Rosemarie Nitribitt: Recherchen und Theorien

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Im Jahr 1957 erschütterte ein Skandal die junge westdeutsche Republik: der Mord an Rosemarie Nitribitt in Frankfurt am Main. Wie sich herausstellte, hatte die Edelprostituierte in Beziehung zu einer Reihe hochstehender Persönlichkeiten gestanden und mit ihrer zielstrebigen Arbeit ein kleines Vermögen angespart, was alles nicht ganz zum Bild eines gefallenen Mädchens am Rande der Gesellschaft passen wollte. Dies und auch einige offensichtliche Ermittlungspannen der Polizei haben seitdem die Fantasie angeregt. In zahlreichen Zeitungsreportagen, Büchern, ja sogar Filmen wurde der Fall ausgelotet. Die Grenze zu Verschwörungstheorien verschwamm dabei in den wildesten Spekulationen, die Staatssicherheit etwa oder Politiker in der westdeutschen Regierung seien in das Verbrechen verwickelt gewesen.

Guido Golla rollt nun in seinem Buch „Rosemarie Nitribitt: Recherchen und Theorien“ den Fall erneut auf. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern standen ihm dabei Quellen zur Verfügung, die erst in jüngster Zeit freigegeben wurden. Insbesondere tauchten dabei Akten wieder auf, die in den Archiven einfach nur verlegt, nicht aber, wie zuvor oftmals behauptet, unter mysteriösen Umständen verschollen waren. Allein das widerlegte bereits gewisse Theorien, es sei zu einer umfassenden Vertuschung der Umstände gekommen, unter denen Rosemarie Nitribitt zu Tode kam.

Mit wissenschaftlicher Akribie geht Guido Golla daran, die Fakten zusammenzutragen, die über den Fall Nitribitt bekannt sind. Manche Lücken müssen hierbei bleiben aufgrund von Spuren, die seinerzeit nicht weiterverfolgt wurden, Ermittlungspannen der Polizei und dem Umstand, daß viele der handelnden Personen heute nicht mehr leben und somit ihr Wissen verloren ist. Dennoch stellt sich auf diese Weise ein recht engmaschiges Netz von Tatsachen ein, das zu plausiblen Schlußfolgerungen die Grundlage bieten kann.

Und diese Schlußfolgerungen zieht Guido Golla dann Schritt für Schritt. Mit großer Sorgfalt tastet er sich dabei vor und baut seinen Fall auf. Wie wahrscheinlich wäre es denn gewesen, daß einer der hochgestellten Kunden Rosemarie Nitribitt ermordet haben könnte? Hatten diese Kunden hinreichende Motive und Gelegenheiten? Die Antwort mag für Freunde von Verschwörungen ernüchternd sein: Es erscheint nur wenig plausibel, daß der Täter aus einer solchen Richtung kam. Dafür schält sich immer mehr heraus, daß der auch von der Polizei in erster Linie verdächtigte Heinz Pohlmann am ehesten als Mörder in Frage kommt.

Natürlich ist das kein gerichtsverwertbarer Beweis – Pohlmann wurde ja tatsächlich angeklagt und aufgrund von Schwierigkeiten freigesprochen, ihm die Tat lückenlos nachzuweisen. Aber wenn man sich nur ein Bild davon machen möchte, wer in Frage kommen könnte ohne letzte Sicherheit, so ist dies wohl, wie Guido Golla, überzeugend darlegt, die wahrscheinlichste Interpretation der Vorgänge. Auch wenn das ein etwas unspektakuläres Ergebnis ist, lohnt sich die Lektüre des Buches vielleicht gerade deswegen. So ist es allein schon interessant zu verfolgen, wie die abwegigeren Theorien zustandekamen und auf wie wenig sie sich gründeten. Nebenbei fallen dabei viele interessante Einblicke in das Leben und die Denkweise der Bundesrepublik in den 1950er Jahren ab.

Die fast schon wissenschaftliche Herangehensweise von Guido Golla könnte auf den ersten Blick ein eher trockenes Werk verheißen. Das ist aber nicht so. Zwar werden tatsächlich alle Tatsachen genau bis in die Fußnoten belegt; doch gerade, weil Guido Golla sich davon fernhält, journalistisch Zusammenhänge zu insinuieren, wird das Buch besonders spannend. Man kann in jedem Schritt genau verfolgen, wie die Argumente aufeinander aufbauen, selbst mitdenken, ob es andere Möglichkeiten geben könnte, und so seine eigenen Schlußfolgerungen ziehen. Sachverhalte, die sich nicht mit den zur Verfügung stehenden Informationen entscheiden lassen, werden offen gelassen und nicht gewaltsam in ein vorgefertigtes Bild hineingezwungen.

Fazit: Ein spannendes und gerade durch seine Wirklichkeitsnähe packendes Buch, das sich gut liest und einen nicht losläßt.

[Full Disclosure: Wir sind an der Entstehung des Buches zu einem kleinen Teil (Korrekturlesen, Diskussion über einige Punkte) beteiligt, nicht aber an seinem Erfolg.]

Siehe auch: Kapitalistenschweine mit neuem Werk

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