Eine Theaterprobe

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von Alexander Moszkowski, 1912

Der Regisseur: Den dritten Akt, wenn’s gefällig ist! Herr Kloßmann, beginnen Sie! — Schauspieler Kloßmann: Mrrr — klungs — äff — hm — hm — rxl — schnuff. — Der Regisseur: So war’s ziemlich gut; nur noch etwas diskreter wünsche ich diese Stelle. Sie haben zu sprechen: „Ich fand zu Hause einen Zettel von Ihnen, was hat das zu sagen.“ Bitte noch einmal. — Kloßmann (spricht seine Rolle): Ich fd z H Settl von Ih — mrx — pff — krr — zu sagen. — Der Regisseur: Immer noch etwas zu deutlich! Meine Damen und Herren, wir kommen nicht vorwärts, wenn Sie sich nicht angewöhnen, konsequent unverständlich zu sprechen. Fräulein Gaumig, fahren Sie fort. Sie haben zu erwidern: „Ich muß unbedingt mit Ihnen reden.“ — Frl. Gaumig: ch u bdngt pst Ih rrr. — Kloßmann (den Bühnendialog fortsetzend): So? plff unbed krx rr schlff. — Der Direktor (von der Loge aus): Nein, nein, so geht’s nicht! Ich habe hier soeben das eine Wort „unbedingt“ ganz deutlich verstanden, das — zerstört die Illusion! Berliner Sprechstil, meine Herrschaften! Denken Sie ans Publikum! Die Leute sind heutzutage in dieser Hinsicht so verwöhnt. Man will keine wohltönenden Deklamationen, — dazu bezahlt keiner fünf Mark Entree, — man will deuten, erraten, mutmaßen, — das ist eben die Kunst! — Der Regisseur: Oder noch besser: denken Sie gar nicht an’s Publikum. Sie erzählen sich da oben auf der Bühne Geheimnisse, die das Parkett nichts angehen. Das ist das Wesen des Naturalismus. — Kloßmann (in der Rolle):- Hub wr bdx ll ll sss sss prf uif. — Der Regisseur: Noch immer zu laut und klar! Herrgott, Sie haben doch die schöne diphtheritische Stimme, benutzen Sie sie doch, um das zu verschweigen, was in Ihrer Rolle steht! — Der Direktor: Wir müssen die ganze Sache noch einmal von vorn proben. Vor allen Dingen, Herr Kloßmann, machen Sie sich eine andere Maske. Der Bart muß Ihnen dermaßen um den Mund herumhängen, daß auch die letzten Schallwellen darin stecken bleiben. Dann behalten Sie, bitte die Zigarre beim Sprechen dauernd zwischen den Zähnen . . . — Der Regisseur: Und namentlich: kehren Sie dem Parkett den Rücken. Noch mehr herum . . . So! — Der Direktor: Inspizient! Verfinstern Sie doch alles radikal! Es genügt nicht, daß man nichts hört, man darf auch nichts sehen. Wenn man erst nichts sieht, versteht man noch weniger als nichts, und darauf kommt es an. — Der Regisseur: Und während dieser Verfinsterung sprechen Sie Ihre Rolle ganz hinten in die Kulisse hinein. — Kloßmann (in der Rolle): F — — l — — x — — x — — s — — l — — Der Direktor: So ist’s gut! jetzt haben wir endlich den richtigen Berliner dramatischen Sprechstil! Bravo! Das wird ungeheuern Effekt machen!

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