Ein Fräulein Doctor

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Neue Freie Presse, Wien, 2. März 1890

[Ein Fräulein Doctor.] Zu Gunsten des Vereines für erweiterte Frauenbildung in Wien hielt heute Abends im Saale des Niederösterreichischen Gewerbevereines Fräulein Dr. med. Agnes Bluhm die bereits angekündigte Vorlesung über das Leben und Streben der Studentinnen in Zürich. Der dicht gefüllte Saal war fast ausschließlich von einem weiblichen Auditorium besetzt; nur wenige Herren hatten sich zu der Vorlesung die des Reizes der Neuheit nicht einbehrte, eingefunden. Fräulein Dr. Bluhm selbst, eine zarte Dante von frischem, jugendlichen Aussehen, mag trotz, ihrer allzu schlichten Kleidung und der glatt nach rückwärts gekämmten Haare kaum als Typus eines weiblichen Doctors nach den bisher gewöhnlichen Vorstellungen gelten. Sie bemerkte in der Einleitung, daß sie der Einladung des Vereines für erweiterte Frauenbildung um so lieber Folge geleistet habe, als gerade in Wien noch ziemlich allgemein ein Vorurtheil gegen weibliche Studentinnen herrsche, allein ihr Vortrag werde sich nicht mit Sentenzen oder gar Agitationen für die Frauen-Emancipation befassen, sondern lediglich auf eine schlichte, wahrheitsgetreue Darstellung des Lebens der weiblichen Studenten in Zürich beschränken. Sie erinnerte daran, daß sich zu Beginn des Winterseniesters 1864/65 zum erstenmale in Zürich die Pforten der Hörsäle den weiblichen Studenten erschlossen, und heute seien an der medicinischen, juridischen und philosophischen Fakultät der dortigen Universität nicht weniger als 83 Studentinnen aus Deutschland, Oesterrch, Rußland und Amerika immatriculirt. Die Immatriculation der weiblichen Studenten erfolge so ziemlich unter den gleichen Bedingungen, welche in Bezug auf die wissenschaftliche Vorbildung bei den männlichen Studenten gelten. Die Studentin hat gleichfalls Anspruch auf den Titel „akademischer Bürger“, und wenn auch anfangs die Studenten in ihren weiblichen Concurrentinnen natürliche Feinde erblickten, so gestalte sich heutzutage der gegenseitige Verkehr kameradsehaftlich und ungezwungen. Ja die Kameradschaft gehe schon so weit, daß sich Männlein und Weiblein beim Examen gegenseitig durch ein Corriger la fortune aushelfen, Selten nur erlauben sich die Studenten, weibliche Collegen zu molestiren; einerseits, bemerkte die Vortrahende mit einem leisen Seufzer, seien die Schweizer von weit weniger chevaleresker Art gegenüber den Damen, als die Oesterreicher und Deutschen, andererseits beschäftigte die Wissenschaft so mächtig und zwingend das ganze Fühlen und Denken — und gerade im anatomischen Präparirsaale — daß dieser Umstand allein jede Inconvenienz verscheuche. Der Münchener Anatom Bischof habe zwar behauptet, daß das Zusammenstudiren der Herren uud Damen die Ideale der Weiblichkeit herabsetze, aber die Vortragende bestreitet dies auf Grund ihrer eigenen Erfahrungen. Der Verkehr, sagte sie, gewinnt freie und ungezwungene Formen, und der gegenseitige Gedankenaustausch wirkt nur fördernd und anregend auf beide Theile. Rühmend hebt Fräulein Dr. Bluhm hervor, daß die Professoren, obwol sie principiell gegen das weibliche Studium voreingenommen sind, bei Prüfungen die strengste Objectivität walten lassen. Die Rednerin schildert in eingehender Weise das Leben der Studentinnen im engeren Kreise und hebt hervor, daß nur die Russinnen es waren, die durch ihr legères und vernachlässigtes Aeußere sich früher wesentlich von den übrigen Studentinnen unterschieden und in den bürgerlichen Kreisen ein starkes Vorurtheil gegen weibliche Studentinnen wachriefen. Heute sei dies aber auch nicht mehr der Fall. In Zürich ist es entschieden worden, so schloß Fräulein Dr. Bluhm ihre Vorlesung, daß die sociale Bewegung auch unter den Frauen Eingang gewonnen hat. Wenn die Frauen als trauriges Product alter Erziehung eine gewisse Aengstlichkeit nach Außen zeigen, so mögen sie den Spruch beherzigen: „Das ist der Weisheit letzter Schluß: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß.“ — Rauschender Beifall und ein Blumenstrauß gaben der Vortragenden die Befriedigung ihrer Zuhörerinnen zu erkennen.

Siehe auch: Frauenstudium in Belgien

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