Telephon-Reform

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von Alexander Moszkowski, 1912

(Ein Gespräch am Apparat)

Der Teilnehmer: Bitte 3333.

Das Fräulein im Amt: Wie?

Der Teilnehmer: Dreiunddreißig — dreiunddreißig.

Das Fräulein: Mit dieser Nummer soll ich Sie verbinden?

Teilnehmer: Na ja, selbstverständlich.

Fräulein: Es ist nichts selbstverständlich im Fernsprechbetrieb. Das Unerwartete, hier wird es Ereignis. Es ist meine Pflicht, Sie auf das Überraschende vorzubereiten.

Teilnehmer: Ach bitte, keine philosophische Exkurse! Verbinden Sie mich lieber!

Fräulein: Mit der krummen Zahl, die Sie soeben nannten? Wer hat denn die?

Teilnehmer: Ein Freund von mir, ein gewisser Dr. Landau.

Fräulein: Ah, Dr.· Landau ist Ihr Freund?

Teilnehmer: Das geht Sie gar nichts an.

Fräulein: Wie, mein Herr! Ihre Sehnsucht fliegt über Kilometer hinweg zu einem unsichtbaren Freunde, ich stelle den heiß ersehnten Kontakt zwischen Ihnen her, und das soll mich nichts angehen? Ja, leben wir denn unter Barbaren? Wäre es nicht vielmehr menschlich richtig von Ihnen, mich als die gütige Fee zu betrachten, die Ihnen rechts und links die Hände reicht?

Teilnehmer: 3333!

Fräulein: Was wollen Sie denn Ihrem Freunde Landau telephonisch mitteilen?

Teilnehmer: Ich will mich nach seinem Befinden erkundigen.

Fräulein: O Gott! War er krank?

Teilnehmer: Ach wo, ich wollte ihn bloß so fragen, wie’s ihm geht.

Fräulein: Und damit vertrödeln Sie Ihre Zeit? Für solch nichtige, durch den Drang der Zeit in keiner Weise motivierten Fragen absorbieren Sie das Telephon und die Kräfte des Amtes? Haben Sie denn nicht die Denkschrift der Reichspostverwaltung gelesen?

Teilnehmer: Bitte, quackeln Sie nicht soviel. Ich will keine Denkschriften lesen, ich will verbunden werden.

Fräulein: Also seien Sie mir verbunden dafür, daß ich Sie auf diese höchst bedeutende und lesenswerte Denkschrift aufmerksam mache. Um das Wichtigste daraus zu zitieren: „Es werden viel zu viel überflüssige Gespräche am Fernsprecher geführt!“ Darum sind ja auch die Pauschalgebühren beseitigt worden. Die jedesmalige Zahlung von fünf Pfennigen soll erzieherisch auf Sie einwirken, mein Herr, soll Sie daran erinnern, daß Sie Raub an der allgemeinen Elektrizität begehen, wenn Sie schon in aller Herrgottsfrühe Ihren Freund Landau fragen, wie es ihm geht.

Teilnehmer: Aber Fräulein . .

Fräulein: Lassen Sie mich gefälligst ausreden, wenn Sie telephonieren! Ich rede hier in amtlicher Eigenschaft, um Ihnen klarzumachen, daß wir uns gegenwärtig sozusagen in einem Übergangsstadium befinden. In diesem Stadium sollen Sie die Betriebsschwierigkeiten kennen lernen, die sich aus der übermäßigen Belastung der Anschlußleitungen ergeben. Stellen Sie sich vor, daß jeder Teilnehmer jeden seiner Freunde in jeder Minute fragen würde, wie es ihm geht! Ja, wäre denn das noch zu bewältigen? Wir haben da das berühmte Beispiel des Mannes, der werktäglich dreihundertzwanzig, also im Jahre hunderttausend Gespräche führte. Ist das erhört? Hat denn da die Denkschrift nicht recht, wenn sie sich das verbittet? Und Sie, mein Herr, scheinen mir genau so ein Vielsprecher werden zu wollen! Wenn Sie das so forttreiben, werden Sie eine Quartalsrechnung kriegen, daß Ihnen die Augen übergehen!

Teilnehmer: Hören Sie mal, Fräulein, ich habe nicht die geringste Lust, mich mit Ihnen zu unterhalten.

Fräulein: Schlimm genug. Ich stehe Ihnen vorläufig wohl näher, als Ihr Freund Landau! Warum fragen Sie mich nicht, wie es mir geht?? Ich hätte Ihnen erwidert: Danke, schlecht, denn ich habe mich heiser mit Ihnen geredet. Was aber Ihren Freund Landau betrifft, so will ich Ihnen erklären, daß ich es ganz einfach ablehne, Sie mit ihm zu verbinden, es sei denn, daß Sie mir den Zweck des Gespräches als einen unbedingt notwendigen, im Sinne der Denkschrift, nachweisen. Kopfschmerzen habe ich übrigens auch, das teile ich Ihnen mit, ohne daß Sie deswegen mit fünf Pfennigen belastet werden. Sie sollen sparen lernen. So! und jetzt: Schluß! . . . Sprechen Sie noch??

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