Die Antisemiten unter sich

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Der Reichsfreund, 20. Februar 1890

Ein Berliner Antisemitenhäuptling, der bisherige erste Vorsitzende des antisemitischen Volksvereins Postassistent Kotzer, ist nach einer Schilderung der antisemitischen „Staatsbürgerzeitung“ ganz plötzlich nach Karthaus versetzt. Der Verein hat ihm am 14. Febr. ein Abschiedsfest gegeben, an dem neben 300 Vereinsmitgliedern noch 200 Postassistenten teilnahmen. Kotzer hielt eine Abschiedsrede, in welcher er seine Verdienste um die Judenhetze schilderte. Weil das Vaterland in Gefahr, sei es Pflicht, kämpfend für dasselbe einzutreten und darum folge er der Fahne, die Dr. Böckel hält und verteidigt; die radikalen Antisemiten seien wahre Vaterlands- und Volksfreunde . . . . Sein öffentliches politisches Auftreten sei schon öfters unliebsam vermerkt, deshalb sei er auch urplötzlich versetzt. Man wolle ihn für die Bewegung tot machen, aber das werde nie und nimmer gelingen. Am 16. Februar treffe er in seinem Verbannun[g]sorte Karthaus ein, am 18. Februar schon werde er eine öffentliche Volksversammlung abhalten „und für den Antisemitismus Bresche legen“ u. s. w. u. s. w.

Zu dieser Rede des, wie er sich selbst bezeichnet, „gleichsam ausgewiesenen“ Postassistenten giebt das Stöcker’sche Antisemitenblatt „Volk“ folgende Erläuterung:

„Wir schwärmen nicht für Strafversetzungen aus politischen Gründen. In diesem Falle glaube wir jedoch, daß die Herren Kotzer „strafversetzende“ Behörde der Sache des Antisemitismus in Berlin einen wesentlichen Dienst geleistet hat. Herr Kotzer war der Führer der leider nicht mit Unrecht Radau-Antisemiten genannten Böckelianer, welche noch Freitag vor acht Tagen die Förster’sche Versammlung bei Buggenhagen in pöbelhafter, den Sozialdemokraten abgelernter, Art gesprengt und Herr. Dr. Paul Förster zur völligen Lossagung von dieser Richtung geführt hatten. Dies war eine der letzten Heldenthaten Herrn Kotzer’s gewesen. Jetzt kann er in Karthaus auf Junker und Pfaffen weiter schimpfen. Die anständigen Antisemiten werden sich freuen, nicht mehr seine Brandreden gegen Stöcker und Liebermann anhören zu müssen. Die — weniger anständigen Antisemiten aber müssen auf die Suche nach einem neuen Herrn und Meister gehen, der sie zu kühner That gegen die Deutsch-Sozialen, Christlich-Sozialen und Konservativen begeistert. Unbegreiflich ist und nur, daß Herr Witte, der Vorsitzende des „Deutschen Antisemitenbundes“, den scheidenden Herrn Kotzer als einen Mann gefeiert hat, der „stets die Augen offen und das Herz auf dem richtigen Fleck hatte.“ Noch vor einem Jahre nannte Herrn Witte seinen nunmehr „scheidenden Freund“ einen Radaubruder, mit dem man nicht zusammengehen könne.“

Nicht wahr? eine nette Gesellschaft.

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