„Der Sozialdemokrat ist nur ein Symptom, der Freisinnige ist die Ursache unserer sozialen Krankheit.“

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Berliner Gerichtszeitung, 27. Februar 1890

Von Nah und Fern. — Nach der amtlichen Feststellung des Wahlergebnisses sind am 20. Februar gewählt worden 21 Freisinnige, 16 Nationalliberale, 54 Konservative, 89 Centrumsmänner, 14 Freiconservative, 20 Sozialdemokraten, 2 Elsässer, 2 Welfen, 1 Däne, 14 Polen, 2 Mitglieder der süddeutschen Volkspartei und 2 Antisemiten. Es bleiben also noch mehr als 150 Stichwahlen zu erledigen, deren Ergebnis zum Teil von der Entschließung der Parteien abhängt, die für eigene Kandidaten in den streitigen Wahlkreisen nicht mehr stimmen, oder durch Stimmenthaltung oder durch Parteiwahlen für eine der beiden Stichwahl-Kandidaturen den Ausschlag geben können. Aus dieser Sachlage ergiebt sich die Notwendigkeit einer Vorverständigung, zu der die freisinnige Partei der Sozialdemokratie gegenüber auch bereit gewesen wäre, wenn die Kartellparteien zu ehrlicher Gegenseitigkeit sich entschlossen hätten. Aber die Nationalliberalen verlangten, ohne sich selbst zu verpflichten, einfach Heeresfolge, und die Kreuzzeitungspartei obschon ihr Kandidat in Breslau von dem dort getroffenen Abkommen den ausschließlichen Vorteil hat, will nicht einmal dulden, daß im zweiten Berliner Wahlkreis der Beschluß des Kartellvorstandes zu Gunsten Virchows zur Durchführung gelange. Den konservativen Wählern ist Stimmenthaltung zur Pflicht gemacht, um den Sieg des Sozialdemokraten über seinen freisinnigen Mitbewerber zu sichern. Nach dieser Parole wird die Kreuzzeitungspartei voraussichtlich in allen Wahlkreisen handeln, in denen die Sozialdemokratie mit dem Freisinn in Stichwahlen steht. Ihr leitendes Organ sagt wörtlich: „Der Sozialdemokrat ist nur ein Symptom, der Freisinnige ist die Ursache unserer sozialen Krankheit. So wird es vor allem die Pflicht der Vaterlandsfreunde sein, den sogenannten „Freisinn“, die Wurzel alles Uebels auszutilgen, den Urian unserer sozialen Mißstände zu schlagen, und ihn sollen wir gar zu den Ordnungsparteien rechnen, ihm unsere Stimme zuführen? Für die Hochkirchler der „Kreuzzeitung“ sind auch die Nationalliberalen nicht zünftig, dagegen kommen sie jetzt auf ihre alte Liebe für die konservative Garde der „treuen Schwesterkirche“ zurück. Der „Reichsbote“ bemerkt: „Dem Anwachsen der sozialdemokratischen Fraktion im Reichstag können wir, da die Konservativen und das Centrum in der Lage sein werden, allen verderblichen Anträgen und Abstimmungen entgegenzutreten, kalten und ruhigen Blutes entgegensehen. Hier ist auch nichts anderes zu machen, als daß nun die Konservativen und die mit ihnen zusammengehenden Parteien sich zu einem verständigen Vorgehen vereinigen.“ Die Nationalliberalen ihrerseits befinden sich schon unter dem Vorschatten des „konservativ-klerikalen“ Bündnisses. Nur dadurch wird die Aufregung erklärlich, die sich unter ihnen in der Dienstagssitzung des Abgeordnetenhauses kundgab, als der Abgeordnete Windthorst die Notwendigkeit betonte, den soziademokratischen Bestrebungen nicht mit Zwangsmaßregeln, sondern auf dem Wege entgegenzutreten, der allerdings in der offiziösen Presse auffälligerweise noch wenig Würdigung gefunden habe. In diesen Ausführungen wurde der kluge Führer des Centrums durch Ruf „Solingen!“ unterbrochen, mit dem der nationalliberale Abgeordnete v. Eynern, der eifrigste Kulturkämpfer des Rheinlandes, ausdrücken wollte, daß die Centrumspartei durch Ablehnung eines Kompromiß-Kandidaten, als welcher der Landesdirektor Klein in Vorschlag gebracht worden war, den Sieg des sozialdemokratischen Bewerbers verschuldet habe. Der Abgeordnete Bachem bezeichnete den Kompromißvorschlag als den Versuch der „bankerotten“ nationalliberalen Partei, ihre eigene Schwäche hinter dem Centrum zu verstecken. Dabei kam der schlagfertige Centrumsmann auf die Vorgänge bei den Wahlen von 1884 zurück, wo in Magdeburg, Hannover und in anderen Orten die Sozialdemokratie nur der Beihilfe durch die Nationalliberalen ihre Wahlsiege zu danken hatte. Redner erwähnte dabei eines Briefwechsels zwischen dem Abgeordnten Sattler und einem Führer der Nationalliberalen zu Köln, der durch Namensverwechselung zu seiner Kenntnis gekommen war und die Bemühungen um ein Bündnis mit der Sozialdemokratie außer Zweifel stellt. Diese Enthüllungen, die angesichts der bevorstehenden Stichwahlen doppelt unangenehm waren, entfesselten in den Reichen der Nationalliberalen einen unbeschreiblichen Entrüstungssturm. Doch die drohenden und beleidigenden Zurufe, in denen namentlich der Abgeordnete v. Cuny sich eine Führerrolle anmaßte, verstärkten nur den Eindruck, daß die nationalliberale Partei auf ihrer abschüssigen Bahn sich befindet, auf der sie ohne Halt nach rechts oder links auf das Niveau der erklärten Machtlosigkeit hinabgleiten wird.

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