Mit Entwicklung gegen Einwanderung?

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In der Debatte über im Wesentlichen geschlossene Grenzen gibt es einen Konsens darüber, daß nur eine sehr geringe Anzahl von Menschen wandern sollten oder doch bloß so wenige, daß sie kaum auffallen würden. Ein paar Ausnahmen mag man gestatten, aber nennenswert sollte Wanderung nicht werden. Das wäre ein „Problem“.

Die Geister scheiden sich dann allerdings bei den Mitteln, die man einsetzen will, um ein solches Ziel zu erreichen. Konservative betonen hier eher den Aspekt von „Law & Order“. Einwanderer erscheinen prima facie als Eindringlinge, gegen die mit polizeilichen Mitteln vorgegangen werden sollte. Die Heilmittel, die man verschreibt, sind somit die „Sicherung der Grenzen“ vor Einwanderern und die Abschiebung derjenigen, die es dennoch hineingeschafft haben. Vertretern eher „linker“ Positionen ist das alles etwas zu grob. Zu sehr tritt dabei der Zwang hervor, den geschlossene Grenzen bedeuten. Von daher setzt man seine Hoffnung mehr darauf, die vermeintlichen „Ursachen“ anzugehen, warum Menschen wandern.

Nicht ganz falsch wird vor allem das große Wohlstandsgefälle als eine Ursache ausgemacht. Könnte man hier die Bedingungen weltweit annähern, so wäre wohl eine Verminderung des Drucks zu erwarten, der Menschen zu einer Wanderung veranlaßt — so die unausgesprochene Annahme. Es liegt von daher nahe, die Entwicklung von armen Ländern zu unterstützen, um Wanderung zu vermindern. In seiner Rede im Thaliatheater plädierte der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz im März etwa in diesem Sinne dafür, den Freihandel mit Ländern in der Dritten Welt auszubauen. Mehr Entwicklungshilfe und anderweitige Unterstützung wären Vorschläge, die in eine ähnliche Richtung gehen. Teilweise schießt man dann aber auch über das Ziel hinaus und traut sich eine planwirtschaftliche Umgestaltung anderer Länder zu, die man sich zuhause wohl verbitten würde.

Doch was wären die Auswirkungen auf Wanderungsbewegungen? Würde eine schnellere Entwicklung, die aus anderen Gründen durchaus wünschenswert erscheint, zu einer Verringerung internationaler Wanderung führen?

Die Fakten sprechen gegen eine solche Vorstellung. Dazu muß man sich nur anschauen, aus welchen Ländern am meisten ausgewandert wird. Dies hat etwa Michael Clemens vom Center for Global Development sehr ausführlich in einem Übersichtsartikel über den Stand der Forschung getan (siehe auch seine Zusammenfassung auf dem Blog des CGDev).

Das Ergebnis ist recht eindeutig: Es sind nicht in erster Linie Menschen aus im strikten Sinne armen Ländern (Bruttonationaleinkommen von ungefähr 1.000 Dollar oder weniger pro Kopf), die ihr Glück in der Ferne suchen, sondern zumeist Menschen aus Ländern, die im Weltmaßstab schon das Niveau eines „middle income country“ erreicht haben. Zu diesen zählen übrigens Länder wie Bulgarien und Rumänien, die aus der hiesigen Sicht für besonders arm gehalten werden.

Je weiter die Entwicklung bereits gegangen ist, umso mehr Menschen wandern aus. Erst wenn ein Land schon fast zu den reichen Ländern aufgeschlossen hat, beginnt sich dieser Zusammenhang umzukehren, und die Auswanderung sinkt wieder, allerdings nicht wie in der impliziten Annahme auf ein vernachlässigbares Niveau. Im Zeitablauf ergibt sich eine „Migration Transition“ von niedriger zu hoher und dann wieder niedriger Auswanderung.

Was sind die Gründe für diesen Sachverhalt, der auf den ersten Blick nicht intuitiv sein mag?

Michael Clemens diskutiert hier die unterschiedlichen Erklärungsansätze, die sich wie folgt thesenhaft zusammenfassen lassen:

  1. Demographische Gründe: Mit wachsendem Wohlstand sinkt zuerst die Sterblichkeit. Es kommt zu einem Babyboom, weil insbesondere weniger Kinder sterben. Mit einer Verzögerung kann dies zu einem starken Angebot auf dem Arbeitsmarkt führen, was Menschen zur Auswanderung motiviert.
  2. Kreditrestriktionen: Menschen in armen Ländern sind vielleicht so arm, daß sie sich eine für sie durchaus gewinnbringende Auswanderung überhaupt nicht leisten können. Sie unterliegen „credit constraints“, die ihren Spielraum für Entscheidungen beschränken. Mit wachsendem Wohlstand läßt diese Restriktion nach.
  3. Informationsasymmetrien: Menschen in armen Ländern haben einen schlechteren Zugang zu Information und wissen nicht, wie viel ihnen eine Auswanderung bringen würde. Sie kennen sich auch zu wenig mit den Gegebenheiten in den Zielländern aus, um ihre Auswanderung zu planen. Mit mehr Wohlstand bekommen sie Zugang zu besserer Information.
  4. Struktureller Wandel: Entwicklung führt auch zum Aufbrechen hergebrachter Lebensweisen. Gesellschaftliche Bindungen lassen nach. Mehr Menschen finden sich in einer Lage, wo sie sich neu orientieren müssen. Und eine der Möglichkeiten ist dabei auch Auswanderung.
  5. Ungleichheit: Entwicklung könnte zu einer größeren Ungleichheit in den Ausgangsländern führen. Mehr Menschen sind mit ihrer Lage unzufrieden, weil sie einen Vergleich haben und ihre Erwartungen steigen. Dies motiviert sie, ihr Glück im Ausland zu suchen.
  6. Wanderungsbarrieren: Reiche Länder fühlen sich von Einwanderern aus armen Ländern stärker bedroht als von solchen aus Ländern mit einem zwar niedrigeren, aber doch schon vergleichbaren Lebensstandard. Von daher sind die Grenzen für Zuwanderer aus mäßig ärmeren Ländern offener als für solche aus deutlich ärmeren.

Wie Michael Clemens in seinem Übersichtsartikel zeigt, gibt es zu jedem dieser Ansätze bereits Untersuchungen. Keiner kann aber eine umfassende und befriedigende Erklärung für das Phänomen liefern. Dazu ist der Bereich auch bislang noch zu wenig erforscht.

Ganz gleich, was nun die Gründe auch sein mögen, kann man den Sachverhalt, der sich als recht stabil darstellt, einfach als gegeben annehmen. Hieraus folgt nun sofort, daß die „Lösung“ für Einwanderung in die reichen Ländern nicht die weitere Entwicklung in armen Ländern sein kann. Vielmehr würde diese voraussichtlich sogar zu mehr Wanderung führen als jetzt.

Insofern geht Olaf Scholz in seiner Rede fehl, wenn er meint, ein Mittel gefunden zu haben, durch das sich etwa die tragischen Vorkommnisse im Mittelmeer auf absehbare Zeit beseitigen ließen. Im Gegenteil wäre sogar mit mehr Unglücken zu rechnen, solange die Grenzen derart geschlossen gehalten werden.

Erst wenn die ganze Welt auf das Niveau der reichen Länder aufgeschlossen hätte, was je nachdem eine Verzehnfachung, ja Verhundertfachung des Wohlstandes voraussetzen würde, könnte der Hamburger Bürgermeister sich und seine Zuhörer in einer solchen Hoffnung wiegen. Wer den Wunsch nach weniger Einwanderung hier konsequent zuendedenkt, der müßte sogar die zynische Folgerung ziehen, daß arme Länder in ihrer Entwicklung gehemmt werden sollten.

Zusammenfassend kann man feststellen, daß der Versuch gut gemeint ist, durch mehr Entwicklung auch die Einwanderung zu drosseln, wenigstens im Vergleich zur polizeilichen Behandlung des vermeintlichen „Problems“. Wenn dadurch aus falschen Gründen zum Beispiel mehr Freihandel abfallen würde, wäre das wohl zu begrüßen. Doch wird man auf diesem Wege nicht zu seinem angestrebten Ziel gelangen. Im Gegenteil verschärft man vermutlich sogar das „Problem“, womit die zwangsweise Begrenzung von Zuwanderung stärker in den Vordergrund rücken würde.

Es sei denn, man akzeptiert als Realität, daß wir in einer Welt leben, in der Wanderung normal sein sollte und nicht als „Problem gelöst“ werden muß.

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