Gegner, die ein noch weiteres Zusammenschrumpfen der freisinnigen Partei mit Sicherheit voraussetzten, sind schon längst verstummt.

Das Anwachsen der Sozialdemokratie soll uns nicht entmutigen. Das Sozialistengesetz wird nicht verlängert werden und damit fällt die Hauptsache der sozialdemokratischen Wahlerfolge fort. Durch Wort und Schrift wirksam die Irrlehren der Sozialdemokratie zu bekämpfen, ist erst wieder möglich, wenn Sonne und Schatten gleich verteilt, wenn die Sozialdemokraten an ihrer Verteidigung nicht gehindert sind.

Nich im sozialistischen Zwangsstaat, sondern im freien Verfassungsstaat, nicht durch die Hilfe des Staates, sondern durch eigene Kraft muß sich der Arbeiter emporarbeiten zu einer besseren wirtschaftlichen Stellung — und er kann dies, wenn er die Mittel, die ihm Gewerkvereine und Genossenschaften darbieten, in verständiger Weise benutzt. Aber die erste Voraussetzung einer gesunden Entwicklung der Arbeiterverhältnisse ist das gleiche Recht für Alle.

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