Im Klub der Vertieften

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von Alexander Moszkowski, 1912

Baron Mucki: Ja, ’s is so! Das Familienleben geht mir über alles! Familienleben is überhaupt die Hauptsache! Fragen Sie nur den Oldenburg-Januschau. Herrjott, is schon wieder drei Uhr früh! ich meine: erst drei Uhr früh. Das is ’ne Zeit, mit der der Mensch prinzipiell nischt anfangen kann. Fürs Moulin Rouge is es schon zu spät und fürs Nachhausegehen is es noch zu früh. Also wie jesagt, das Familienleben.

Graf Gucki: Janz meine Ansicht, das heißt mit Präzisierung. So’n freisinniges, proletenhaftes Familienleben is für die Katze. Auf das staatserhaltende konservative Familienleben kommt es an. Auf jenes kernfeste, deutsche, an der würzigen Scholle hängende Familienleben, wie es sich seit dem sechzehnten Jahrhundert in Preußen durch Grundbesitz, Fideikommiß und Erbrecht entwickelt hat. Also wie gesagt, auf das vertiefte Familienleben. Jean, stellixn Sie mir noch ’ne Pommery kalt!

Freiherr Nicki: Undda kommt dieser verdammter Racker von Staat und will miterben! eine schlimmere Verwüstung des von uns so glücklich und nachdrücklich vertieften Familiensinnes ist doch gar nicht denkbar! Der Staat kann überhaupt, — na ich will gar nicht sagen, wo er mir rutschen kann. Prost Gucki!

Graf Gucki: Der Deibel soll den Staat holen! das wünsch’ ich ihm aus der Tiefe meines staatserhaltenden Bewußtseins heraus. In meinem altpreußischen Gemüt kocht es wie im Vesuv. Es lärmt und ächzt, es stöhnt und brüllt: wer kann mir bis acht Tage fünftausend Mark pumpen?

Baron Mucki: Na ich nich, bei fünfundzwanzig Prozent Zuschlag zur Einkommensteuer, wo man kaum noch aufs trockene Brot den Kaviar erschwingen kann.

Graf Gucki: Ich denke, Sie sind bald so weit mit Ihrer Erbtante Rosaura, — ist denn das alte Aas immer noch nicht verreckt?

Baron Mucki: Kein Bein! seit sechs Monaten vertiefen wir alle zu Hause unseren Familiensinn, indem wir auf ihren Tod warten; förmlich mit der Uhr in der Hand! Na und wennschon? Wer erbt nachher? wir oder der Finanzminister? sind ja ganz unklare Verhältnisse, die den Familiensinn total abstumpfen. Wer soll trauern, wenn einem die Erbschaft vor der Nase fiskalisiert wird? Einfach schauderös! Bei solcher grauenhaften Gesetzgebung, muß ich sagen, macht einem schon der Tod der nächsten Anverwandten keinen Spaß mehr! Jean mischen Sie mir mal ’n 1811 er Kognak mit ’n Benediktiner und ’n Gelbei drauf, ich muß meinen Ekel über diese hundföttischen, familienzersetzenden Zustände runterspülen!

Graf Gucki: Na wie wär’s noch mit ’nem kleinen Bakkarat oder sonst so ’n Fröbelschen Kinderspiel?

Baron Mucki: Hat ja gar keinen Sinn, so ausgepowert wie man is! Hab’ schon genug Ehrenwörter verspielt! Erstens stirbt se nich, und zweitens, wenn se schon stirbt, erbt man nich mal so viel, daß man seine Spielschulden bezahlen kann. Staat erbt, gräßliche Flotte erbt. Komme mir gerade in meinen heiligsten Gefühlen entwurzelt vor. Jean, Auto! Wollen noch ’n bißchen nach Riche rüberfahren und mit ’n paar edelgestimmten Hetären über verlorenes Familienglück seufzen!

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