Auswanderungsschwindel

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Berliner Gerichtszeitung, 25. Februar 1890

— Auswanderungsschwindel. Aus Hinterpommern schreibt man über die dort betriebene Auswanderungsagitation der „Nordd. Allg. Ztg.“: Die Leute brechen ohne weiteres ihre Kontrakte und halten sich dazu sogar für berechtigt. Man hat ihnen vorerzählt, daß der Kaiser die Auswanderung nach Brasilien wünsche, ihnen deutsche Kaiserliche Schiffe zur Fahrt nach Brasilien zur Verfügung stellen, und ihre Söhne, welche augenblicklich im stehenden Heere dienen, sofort entlassen werde, damit sie in Brasilien wieder in die dort aus Deutschen neu zu bildende Armee eintreten können. Von der Richtigkeit dieser und mehrerer anderer absurden Lügen sind die Leute so durchdrungen, daß jede vernünftige Auseinandersetzung des Sachverhalts in den allermeisten Fällen sie in ihrem Glauben nur noch mehr bestärkt. Wenn man sie fragt, wie sie dergleichen Zeug glauben könnten, antworten sie: „Die Herren wollen uns hier behalten, damit wir für sie arbeiten; in Brasilien spielen wir auch die Herren, gehen auf die Jagd und schießen das Wild; hier müssen wir höchstens Treiber spielen.“ — Einem Arbeiter wurde das Vergehen, welches in einem Kontraktbruch besteht, vorgehalten, worauf derselbe antwortete: „Wenn wir auf den Kaiserlichen Freischiffen nach Brasilien hinübergeschickt werden, dann wird ein anderer doch wohl nichts gegen unsere Auswanderung einzuwenden haben.“ Auf einzelnen Gütern sind sämtliche Arbeiter entschlossen, die Arbeit einzustellen und auszuwandern. Sie benehmen sich so frech, daß verschiedene Besitzer sich schon genötigt gesehen haben, den Landrat um Schutz für ihre Person zu ersuchen.

Anmerkung

Das Gerücht, das hier kursiert, ist zwar falsch, aber auch nicht ganz so abwegig, wie man vermuten könnte. Es wird von konservativer Seite durchaus überlegt, die Auswandererströme von Nord- nach Südamerika zu lenken, um dort dann deutsche Kolonien zu bilden und Einfluß auf die Länder zu gewinnen. Zudem ist auch nicht auszuschließen, daß hier Beobachtungen übertrieben werden, um Auswanderer als verführt darzustellen — die Quelle der Nachricht ist nicht zuletzt die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“. Den Gutsbesitzern laufen ja tatsächlich in Massen die Arbeiter weg aufgrund schlechter Löhne und Behandlung. Viele ziehen in die Städte, wo man wesentlich mehr als Arbeiter verdienen kann und auch unabhängiger ist. Andere zieht es in die neue Welt. Auch hier gibt es in der Zeit Initiativen von konservativer Seite, die Vermittlung durch Auswanderungsagenten zu behindern und zu unterbinden. Die von den Liberalen in den 1860er Jahren durchgesetzte Freizügigkeit kann man aber nicht beseitigen, auch wenn das die Zielrichtung ist.

Siehe auch:

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