Die deutschen Reichstagswahlen

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Neue Freie Presse, Wien, 21. Februar 1890

(Telegramme der „Neuen Freien Presse“.)

Berlin, 20. Februar. Die Reichstagswahlen vollzogen sich heute sehr ruhig, ohne besonders hervortretende äußere Erscheinungen. Allgemein bemerkt wurde das gänzliche Fehlen des christlich-socialen und antisemitischen Elements, wodurch die heutigen Wahlen von den gehässigen Zügen der letzten und vorletzten Reichstagswahlen frei blieben. Die Betheiligung war bis Mittag nicht auffallend stark. Die Arbeitermassen wurden erst Nachmittags erwartet und strömten auch erst von 4 bis 6 Uhr in die Wahllocale. Mit der größten Spannung sieht man dem Ergebnisse im zweiten Wahlkreise entgegen, wo durch den Zuwachs an der Stadtperipherie seit 1887 mehr als zehntausend Wähler, meist dem Arbeiterstande angehörig, hinzugekommen sind.

Der Kaiser ließ heute Mittags die ganze Berliner Garnison allamiren. Der Sammelplatz war das Tempelhofer Feld bei Berlin, wohin die erstaunte Bevölkerung die Infanterie raschen Schrittes, die Reiterei im Trab eilen sah. Das ungewohnte Schauspiel erzeugte das Gerücht, die Truppen seien zur Bekämpfung von Unruhen anläßlich der Wahlen ausgerückt, was sich bald als unbegründet erwies. Nirgends war die Ruhe gestört worden, und die Truppen rückten lediglich zu Uebungen an den genannten Ort ab, denen der Kaiser ebenfalls beiwohnte. Erst nach 5 Uhr kehrten die Truppen zurück.

Berlin. 20. Februar. Der Reichskanzler wählte im ersten Wahlkreise um 4 Uhr im Wahllocal des Herrenhauses. Bei Ausgabe des Stimmzettels sagte er zum Wahlcommissär: „Es ist wol das letztemal, daß wir uns hier sehen.“ Als der Wahlcommissär unter Hinweis auf die Rüstigkeit des Kanzlers Widerspruch, erwiderte dieser: „Aber ich bin 75 Jahre alt, und fünf Jahre sind eine lange Zeit.“ Der Kanzler, der die Cürassier-Uniform trug, sah übrigens sehr wohl aus und grüßte verbindlich nach allen Seiten, auch die Zettelvertheiler der verschiedenen Parteien.

Berlin, 20. Februar: Die Berliner Wahlen ergaben bisher folgendes Resultat: Die Freisinnigen kommen in vier Wahlkreisen in die Stichwahl. Im ersten Wahlkreise findet zwischen dem Freisinnigen Träger, der 6467 Stimmen erhielt, und dem Conservativen Zeidler, für den 4529 Stimmen abgegeben wurden, eine Stichwahl statt; der Social-Demokrat Schulz erhielt 3516 Stimmen, v. Kehler (Centrum) 203 Stimmen. Im zweiten Wahlkreise kommt Virchow, der 16,302 Stimmen erhielt, mit dem Social-Demokraten Janiszewski, auf den 16,432 Stimmen entfielen, in die Stichwahl, der Conservative Irmer erhielt 12,368, Kehler (Centrum) 334 und der Demokrat Melos 14 Stimmen. Im dritten Wahlkreise findet eine Stichwahl zwischen dem Freisinnigen Munckel und dem Social-Demokraten Wildberger statt. Im fünften Wahlkreise kommt es zur Stichwahl zwischen dem Freisinnigen Baumbach und dem Social-Demokraten Auerbach. Im vierten und sechsten Wcihltreise ist die Wahl der Social-Demokraten Singer und Liebknecht gesichert.. Das heutige Wahlergebniß unterscheidet sich von dem im Jahre 1887 dadurch, daß damals im zweiten Wahlkreise eine Stichwahl zwischen Virchow und dem conservativen Candidaten stattfand, während es jetzt zu einer solchen zwischen Virchow und dem Candidaten der Social-Demokraten kommt. Die Stimmenanzahl der Social-Demokraten ist gestiegen, die der Conservativen stark gefallen, im zweiten Wahlkreise allein von 19,000 auf 12,000.

Berlin, 20. Februar. Im zweiten Wahlkreise ist die genaue Stimmenzahl folgende: Für Virchow wurden 17,772 (um 1000 mehr als 1887), für den Social-Demokraten Janiszewski 19,000 Stimmen abgegeben. Im dritten Wahlkreise erhielt Munckel 11,574, der Social-Demokrat Wildberger 12,278, im fünften Baumbach 10,060, der Social-Demokrat Auerbach 7232, der Conservative Lüdke 4324 Stimmen. Im Ganzen ist die Zahl der freisinnigen Stimmen im Vergleiche zu der im Jahre 1887 gleichgeblieben. Die Conservativen haben im Ganzen um mehr als 10,000 Stimmen verloren. Die social-demokratischen Stimmen sind hauptsächlich durch den Zuzug von Arbeitern in den neu entstandenen Bezirken angewachsen.

Auch aus den Provinzen wird ein starkes Anwachsen der social-demokratischen Stimmen gemeldet, so aus Ost-Havelland, Frankfurt an der Oder, Sonneberg (Thüringen) und Königsberg, wo der national-liberale Bürgermeister Hoffmann durchgefallen ist und der Freisinnige Pappendiek mit dem Candidaten der Social-Demokraten in die Stichwahl kommt.

Berlin, 20. Februar. Ueber auswärtige Ereignisse liegen folgende Meldungen vor. In Danzig kommt es zu einer Stichwahl zwischen Rickert und dem Cartell-Candidaten. In Magdeburg (bisher national-liberal) wurde der social-demokratische Candidat gewählt. In Breslau (West) findet eine Stichwahl zwischen den Candidaten der Freisinnigen und der Social-Demokraten statt. In Breslau (Ost) hat der social-demokratische Candidat gesiegt. In Stettin kommt es zu einer Stichwahl zwischen dem Freisinnigen Broemel und dem Candidaten der Social-Demokraten. In Bremen findet eine Stichwahl zwischen dem National-Liberalen Pappendiek und dem social-demokratischen Candidaten, in Nordhausen (bisher freisinnig) eine Stichwahl zwischen Träger und dem Candidaten der Reichspartei statt. In Hagen wurde Richter mit großer Mehrheit gewählt.

Frankfurt am Main, 20. Februar. Die heutige Reichstagswahl ergab die Nothwendigkeit einer Stichwahl zwischen dem Socialisten Schmidt und dem Candidaten der Cartellparteien, Rechtsanwalt Oswalt. Ersterer erhielt 7268, Letzterer 7083 Stimmen.

Dresden, 20. Februar. In Dresden-Altstadt wurde der Conservative Hultzsch mit 16,541 Stimmen wiedergewählt; auf den Socialisten Schönfeld entfielen 13,427, auf den Deutsch-Freisinnigen Alexander Meyer 1924 Stimmen. In Dresden-Neustadt ist die Wiederwahl des Conservativen Klemm zweifellos.

Dresden, 20. Februar. Gewählt wurden die Socialisten: Geyer in Leipzig (Land), Schippel in Chemnitz, Auer in Glauchau und Stolle in Zwickau. Zu Stichwahlen kommt es in Leipzig zwischen Götz und Bebel, in Zittau zwischen Buddeberg und dem National-Liberalen Seebald und wahrscheinlich in Schneeberg zwischem dem National-Liberalen Kulbaum und dem Socialisten Seifert, sowie in Annaberg zwischem dem National-Liberalen Solzmann und dem Deutsch-Freisinnigen Krause. In den übrigen Wahlkreisen haben wahrscheinlich die Cartellparteien gesiegt.

Darmstadt, 20. Februar. In Darmstadt (Stadt) erhielt Osann (Cartell) 4081, Müller (Socialist) 2090 und Munckel (freisinnig) 1820 Stimmen. In der Stadt sammt 42 Ortschaften entfielen auf Osann 8670, auf Müller 5541 und auf Munckel 3442 Stimmen. Aus 6 Dörfern fehlen noch die Resultate. Osann und Müller kommen wahrscheinlich in die Stichwahl.

Worms, 20. Februar. Im Wahlkreise Worms ist die Wahl Marquardsen’s (Cartell) gesichert.

Nürnberg, 20. Februar. Der Social-Demokrat Grillenberger wurde mit großer Majorität gewählt.

Stuttgart, 20. Februar. Im Stuttgarter Wahlkreise ist eine Stichwahl zwischen Siegle (Cartell) und dem Social-Demokraten Kloß nothwendig.

(Telegramme des Correspondenz-Bureau.)

Hamburg, 20. Februar. Das Wahlresultat in München I ist folgendes: Sedlmayer (national-liberal) erhielt 7300, Graf Preysing (Centrum) 4440, Seyboth (freisinnig) 1234, Birk (Socialist) 7539 Stimmen. Somit ist zwischen Sedlmayer und Birk eine Stichwahl erforderlich. In München II erhielten bis jetzt (10 ½ Uhr Abends, — die Landbezirke sind noch größtentheils ausstehend): Metzeler (liberal) 5327, Zimmermeister Leib (Centrum) 5225 und Vollmar (Socialist) 16,800 Stimmen.

In Augsburg ist die Wahl Biehl’s (Centrum) gesichert. In Wasserburg wurde Verleger Fischer (Centrum) gewählt. In Regensburg (Stadt) erhielt Graf Walderndorff (Centrum) 2199, Hofmann (liberal 1171, Grillenberger (Socialist) 580 Stimmen. Die Wahl Walderndorff’s ist unzweifelhaft.

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